14. September 2019, 14:40 Uhr

Naturschutz

Renaturieren soll am Seenbach Hochwasserschutz bringen

Schnurgerade war mal modern. Auch bei Bächen wie dem Seenbach in Merlau. So sollte das Wasser schneller ablaufen. Aber mit dem Wasser verschwanden die Fische.
14. September 2019, 14:40 Uhr
So könnte auch bald der Seenbach in der Ortslage von Merlau aussehen. Das Bild entstand vor wenigen Jahren beim Renaturieren des Seenbaches auf Grünberger Gemarkung oberhalb von Flensungen. (Foto: Jochen Karl)

Vollgelaufene Keller sowie eine Mückenplage mit in der Folge verstochenen Armen und Beinen hatten Skeptiker mit einer möglichen Renaturierung des Seenbaches in der Ortslage von Merlau befürchtet. Deshalb hatten Bürgermeister Andreas Sommer und der Ortsbeirat einen Fachmann eingeladen, Maßnahmen und Folgen zu erläutern. Das Ergebnis: Die Bedenken wurden vor rund 40 Zuhörern ausgeräumt. Noch am Abend nach dem Vortrag stimmte der Ortsbeirat dem Vorhaben zu, das ist auch aus der Gemeindevertretung zu erwarten.

Bürgermeister Andreas Sommer erläuterte zum Hintergrund, im Vorjahr habe die Untere Wasserbehörde zur Gewässerschau eingeladen, und beim Seenbach seien verschiedene zu verbessernde Dinge aufgefallen. Vor allem der kanalisierte Bereich links und rechts der Brücke in der Schlossgasse könnten renaturiert werden. Der Infoabend solle auch dafür Sorge tragen, Angst zu nehmen, dass das Renaturieren wieder zu Hochwasser oder Mückenschwärmen führen könne. Zudem führte der Bürgermeister den Naturschutzaspekt an: »Es findet das Artensterben vor unserer Haustür statt, Beispiel ist das Insektensterben.« Das sei durch den Menschen verursacht, und im Kleinen lasse sich gegensteuern, wenn man Fließgewässer natürlicher gestalte. Noch sei nichts beschlossen, der Infoabend sei der erste in den Gremien.

Planer Dr. Jochen Karl (Ingenieurbüro für Umweltplanung Staufenberg-Treis) erläuterte, der Seenbach links und rechts der Brücke in der Schlossgasse (jeweils 200 Meter) sei schnurgerade und könne aufgewertet werden. Das gerade Verlegen habe wohl mit der ebenfalls geraden Eisenbahntrasse zu tun. Das gerade Bachbett sei ökologisch bedenklich, Kernproblem die Strukturarmut. Der Abschnitt sei ein wertloser Lebensraum.

Der Planer zeigte Beispiele von renaturierten Bächen, die unter anderem Kiesbänke haben, was für Fische von essenzieller Bedeutung sei. Im Seenbach in Merlau hätten Fische keine Chance zu laichen und aufzuwachsen. Gewässer ohne begleitende Gehölze erwärmten schnell, so dass das Leben durch Sauerstoffarmut im Wasser gefährdet werde. Schlecht sei im Seenbach auch die erhöhte Fließgeschwindigkeit, Fische außer Forellen könnten sich dort nicht halten. Ein so verarmter 400 oder 500 Meter langer Abschnitt könne zur Folge haben, dass aus dem Unterlauf kein Leben nach oben gelange.

Im oberen Teil des Seenbaches auf Grünberger Gebiet habe man die kleinen Bachmuscheln gefunden, in Hessen gebe es nicht mal ein halbes Dutzend Vorkommen. Das mache den Stellenwert deutlich. Auf Grünberger Gebiet habe man den Seenbach immer wieder mal mit Terrassen aufgeweitet, was nebenbei Hochwasser vorbeuge. ,

Helmut Plock (acht Jahre Ortsvorsteher in Flensungen, jahrzehntelang Vorsitzender eines Angelvereines) berichtete, der Hochwasserschutz sei schon vor Jahrzehnten ausgebaut worden, und eine Angst vor Mückenplagen müsse man bei den Gegebenheiten in den Bächen nicht habe. Er sei froh, dass sich was im Zuge der Renaturierung verbessere.

Ortsbeiratsmitglied Ulf Immo Bovensmann sagte, in Merlau trete Hochwasser bei der Schneeschmelze auf, wenn es nicht rechtzeitig weiter abfließen könne. Er wolle nicht, dass die Renaturierung Hochwasser verschärfe. Planer Karl machte dazu erneut darauf aufmerksam, dass die Renaturierung im Bereich Grünberg auch einen Beitrag zum Hochwasserschutz als Nebenaspekt leiste. Im Zuge eines Klimawandels könne es allerdings zu kleinteiligen Unwetterereignissen kommen,

Ein Anlieger meinte, das Hochwasser sei durch die Baumaßnahmen oberhalb besser im Griff. Es steige weniger schnell und fließe wieder langsam ab. Der ehemalige NABU-Vorsitzende Karl-Heinz Zobich berichtete, die renaturierten Bäche im Vogelsbergkreis seien alle besser geworden.

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