27. September 2019, 21:54 Uhr

Wachstum

Darfs ein Gewerbegebiet mehr sein?

Wenn Gewerbeflächen und Bauplätze nachgefragt werden, sind Kommunen zufrieden. Aber ist das Eingehen auf jede Nachfrage sinnvoll?
27. September 2019, 21:54 Uhr
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Von Rolf Schwickert

Mücke boomt. Eines der größten Gebäude im Vogelsbergkreis wird bei Atzenhain hochgezogen, in mehreren Ortsteilen sollen Neubaugebiete ausgewiesen werden. Es fließen Hunderttausende Euro in den Ausbau der Kinderbetreuung. Geht das so weiter?

Die Diskussion in den Ausschüssen hat gezeigt, dass auf den ersten Blick reizvoll erscheinende Projekte mit dem Beginn der Umsetzung Schattenseiten zeigen können. Das betrifft beispielsweise die Mücker Bedingungen, unter denen die Ansiedlung von Nordfrost läuft. Über Grundstückpreise und Ausgleichsmaßnahmen wird man sich deshalb Gedanken machen müssen. Und es geht um die Verträglichkeit von »immer mehr« in einem bestehenden, gewachsenen Umfeld. In diesem Sinne wollen sich die Gemeindevertreter zu verschiedenen Komplexen erst einmal sachkundigen Rat einholen.

Ausgang der Überlegungen ist die Vorabfrage des RP Gießen im Vorfeld einer Neuauflage des Regionalplanes Mittelhessen. Von Mücker Seite möchte man rechtzeitig auf einen Bedarf an Gewerbe- und Neubaufläche hinweisen. Für gewerbliche Nutzung sind aktuell eine Fläche rechts der Landesstraßé vor Bernsfeld (von Atzenhain kommend) im Gespräch, ferner das Areal in Verlängerung des Gottesraines unterhalb der Landesstraße bis zum Wald sowie Flächen auf der anderen Seite der Autobahn beim Pendlerparkplatz und beim Abzweig nach Merlau. Zu der Fläche bei Bernsfeld bestehen Bedenken, dass das Gebiet zu nahe an der bebauten Ortslage ist, und beim Areal am Gottesrain verläuft im hinteren Bereich eine Hochspannungsleitung, unter der nicht gebaut werden kann. Zudem kann die Muldenlage Probleme bei der Abwasserentsorgung bedeuten.

Was das Verlegen einer 380 kV-Leitung anlangt, so informierte Bürgermeister Andreas Sommer, das bedeute einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag bei einem Planungszeitraum von wenigstens zehn Jahren. Zu den beiden Arealen auf der anderen Seite der Autobahn hatte es in den vergangenen Jahren bereits Anfragen von Discountern und bundesweit tätigen Ketten gegeben. Dabei ist die Überlegung der Investoren, dass Lage alles ist. Denn als potenzielle Kunden werden natürlich auch die Menschen eingeordnet, die von der A 5 kommen oder auf sie auffahren wollen.

Aber dieses Kundenpotenzial ist nicht fassbar. Zu beziffern sind hingegen die möglichen Kunden, die im Umkreis wohnen. Und dabei kommt man an Grenzen. Denn in den Ausschüssen wurde darauf hingewiesen, dass die bestehenden großen Märkte in Mücke sämtlich erweitern wollen. Das geht nur, wenn es ein gewisses Käuferpotenzial gibt.

Was das Ausweisen von Neubaugebieten anlangt, so ist die Euphorie aus dem Vorjahr etwas verflogen. Denn die anfangs hohen Interessentenzahlen etwa für Sellnrod oder Atzenhain sind zurück gegangen. Denn Bauwillige orientieren sich mangels rascher Umsetzungsmöglichkeiten woanders hin. Daraus erwuchs in der Gemeindevertretung der Konsens, erst schrittweise Baugebiete auszuweisen. In diesem Sinne sollte in Atzenhain der begonnene Bebauungsplan Hirzgasse weiter verfolgt werden. Ins Auge gefasst sind auch zwei Flächen bei Nieder-Ohmen: zum einen die ansteigende Freifläche Richtung Bernsfeld rechts der Straße und zum anderen ein immer wieder mal angesprochener Lückenschluss zwischen Nieder-Ohmen und Merlau. Denn wesentliche Dinge der Infrastruktur sind genau dort bereits angesiedelt.

Thomas Heidlas von der Bauabteilung machte auf Begleitumstände aufmerksam, die mit Gewerbeansiedlung und Neubaugebieten einhergehen. So ein erhöhter Trinkwasserbedarf, und das Wasser muss wieder gereinigt werden. Für Atzenhain und die Neuansiedlung Nordfrost wird aktuell ein zweiter Brunnen gebaut, aber die Wasserförderung ist laut Bürgermeister Andreas Sommer noch nicht stabil. Außerdem ist der Hochbehälter Atzenhain an seiner Leistungsgrenze angekommen.

Was das Abwasser anlangt, so kann ein Gewerbegebiet leicht mit 2000 Einwohnergleichwerten (EW) zu Buche schlagen. Das müsse man dann in den Anlagen in Nieder-Ohmen (15 000 EW) oder Lumda (5240 EW) abfangen. Mit der Erweiterung am Gottesrain sind schon Einwohnergleichwerte dazu gekommen, und es hat die Übernahme der Abwässer aus Gemünden mit rund 1400 EW gegeben. Auf den letzten Punkt bezogen gab der Grüne Peter Schäfer zu bedenken, man dürfe sich mit der Übernahme von Abwasser aus Nachbarkommunen die Möglichkeit neuer Gewerbegebiete nicht verbauen lassen. Unter dem Strich hat die Diskussion eine Reihe von Fragen aufgeworfen, die die Gemeindevertreter mit Gutachten geklärt haben wollen.

Zum einen soll ermittelt werden, welche neuen Gewerbeflächen sich zu welchen Bedingungen anbieten, und über ein Einzelhandelskonzept sollen die Möglichkeiten von Markterweiterungen beziehungsweise Neuansiedlungen aufgezeigt werden.



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