03. November 2019, 18:28 Uhr

Reformkleider und Ananastörtchen

03. November 2019, 18:28 Uhr

Einen im wörtlichen Sinn leuchtenden Abend erlebten mehr als 100 Gäste am Freitag während der Lesung von Astrid Ruppert. Im sogenannten Samtbau der Schenckenstiftung in Schweinsberg erstrahlten die Kronleuchter im Glanz vieler Kerzen und historische Büsten versetzten die Gäste in eine andere Zeit. Ulrike Sowa von der Homberger Buchhandlung hatte zur Lesung von Astrid Rupperts neuem Roman eingeladen. »Leuchtende Tage«, der erste Band einer Trilogie, wurde hier zum ersten Mal vorgestellt.

Das Buch spielt in Wiesbaden und beginnt im Jahr 1888 mit der Geburt von Lisette, Tochter aus betuchtem Haus. Lisette soll so leben, wie es die Eltern wünschen. Der Besuch einer öffentlichen Schule kommt für ein Mädchen genauso wenig in Frage wie der Verzicht auf ein Korsett, das den Körper einzwängt und die Bewegungsfreiheit einschränkt. Lisette träumt aber nicht von einer arrangierten Ehe und dem Leben, das ihre Eltern erwarten, sondern sie träumt von Freiheit und einem selbstbestimmten Leben. Reformkleider, die diese Freiheit auch nach außen dokumentieren und Ungebundenheit bedeuten, spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie beginnt Kleider zu entwerfen und sucht nach Möglichkeiten, diese Zeichnungen Wirklichkeit werden zu lassen. Im Schneidergesellen Emile begegnet sie einer verwandten Seele und beschließt ihre Eltern zu verlassen, um ein neues Leben zu beginnen. Passend zum Buch hatten Maßschneiderinnen der Alsfelder Max-Eyth-Schule drei wunderbare Kleider genäht. Ein mit einer Schleppe ausgestattetes Kleid dokumentierte anschaulich, mit welchen Bewegungseinschränkungen Frauen des vergangenen Jahrhunderts auskommen mussten. Ein weiteres Kleid zeigte Lisettes erste Versuche, ein eigenes Kleid zu schneidern und ein grünes Reformkleid erinnerte fast schon an heutige Kleider. Astrid Ruppert verdeutlichte während der Lesung anhand der Mode vergangener Zeiten die Reduktion der Frau auf ihre äußere Erscheinung. Musste die Frau doch damals tatsächlich vier Kilogramm an Kleidung mit sich schleppen. Und sie war ständig mit Umkleiden beschäftigt, da sie das Visitenkleid (um Besuche zu machen) nicht zur Mittagessen tragen durfte, das Nachmittagskleid nicht am Abend und das Kleid, in dem sie zum Ball ging, keinesfalls während einer anderen Gelegenheit. Die Lesung versetzte die gebannt lauschenden Gäste in eine andere Epoche. Dazu trugen der Veranstaltungsraum ebenso bei wie die Ananastörtchen aus dem Hause Kunder in Wiesbaden und der Kaffee in den stilechten Sammeltassen.

Karoline Adler, Lektorin des dtv-Verlages, überreichte Blumen und bedankte sich für diese außergewöhnliche Lesung. Da nicht alle Interessierten eine Karte erhielten, wird ein weiterer Lesungstermin anberaumt.

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