07. April 2019, 13:08 Uhr

Wald

Borkenkäfer frisst sich durch die Vogelsberger Wälder

Förster sind auf der Pirsch. Aber sie halten nicht immer Ausschau nach Wild. Derzeit laufen sie durch die Fichtenbestände auf der Suche nach Spuren des Borkenkäfers. Denn der hat nach Trockenheit und Windwürfen leichtes Spiel. Befallene Bäume müssen so schnell wie möglich entfernt werden.
07. April 2019, 13:08 Uhr
Ein Borkenkäfer krabbelt über die Unterseite einer Fichtenrinde. (Foto: dpa)

Im vergangenen Jahr gab es einen extrem heißen Sommer – beste Voraussetzungen für den Borkenkäfer, der sich extrem vermehrt hat. Weniger Freude haben Waldbesitzer. Sie müssen befallene Stämme entfernen, bekommen aber auf dem Holzmarkt kaum Geld dafür. Wird sich vor diesem Hintergrund der Wald verändern? Die AAZ sprach mit Fachleuten beim Forstamt Schotten.

 

? Während sich die meisten Menschen auf ein sonniges, warmes Frühjahr freuen, sehen die Förster den steigenden Temperaturen mit Sorge entgegen. Warum?

Die Waldbesitzer im Vogelsberg stehen vor großen Herausforderungen. Grund sind die vielen Borkenkäfer, die sich in dem extremen Trockenjahr 2018 entwickelt haben. Nach der Winterpause werden sich diese nur wenige Millimeter großen Käfer demnächst neue Wirtsbäume suchen. Gefährdet ist besonders die Fichte, aber zum Beispiel auch die Lärche. Viele Nadelbäume stehen diesem Ansturm noch immer geschwächt gegenüber. Gelingt die Besiedlung, dann können unter guten Bedingungen von einem einzigen Weibchen bis zum Jahresende 30 000 Nachkommen entstehen.

? Das Problem mit Borkenkäfern im Forst ist nicht neu. Was ist in diesem Jahr die Besonderheit?

In diesem Jahr kommen die Folgen von Windwürfen und von extremer Trockenheit zusammen. Sowohl das Käferholzaufkommen als auch der frische Windwurf sind mit wenigen Ausnahmen über eine große Fläche gestreut. Es entsteht das Problem, dass eine sehr große Zahl von Beständen angefahren und bearbeitet werden muss.

 

? Welche Baumart ist besonders betroffen, und wie viel Holz muss deshalb in der Folge bearbeitet werden?

Für den betreuten Wald im Forstamt Schotten, also Staats-, Kommunal- und Kleinprivatwald zusammengenommen, wird ein Gesamtanfall von knapp 80 000 Festmeter (gleich Kubikmeter) Holz geschätzt. Davon ist etwa die Hälfte bereits aufgearbeitet. Es handelt sich fast ausschließlich um Fichte und die Menge entspricht in etwa dem doppelten Jahreseinschlag für diese Baumart in dem vom Forstamt Schotten betreuten Wald. Rechnet man die vielen Schadensstellen auf eine Gesamtfläche um, kommt man auf rund 150 Hektar oder etwa 1,5 Quadratkilometer Schadensfläche, was rund 200 Fußballfeldern entspricht. »Das ist eine ungeheure Bedrohung für die Nadelbaumbestände«, bekennt Uwe Prihoda, stellvertretender Forstamtsleiter in Schotten. »Die Situation verschärft sich noch durch den Windwurf aus dem Sturmtief Eberhard, den wir im Forstamt Schotten auf 17 000 Festmeter schätzen.«

 

? Wie reagiert das Forstamt Schotten auf die besondere Problematik?

Leider reicht es nicht, die neu befallenen Bäume an abfallender Rinde und trockenen Kronen zu identifizieren. In diesem späten Stadium sind die Käfer mit ihrem Nachwuchs bereits weitergezogen. Das Forstamt Schotten beginnt daher jetzt mit einer intensiven Beobachtung der Nadelholzbestände, um schon anhand von Bohrmehl und leichten Nadelverlusten erste Anzeichen eines Käferbefalls erkennen zu können. Alle gefährdeten Bestände werden regelmäßig abgelaufen und genau untersucht, auch im betreuten Kommunal- und Privatwald.

 

? Staats- und Kommunalwald ist die eine Seite des Problems, es gibt aber auf der anderen Seite viele private Waldbesitzer mit oft kleineren Flächen. Was passiert mit deren Wald?

Der festgestellte Befall wird markiert und im Privatwald dem Waldbesitzer sofort mitgeteilt. »Trotz dieses erheblichen Mehraufwandes mit zusätzlichen externen Kräften entstehen den betreuten Betrieben keine Kosten für dieses Käfer-Monitoring«, berichtet Uwe Prihoda. Trotzdem sollten alle Waldbesitzer mit Nadelholzbeständen auch selbst auf Anzeichen von Borkenkäferbefall achten und bei entsprechenden Feststellungen mit der zuständigen Revierleitung Kontakt aufnehmen.

 

? Wie sind in etwa die Größenordnungen bei den unterschiedlichen Waldeigentümern, und wie muss gehandelt werden?

Im Zuständigkeitsbereich des Forstamtes Schotten gehören etwa 12 000 Hektar dem Staat, 4000 Hektar sind Kommunalwald und lediglich 2000 Hektar gehören den Kleinprivatwald-Eigentümern. Bei akutem Käferbefall bleibt nur wenig Zeit, um wirksame Maßnahmen gegen eine weitere Ausbreitung zu ergreifen. In jedem Fall müssen die betroffenen Bäume aus dem Bestand geschafft werden. Wenn keine frühzeitige Entrindung oder Abfuhr des Holzes möglich ist, kommt noch der Transport auf Lagerplätze mit mindestens 500 Metern Abstand zum nächsten Fichtenbestand in Betracht. Als letzte Option zum Schutz der Waldbestände bleibt die Behandlung der Holzpolter am Weg mit Pflanzenschutzmitteln.

 

? Wenn man von Windwürfen hört, dann sind Fichten davon immer in hohem Maße betroffen. Muss man deshalb bei den Ersatzpflanzungen auf andere Bäume umstellen?

Im Zuständigkeitsbereich des Forstamtes Schotten sind rund 18 000 Hektar Nadelwald, das sind rund 180 Quadratkilometer. Es sind also über zehn Prozent der Fläche des Vogelsbergkreises (1459 Quadratkilometer) mit Nadelwald bestanden. Davon ist etwa die Hälfte mit Fichte bepflanzt. Ein Ausweichen auf andere Baumarten erscheint als nicht sinnvoll. Denn zum einen ist der Vogelsberg ein ganz typischer Fichtenstandort, und zum anderen muss man das Holz ja auch vermarkten und die Bepflanzung an der Nachfrage ausrichten.

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