18. Juni 2019, 22:01 Uhr

Der kleine grüne Kaktus

18. Juni 2019, 22:01 Uhr
GKM
Ohne Zugabe dürfen sie nicht gehen, die Weimarer Comedians begeistern am Sonntagabend auf der Schlossbühne in Homberg mit Liedern der Comedian Harmonists. (Foto: gkm)

Ohne Zugabe durften sie nicht gehen, denn den Applaus des Publikums gab es zum Schluss im Stehen. Die Weimarer Comedians begeisterten am Sonntagabend auf der Schlossbühne in Homberg rund 150 Zuschauer mit Liedern der Comedian Harmonists.

Mit »Mein kleiner grüner Kaktus« startete die von Dirk Sobe am E-Piano begleitete A-cappella-Gruppe ihre Tour durch viele bekannte und weniger bekannte Titel des Vokalensembles, das in den 1920er und 1930er Jahren Millionen Menschen in Deutschland und im Ausland begeisterte.

Mit einem Wortwitz, welcher der heutigen Unterhaltungsmusik weitgehend fremd ist, schuf die auf Initiative von Harry Frommermann Ende 1927 gegründete Gruppe Lieder, die teilweise noch heute sehr beliebt sind. »Wochenend und Sonnenschein«, »Liebling mein Herz lässt dich grüßen«, »Veronika der Lenz ist da« oder auch »Ein Freund ein guter Freund« waren und sind solche Titel, die insofern auch beim Auftritt der Weimarer Comedians am Homberger Schloss nicht fehlen durften.

Hoffen auf feste Veranstaltungsreihe

Nach »Sweden forever« mit Abba-Hits und der Comic-Hypnose-Show von »Zyculus« konnte auch die dritte Veranstaltung des Homberger Schlossfestivals bei bestem Open-Air-Wetter und in entspannter Atmosphäre stattfinden. Bürgermeisterin Claudia Blum machte das Hoffnung, dass sich das Festival, das eine kleine Stadt wie Homberg ohnehin nur mit Unterstützung der OVAG und dem freiwilligen, ehrenamtlichen Engagement der »Schlosspatrioten« stemmen könnte, zu einer Veranstaltungsreihe weiterentwickeln lässt.

Das Sonntagabendprogramm der sechs Musiker aus Weimar, Chemnitz und Berlin, die mit Bezug zu ihrem ersten gemeinsamen Auftritt in Weimar den Stadtnamen zum Teil ihres eigenen Namens gemacht haben. Zwischen den Musiktiteln erläuterte Markus Seidensticker wichtige Stationen in der Geschichte der Comedian Harmonists.

Im Juni 1928 hatte die zunächst Melody Makers genannte A-cappella-Gruppe ihr erstes Vorsingen in der Berliner Scala, das jedoch misslang. Gegen Ende des Jahres kam die junge Gruppe mit dem Berliner Varieté-König Erik Charell zusammen, der sie engagierte und den neuen Namen Comedian Harmonists vorschlug.

Bald engagierten alle renommierten Veranstalter in Berlin die neue Gruppe. Zahlreiche Rundfunkauftritte und Schallplattenaufnahmen folgten und 1933 erreichte die Karriere der Comedian Harmonists ihren Höhepunkt. Mit dem Reichskulturkammergesetz vom 22. September 1933, das Musikern unter anderem die Mitgliedschaft in der Reichsmusikkammer vorschrieb, wenn sie ihren Beruf ausüben wollten, startete Propagandaminister Joseph Goebbels die kulturelle »Gleichschaltung«.

Am 5. März 1934 verordnete er die Pflichtmitgliedschaft, die mit dem Ariernachweis verbunden wurde. Für die drei der sechs Mitglieder der Comedian Harmonists, die jüdischen Glaubens waren, Erich A. Collin, Harry Frommermann und Roman Cycowski, bedeute das Berufsverbot. Bis 1. Mai 1934 waren noch Auftritte mit Sondergenehmigungen möglich, die jedoch von organisierten Protesten nationalsozialistischer Gruppen gestört wurden.

Die übrigen Ensemble-Mitglieder Robert Biberti, Ari Leschnikoff und Pianist Erwin Bootz wurden in die Reichsmusikkammer aufgenommen, verbunden mit dem Verbot, »weiterhin mit diesen Nichtariern zu musizieren. Jedoch bleibt es Ihnen unbenommen, mit anderen arischen Musikern nach Zulegung eines deutschen Namens anstelle der Bezeichnung Comedian Harmonists Ihre musikalische Tätigkeit auszuüben.«

Stilvoll im Frack

Kurze Zeit später einigte sich die Gruppe darauf, aus dem geteilten Ensemble zwei eigene Gruppen zu bilden, die beide aber jeweils weiter unter demselben bisherigen Namen auftreten sollten: die eine weiter in Deutschland, die andere nur noch im Ausland. Hier, in Norwegen, gaben die Comedian Harmonists in ihrer so erfolgreichen Zusammensetzung im Februar ihren letzten öffentlichen Auftritt. Glücklicherweise überlebten alle Ensemblemitglieder die Nazi-Herrschaft. Stilvoll im Frack bemühten sich die sechs Herren der Weimarer Comedians das Flair der Auftritte ihrer großen Vorbilder aufleben zu lassen.

Stimmlagen und Rollen auf der Bühne hatten sie ebenfalls entsprechend angepasst: Andreas Kittschuh aus Chemnitz gab den Harry Frommermann, Axel Scheidlich aus Berlin sang den Bass im Stil des Robert Biberti und Klemens Tebozius und André Riemer als die Tenöre Leschnikoff und Collin. Markus Seidensticker moderierte neben seiner Gesangsbeteiligung im Sinn Cycowskis und bemühte sich, mal mehr, mal weniger gelungen, um humoristische Einlagen.

Passend zum Publikum, das im Durchschnitt überwiegend der Gruppe 50 plus angehörte, wählte er als Anrede »liebe Homberg-Ohmer und Homberg-Ohmas«, was seinen Zuhörern offensichtlich gut gefiel. Das galt für die gesamte Vorstellung. Sie endete mit Standing Ovations.

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