04. April 2019, 05:00 Uhr

Hütekinder

Bis in die 1960er Jahre billige Arbeitskräfte

Von Hütekindern haben die Wenigsten gehört, auch wenn sie bis in die 1960er Jahre im Kreis verbreitet waren. Einen Vortrag über diese Kinder gab es in Gemünden beim Tag des offenen Archivs.
04. April 2019, 05:00 Uhr
Hans Henkel (l.) von der Hessischen familiengeschichtlichen Vereinigung erläutert Roland Albert historische Territorialgrenzen. (Foto: ek)

Im Rahmen der Gemündener Kulturwochen fand am Wochenende der dritte Tag des offenen Archivs statt. Trotz des schönen Wetters kamen über 200 Menschen (die am weitesten Angereisten aus Ingelheim am Rhein) die Belege studierten, die Mitarbeiter des Archivs sorgfältig ausgewählt hatten. Roland Albert hatte die ergänzenden Texte zur Ausstellung verfasst und gab Erläuterungen. »Was hat das Potsdamer Abkommen mit unseren Dörfern zu tun?«, so lautete eine seiner Fragen. »Wie man sehen kann, eine Menge: Entnazifizierung, Demokratisierung und das große Problem der Heimatvertriebenen werden dabei im Mikrokosmos der Weltpolitik abgebildet.«

Karl Pitzer, ehrenamtlicher Leiter des Gemeindearchivs, begrüßte die zahlreichen Besucher und erläuterte die Arbeit der ehrenamtlich tätigen Archivmitarbeiter. Für den Kulturring begrüßte Vorsitzende Sabine Höhn die Besucher. Sie warb für die noch anstehenden Veranstaltungen im Rahmen der Kulturwochen und sprach von einer beeindruckenden Bilanz der bisherigen Angebote. In Vertretung für den Bürgermeister lobte Erster Beigeordneter Eckhard Kömpf die hervorragende Arbeit der Archivmitarbeiter. Im Vergleich mit anderen Kommunen sei man in Gemünden in diesem Bereich sehr gut aufgestellt, zeigte sich Kömpf sehr zufrieden.

Mit über 100 Dokumenten, Zeitzeugenberichten, Plakaten und Wahlzetteln wurde die bewegte Geschichte der Dörfer von 1945 bis 1949 präsentiert. Zusätzlich ließen sich zahlreiche Besucher durch die Arbeits- und Magazinräume führen.

Über 100 »Pflegekinder«

Die Organisatoren trauten ihren Augen nicht, als sich mehr als 130 Leute für den Vortrag im Vogelsberg« einfanden. »Es hilft nichts, Ihr müsst das nächste Mal in die Mehrzweckhalle wechseln«, meinte Daniel Wolf von der Gemeindeverwaltung, und ein anderer Besucher dachte laut über den Ausbau der Zehntscheuer des Schlosses nach. Der Vortrag fand also sehr großen Anklang.

Andrea Albert, die sich im Rahmen ihrer Tätigkeit als Geo- und Naturparkführerin eingehend mit dem Thema beschäftigt hatte, referierte über die damalige Situation der Hütekinder und stellte die Umstände dar, in denen sie gelebt haben. »Es ist nicht viel bekannt über die Hütekinder, dabei waren sie von 1920 bis 1960 keine Seltenheit im Vogelsberg«. Über hundert »Pflegekinder«, wie sie offiziell genannt wurden, waren in dieser Zeit auf Bauernhöfen in der Region untergebracht. Einige hatten es mit ihren Pflegeeltern gut getroffen, andere wurden geschlagen, misshandelt und als billige Arbeitskraft missbraucht. Vielen Vogelsbergern ist das Phänomen überhaupt nicht bekannt. Vor Jahren erschien dazu eine Artikelserie in einer Tageszeitung. Darin erzählten ehemalige Hütekinder über ihr Schicksal, das ihnen in ihren Pflegefamilien widerfahren ist.

Zeitzeugin Maria Müller berichtet

Autorin Annika Rausch, die die Serie verfasste, und das ehemalige Hütekind Maria Müller waren an diesem Sonntag zu Gast. Eindrucksvoll und bewegend schilderte Maria Müller ihre Erlebnisse, die sie in zwei Pflegefamilien im Vogelsberg erfahren hatte und beantwortete geduldig die vielen Fragen der Zuhörer. Im Saal war es teilweise so ruhig, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.

In einem Blick hinter die Kulissen berichtete Annika Rausch, was sie in dieser Zeit so alles erlebt hat. »Ich hätte ein Buch schreiben können«, sagte sie, »die Lebensgeschichten der ehemaligen Hütekinder waren so unterschiedlich, dass jede auf ihre Art einzigartig und interessant war. Das sind einzigartige historische Zeugnisse einer Generation.«

Eine weitere Bereicherung der Veranstaltung waren die Vertreter der Hessischen familiengeschichtlichen Gesellschaft, die mit Hans Henkel (Verfasser der Familienbücher der Gemeinde Gemünden) angereist waren und den Besuchern mit Rat und Tat zur Seite standen, wenn Angehörige oder Vorfahren gesucht wurden. Manche Frage konnte auch schon gleich am Tag des offenen Archivs beantwortet werden.

Kaffee und Kuchen rundeten das interessante Ganztagsangebot ab.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Arbeitnehmer
  • Besucher
  • Billige Arbeitskräfte
  • Gemünden
  • Kulturwochen
  • Maria Müller
  • Pflegefamilien
  • Pflegekinder
  • Vogelsberg
  • Vorträge
  • Gemünden
  • Eckhard Kömpf
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.