12. April 2019, 21:50 Uhr

Fragen zum Sonntag

12. April 2019, 21:50 Uhr
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Aus der Redaktion

Predigtwort zum Palmsonntag

Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens! Hebr. 12,2

»Lasst uns aufsehen... « Zu wem sehen wir, sehen die Menschen unserer Tage auf? Wer hat für uns Bedeutung? Wer ist uns wichtig, sodass wir uns nach ihm richten und uns etwas von ihm sagen lassen?

Vor 40 Jahren noch hätten hier die Menschen – auch und gerade junge Leute! – vielleicht geantwortet: Albert Schweitzer, Mutter Theresa, Mahatma Ghandi oder Wilma Rudolph. Es wären Namen gefallen, die für Menschenliebe stehen, für Opferbereitschaft oder auch Beharrlichkeit und zähe Energie beim Erreichen eines bestimmten guten Zieles. Einmal habe ich eine ähnliche Frage an Konfirmanden gestellt, das war vor ein paar Jahren: »Welchem Menschen unseres Jahrhunderts möchtet ihr nacheifern?« Keiner hat eine Antwort gewusst, nicht einer. Albert Schweitzer, der noch in den 80er Jahren am häufigsten als Vorbild bezeichnete Mensch, war den Jugendlichen nicht einmal mehr bekannt.

Nun weiß ich schon, dass meine »Untersuchung« nicht repräsentativ ist, wie das heute heißt. Da müssten vielleicht tausend junge Menschen gefragt werden. Aber einen deutlichen Hinweis auf eine Entwicklung gibt das schon. Jedenfalls für mich.

Diese Entwicklung heißt: Die Werte, an die wir uns in der Gesellschaft noch vor Jahrzehnten gehalten haben, sind im Schwinden oder gar schon ganz geschwunden. Kaum einer kann mehr beanspruchen, dass man ihm abnimmt, dass er es unbedingt gut meint, dass er Vertrauen verdient, dass man ihm glauben kann und sein Wort verlässlich ist. – Keine gute Entwicklung, wie ich finde.

Die Gründe dafür sind – und das können Sie sicher aus Ihrer Erfahrung heraus bestätigen – dass zahlreiche unserer gesellschaftlichen Repräsentanten ja auch nicht gerade für den geraden Weg und die Unbestechlichkeit stehen.

Es gibt zu viele Politiker, deren Entscheidungen man ansieht, dass es ihnen weder um die Menschen geht, die sie gewählt haben, noch um die Sache, sondern um ihre eigene Karriere und dass sie sich’s nicht mit denen verderben, die ihnen nach ihrer Zeit in der Politik vielleicht eine gute Position in der Wirtschaft vermitteln können.

Das Fernsehen unserer Tage spielt dabei auch eine große Rolle. Ich finde es immer wieder schockierend, wem – selbst in Nachrichten und Talkshows – die meiste Sendezeit eingeräumt wird, ja, wem die Kameraleute und Pressemenschen geradezu nachlaufen: Kriminellen, politischen Fanatikern, Sportlern, die erwiesenermaßen gedopt waren, Wirtschaftsbossen, die nach betrügerischem Bankrott untergetaucht sind, um nur einige zu nennen. (Und es stört mich auch, dass etwa Fußballer Millionen verdienen und keiner Anstoß daran nimmt, während hart arbeitende Menschen, wenn sie in Rente gehen, in die Armut fallen.)

Und ich frage mich: Wo sehen wir die Geschichte der kleinen Hausfrau, die seit 15 Jahren ihre schwerstbehinderte Nachbarin pflegt? Wer läuft dem Christen aus Irgendwo das Haus ein, weil er schon so lange in der Hausaufgabenbetreuung seiner Kirchengemeinde so viel für ausländische Kinder tut? Wo lesen wir über die vielen Beispiele für christliches Handeln im Alltag der Menschen und im Hintergrund der Gesellschaft?

Und ich frage mich, ob die Orientierungslosigkeit unserer jungen Leute nicht gerade daher kommt, dass die Menschen, die zu Leitbildern und zum Nacheifern dienen könnten, selten oder gar nicht mehr in den Medien oder sonst wie im Lichte der Öffentlichkeit erscheinen?

Und schließlich frage ich mich, ob es da heraus noch irgendeinen Weg gibt? Denn wenn wir ehrlich sind, nehmen wir das ja auch völlig selbstverständlich hin, dass uns fast nur noch die Antitypen eines Vorbilds vor die Augen und Ohren kommen. Der Nervenkitzel, die Sensation um einen millionenschweren Betrüger ist halt wesentlich größer als das Interesse an einer indischen Ordensfrau, die Sterbehäuser unterhält.

»Lasst uns aufsehen zu Jesus... «! Ich füge hinzu: Lasst uns aufsehen zu den Menschen, die aus ihrem Glauben an diesen Jesus heraus den Menschen helfen und selbstlos dem Leben dienen. Gerade die jungen Leute brauchen andere Leitbilder, als sie ihnen weithin geboten werden.

Und sie brauchen uns, dass wir ihnen diese Leitbilder in Wort und Hinweis nahebringen. Die gegenwärtig Hoffierten und Angehimmelten sind es dagegen selten wert, dass wir sie auch nur beachten. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und gute Gedanken.

Pfr. Manfred Günther (im Internet: http://www.predigt-eichendorf.de)



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