17. Oktober 2019, 21:47 Uhr

»Freiheit muss man sich erkämpfen«

17. Oktober 2019, 21:47 Uhr
Heike und Brunolf Metzler sind in der DDR groß geworden. Heute leben sie in Schlitz.

Brunolf Metzler, Jahrgang 1940, geboren im sächsischen Merschwitz, war Tuchmacherlehrling, Schäfer, Buchhalter, Bankkaufmann und Heimerzieher. Zum Kunststudium wurde er mehrfach abgelehnt. Zu kritisch hatte er sich bereits Anfang der 1970er Jahre über das DDR-System geäußert. Er und seine Familie wurden nicht nur von der Stasi beobachtet. Metzler erhielt auch das Angebot, als Informant für den Geheimdienst zu arbeiten. Er lehnte es ab, wurde mit Berufsverbot bedroht. »Ich wäre auch in die Landwirtschaft zurückgegangen«, sagt er rückblickend.

Heute lebt er mit seiner Frau Heike in Schlitz, ganz in der Nähe der Familie der jüngsten Tochter. Was sie in ihrer alten Heimat Ostdeutschland erkennen, ist, dass bei vielen Menschen die Leidenschaft und das Engagement für die Demokratie und ihre Werte bald nach der Wende zum Erliegen gekommen sind, schlimmer noch, dass die Demokratie für all das verantwortlich gemacht wird, was für Einzelne vielleicht enttäuschend und schwer war und immer noch ist. »Die Demokratie ist das kostbarste Gut, das uns gegeben wurde«, meint Brunolf Metzler. Heute berichtet Metzler in Hutzdorf über sein Leben in der DDR, wie er den Arbeiter- und Bauernstaat verlassen wollte und dann die plötzliche Wende erlebte.

Seine beiden älteren Töchter, die beide konfirmiert waren, durften in der DDR nicht studieren. »Wir waren nicht mehr frei, wurden belästigt und überwacht - alles, was so üblich war«, erinnert sich Heike Metzler, ebenfalls Lehrerin. »Letztlich war alles zu verkraften, nur dass Briefe, die wir schrieben und bekommen sollten, verschwanden, fanden wir sehr bedrückend.« Und noch etwas fanden sie sehr schlimm: Dass überall Misstrauen gesät war, selbst in den Beziehungen. »Man wusste nicht mehr, wem man was erzählen konnte«, formuliert es Heike Metzler.

Ihr Mann litt so sehr darunter, dass er krank wurde. Doch gemeinsam überwanden sie Krankheit und Misstrauen. So lebten sie schließlich mit kleinen Fluchten in einem System, das sie einengte und bedrohte.

Bis zur Wende dauerte es da noch 15 Jahre. »Irgendwann hörte ich von Glasnost im Radio«, erinnert sich Brunolf Metzler. Und er hörte vom Zusammenschluss von Menschen, die für eine Erneuerung der DDR eintraten. »Wir wussten, dass etwas passieren muss, auch wenn wir das Ziel zu dieser Zeit noch gar nicht genau kannten«, gibt Brunolf Metzler zu bedenken. Von der Abschaffung der DDR aber war man - zumindest in weiten Teilen - weit entfernt. Und ganz klar: »Ein vereintes Deutschland fand ich komplett abwegig«, erinnert sich Metzler, während seine Frau es sich schon habe vorstellen können.

Der Aufbruch auf der einen Seite bedeutete weitere Repressalien auf der anderen: »Nachbarn flehten uns an, ihre Kinder von Aktionen fernzuhalten«, blickt Heike Metzler zurück. Sie und ihr Mann selbst hatten mit Vertrauten schon ganz andere Abmachungen getroffen. Das Ehepaar stand auf einer Liste von Regimegegnern, für die eigens ein Lager errichtet werden sollte. »Wir hatten die wichtigsten Unterlagen schon in einer Kiste vergraben und unsere Kinder schon auf Bekannte verteilt.« Dieser Alptraum wurde nicht wahr. »Dass diese Wende bevorstand, ahnten wir nicht, und wir hatten große Angst damals, besonders um unsere Kinder.«

Am Tag des Mauerfalls war Brunolf Metzler zu einer politischen Veranstaltung in der Liebenwalder Kirche; viele Menschen waren dort, und als ein Zettel durch die Reihen ging, auf dem stand, dass die Mauer gefallen sei, konnte er erst nicht glauben. »Ich dachte, nun rennen alle raus und wollen es sehen und feiern und in den Westen gehen, aber alle blieben«, erinnert er sich. Bei Metzlers zu Hause kam die Tochter mit der Nachricht, die sie im Westfernsehen gehört hatte. »Wir dachten erst, wir müssten schnell in den Westen, bevor die Mauer wieder zugeht. Nicht dass wir die einzigen gewesen wären, die dann noch in der DDR geblieben waren«, denkt Heike Metzler zurück.

Es kam anders, wie man weiß, die Mauer fiel dauerhaft, und Metzlers nutzten wie viele andere Ostdeutschen die neue Freiheit zum Reisen. Als kulturbegeisterte Menschen zog es sie zu allererst nach Frankreich ins Burgund, wo sie sich alte römische Kirchen anschauten. Metzler: »Natürlich hofften wir auf Freiheit und auf Demokratie. Während wir kurz vor der Wende noch auf einer Liste von Systemkritikern standen, waren unsere Ängste auf einen Schlag so gut wie weg.«

Nach der Wende stellte das Ehepaar einen Antrag auf Einblick in seine Stasi-Akte. »Die war geschreddert, und als sie endlich wiederhergestellt war, interessierte es uns nicht mehr«, so Metzler. Der Blick zurück hätte ja nichts verändert. Schon bald nach der Wiedervereinigung wurde Brunolf Metzler Gymnasiallehrer, eine späte Genugtuung, wie er sagt. Mit Freiheit und Demokratie haben sich ihre Hoffnungen, die sie mit der Wende hatten, erfüllt. »Die ersten freien Wahlen waren ein Erlebnis.«

Warum es nun, 30 Jahre nach dem Mauerfall, immer noch so schwierig ist, das hohe Gut der Demokratie in den immer noch »neuen Bundesländern« zu schätzen, liegt für die Metzlers in der DDR-Sozialisation und dem Leben dort: »In der DDR war für alle gesorgt - wie und warum auch immer. Danach sehnen sich viele immer noch. Aber Freiheit und Demokratie bedeuten Verantwortung, man muss immer dafür kämpfen.

Diese Erkenntnis wünsche ich mir besonders für die Menschen in Ostdeutschland«, so Brunolf Metzler, und seine Frau fügt hinzu: »Viele Menschen im Osten Deutschlands sind unzufrieden - meiner Meinung nach völlig zu Unrecht. Den meisten geht es gut, und ich wünschte mir, dass sie mehr von ihren demokratischen Rechten Gebrauch machen.« (Foto: pm)

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