30. April 2019, 07:55 Uhr

Landwirtschaft

Vogelsberger Landwirte verlieren bares Geld

Landwirte im Vogelsbergkreis sehen ihre Betriebe gefährdet. Sie müssen wahrscheinlich auf mehr als eine halbe Million Euro aus der Ausgleichszahlung (AGZ) für benachteiligte Gebiete verzichten.
30. April 2019, 07:55 Uhr
Schön anzusehen, schwierig zu bewirtschaften: Einige Vogelsberger Gemarkungen mit Hanglagen sollen künftig aus der EU-Förderung herausgenommen werden. Das treibt die Landwirte um. (Foto: Kalok)

Den Anstoß gab der Europäische Rechnungshof. Der hatte bereits 2003 feststellt, dass die aus den 1960er Jahren stammenden Kriterien, die für die Benachteiligung von Gebieten angeführt werden, veraltet sind und kein realistisches Bild mehr abgeben. Die EU-Kommission sollte neue Kriterien finden. Nun soll es in diesem Jahr eine neue Richtlinie zur Ausgleichszahlung für benachteiligte Gebiete geben, die derzeit im hessischen Landwirtschaftsministerium erarbeitet wird. In Hessen kommen vor allem folgende Kriterien zur Anwendung: steile Hanglage, niedrige Temperatur während der Vegetationsperiode und schlechte Bodeneigenschaften. Obwohl dies im Vogelsberg oft gegeben ist, würden 34 Gemarkungen aus der Förderung fallen.

Landwirte die in Gebieten wirtschaften, die künftig nicht mehr benachteiligt sind, sollen 2019 und 2020 noch abgesenkte Zahlungen erhalten. Im Vogelsbergkreis wurden an Ausgleichszulagen im vergangenen Jahr 2,3 Millionen Euro ausgezahlt.

 

Kleine Betriebe erhalten

Erster Kreisbeigeordneter Jens Mischak kritisiert die Pläne: »Wenn man mit der Kürzung der Ausgleichszahlung eine Region trifft, in der überwiegend Öko-Landbau betrieben wird, schneidet man der Landwirtschaft ins Fleisch«. Gemeinsam mit Anja Püchner, der Leiterin des Amtes für Wirtschaft und ländlichen Raum, Kreislandwirt Andreas Kornmann und Stefanie Becker, Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes, erörterte er das Problem. »Es gibt Betriebe, die verlieren bis zu 10 000 Euro«, berichteten Vertreter der Landwirtschaft. »Wir haben im Kreis viele kleine Schläge und dadurch viele Saum- und Heckenstrukturen«, sagt Püchner, auch hier wirke sich der Wegfall der Ausgleichszahlung negativ aus. Dabei müsse es doch darum gehen, kleine Betriebe zu erhalten.

Nach derzeitigem Stand erfüllen im Vogelsbergkreis von den bisherigen 148 Gemarkungen nur noch 114 die neuen Kriterien. Neue Gemarkungen kommen nicht hinzu, berichtet Püchner. Ziel müsse es sein, einen möglichst hohen Anteil bisheriger Gebiete wieder in die Förderung zurückzuholen, sagt Erster Kreisbeigeordneter Mischak. Dafür will man die Möglichkeit nutzen, dass maximal zehn Prozent der Landesfläche spezifische Gebiete ausgewiesen werden können.

Das sind Gebiete, die aus besonderen Gründen (Erhaltoder Verbesserung der Umwelt, des ländlichen Lebensraums, des Fremdenverkehrs) benachteiligt sind. Das Kriterium »spezifische Gebiete« ist aber nicht abschließend diskutiert und festgelegt, auch wenn das Ministerium von einem Institut bereits 44 Kriterien hat prüfen lassen. Bisheriges Ergebnis ist, dass keines der getesteten Kriterien zum gewünschten Ziel geführt hat.

 

Bewirtschaftung nur quer zum Hang

Aus diesem Grund hat sich der Gebietsagrarausschuss mit dem Amt für Wirtschaft und den ländlichen Raum (AWLR) mit den Ortslandwirten der im Vogelsberg betroffenen Gemarkungen getroffen. Ziel war, nach neuen Kriterien zu suchen. Keine leicht Aufgabe.

»Die Ausgleichzulage ist für viele landwirtschaftliche Betriebe eine feste Größe auf der Einnahmenseite. Verlässlicher als die Ernte«, so kommentiert der Otterbacher Landwirt Erich Müller die Änderung, die auch seinen Betrieb treffen würde. Denn die Gemarkung von Gemünden-Otterbach soll nicht mehr als Benachteiligungsgemarkung anerkannt werden. Für Müller ist das nicht nachvollziehbar. Schon direkt hinter dem Otterbacherhof beginnen die Flächen, hier macht die Hanglage die Bearbeitung schwierig. Dazu kommen Bodenbeschaffenheit sowie Steine und Hecken. Die Bewirtschaftung der Ackerflächen geht nur quer zum Hang. Dazu kommt ein anderes Klima. »Wenn bei uns die Gerste in die Gelbreife kommt, dann brummen im Ohmtal nur 20 Kilometer Luftlinie weiter, die Mähdrescher.«

Auch das Klima benachteilige ihn. Die Vegetation ist anders. Im Herbst müsse man früher fertig sein, »sonst kriegen wir die Kurve nicht«. Dazu kommt der hohe Tongehalt im Boden. Landwirte wie Müller sehen bei einer Minderung der Zahlungen einer schweren Zukunft entgegen.

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