Vogelsbergkreis

Flatterband und Anwaltsschreiben gegen Naturschützer

Es sollte ein einfacher Rundgang von NABU und Vogelschutzgruppe zu Problembereichen am Söhrenteich werden. Aber bereits im Vorfeld gab es anwaltliche Aktivitäten und Absperrungen.
24. April 2019, 05:00 Uhr
Joachim Legatis
Ein Landwirt hat seinen Acker mit Flatterband und »Betreten verboten«-Schildern markiert.  	(Foto: pm)
Ein Landwirt hat seinen Acker mit Flatterband und »Betreten verboten«-Schildern markiert. (Foto: pm)

Das war dieser Tage ein nicht alltäglicher Ortstermin für die Naturschützer vom NABU und von der Vogelschutzgruppe. Denn kürzlich ging es mit Polizeibegleitung und unter juristischer Drohkulisse zu einer Erkundung am Söhrenteich. Um vor Ort zu erleben, wie zwei umstrittene Rodungsmaßnahmen im Bereich des Söhrenteichs bei Maulbach aussehen, hatten knapp zwei Dutzend Interessierte am Rundgang des NABU Homberg und der Vogel- und Naturschutzgruppe Maulbach teilgenommen.

Zu ihrem Erstaunen hatte Landwirt S., der die umstrittenen Maßnahmen durchgeführt haben soll, seinen Acker mit Flatterband und »Betreten verboten«-Schildern markiert. Zudem hat er im Vorfeld an Mitorganisator Karl-Heinz Zobich vom NABU ein Anwaltsschreiben veranlasst, in dem ein Betretungsverbot für die Flächen mitgeteilt wird. Die Autobahn-Planungsgesellschaft Deges hat über die Polizei ein Betretungsverbot für eine weitere Flächen ausgesprochen. So nahmen die Teilnehmer des Rundgangs die Flächen von den Wegen aus in Augenschein.

Ausgleichsmaßnahme ungeeignet

Dabei stimmten sie der Ansicht der beiden Naturschutzgruppen zu, dass vom Landwirt Natur zerstört worden ist. Auch eine Ausgleichsmaßnahme der Deges sei absolut ungeeignet, das angestrebte Ziel zu erreichen, wie Zobich die Diskussion unter den Teilnehmern zusammenfasste.

Worum geht es? Zunächst schauten die Teilnehmer vom Wirtschaftsweg auf dem benachbarten Damm aus auf einen frisch vertieften Graben und einen neuen Uferrandstreifen. Um die Pflänzchen zu schonen, sollte die Fläche nicht betreten werden. Jedenfalls ist der 1,5 Meter tiefe und etwa fünf Meter breite neue Graben nicht im Plan für die Ausgleichsmaßnahme der Deges enthalten, wie Zobich erläuterte.

S. habe den Graben vertieft und den Uferrandstreifen angelegt. Manches entspricht der Planung für die Ausgleichsmaßnahme beim Bau der A 49, anderes nicht. So hat S. laut Zobich einheimische Gehölze entfernt und an einer seitlich gelegenen Fläche weiteres Gehölz gerodet.

Kein Lebensraum für Turteltaube

Die Tiefe des Grabens entspreche nicht dem Plan, es sei eher ein Entwässerungsgraben für den Landwirt als eine Fläche, auf der sich seltene Tiere und Pflanzen einfinden. Der Uferrandstreifen sollte zehn Meter breit sein, ausgeführt wurden aber nur etwa acht Meter. Auch soll ein Gehölzstreifen angepflanzt werden, was nicht möglich sei, weil der Graben verbreitert wurde.

Axel Rockel von der Staatlichen Vogelschutzwarte bestätigte, dass der neu angelegte Uferrandstreifen ungeeignet ist, das angestrebte Ziel der Maßnahme zu erreichen. »Turteltaube, Kuckuck, Gelbspötter, Sumpfschrecke und der dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling finden dort keinen Lebensraum«. Durch den tiefen Graben und neue Drainagen werde der Bereich entwässert, es sei kein feuchter Standort wie geplant. Auch Kleinlebewesen als Nahrung für Tiere hätten keine Chance. »Das ist ein ausgeräumter Graben, da kann nichts leben«, fasst Zobich das Ergebnis zusammen.

Der zweite Teil der Exkursion drehte sich um eine benachbarte Feldholzinsel, die bereits im Vorjahr in der Kritik stand. Auch dort hat S. Gehölze entfernt, dazu einige etwa 50 Jahre alte Bäume, wie Zobich erläuterte. Die Untere Naturschutzbehörde des Kreises stuft das als zulässigen Rückschnitt ein, was auf deutliche Kritik der Naturschützer stößt. Gerade im Offenland sollen Hecken und Feldholzinseln als Trittsteine für Tiere und Pflanzen erhalten bleiben.

Weitere Hecken entfernt

Sie sollten fünf Prozent der Landschaft umfassen, das sei im Bundesnaturschutzgesetz und anderen geregelt, sagte Zobich. In diesem Fall sei ein intaktes Gehölz teilweise gerodet worden. Wenn Pflanzen nachwachsen, könnten sie nicht stattliche Bäume ersetzen.

Zudem stellten die Teilnehmer fest, dass nach der Rodung im vergangenen Jahr auch in den letzten Monaten Heckenbereiche entfernt wurden. Zobich zeigte sich verärgert darüber, dass seit Jahren Hecken in der Feldgemarkung Maulbach verschwinden und der Kreis nicht dagegen vorgeht.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/vogelsbergkreis/art74,580694

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