Vogelsbergkreis

So wollen Landwirte Rehkitze schützen - Verantwortung auch beim Verbraucher

Die Landwirte als Killer von süßen Rehkitzen? Dagegen wehren sich die Bauern und sehen eine Verantwortung auch beim Verbraucher. Der könne viel tun, dass die Tiere im Feld geschützt werden.
24. März 2019, 18:13 Uhr
Redaktion
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Alle müssen zusammenarbeiten, damit Rehkitze nicht unter dem Mäher verenden: Landwirte, Jagdpächter, Tierschützer. (Fotos: pm)

Björn Schöbel, stellvertreteneder Generalsekretär des hessischen Bauernverbandes, traf sich jetzt mit Volker Lein und Stefanie Becker vom Kreisbauernverband und dem Vertretern des Projekts Kitzrettung mit Hans-Ullrich Weidner und Barbara Bausch. Vertreten war auch die Jägervereinigung.

Das Thema Rehkitzrettung bei der ersten Mahd in den Monaten Mai und Juni sei komplexer als es auf den ersten Blick erscheine. Die Tiere verstecken ihren Nachwuchs just in der Zeit in den Wiesen, wenn die ersten Mäharbeiten beginnen. Der Landwirt steht in der Verantwortung, dafür Sorge zu tragen, dass bei den Mäharbeiten kein Tier verletzt oder getötet wird. Um das zu bewerkstelligen, kann und muss er sich vieler Maßnahmen bedienen.

Eine davon ist, die geplante Mahd beim zuständigen Jagdpächter zu melden, der Vorsorge trifft. Ist das Zeitfenster für die notwendigen Vorkehrungen witterungsbedingt klein, kann es bei großen und bei sehr zahlreichen Flächen zu Engpässen kommen. Hier könnten dann wiederum freiwillige Helfer einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Engpässe leisten.

 

Bauernverbände wollen wachrütteln

Doch warum passieren dennoch Jahr für Jahr unzählige Unfälle, werden immer wieder Tiere unabsichtlich verletzt oder getötet? Die Antwort darauf sei nicht einfach. Die Bauernverbände würden jährlich in ihren Versammlungen, in Fachzeitschriften und in Rundschreiben flächendeckend auf die Gefahren hinweisen. Ebenso fordern sie die Einzelfallprüfung, welche und wie viele Maßnahmen zu ergreifen sind, um Wildtiere effektiv zu schützen. Und dennoch gebe es schwarze Schafe, »die das schlicht nicht interessiert«.

Genauso sehe es in der Jägerschaft aus. Auch dort werde in ähnlichem Turnus und mit gleicher Intensität darauf hingewiesen, dass die Verantwortlichen in der Zeit der ersten Mahd erreichbar und einsatzbereit sein sollen. Trotzdem höre man von Landwirte immer wieder von erfolglosen Versuchen, den zuständigen Jagdpächter zu erreichen oder zu Hilfseinsätzen zu bewegen.

Auch Tierschützer seien vermehrt bereit, bei der Jungwildrettung Unterstützung zu leisten. Doch selbst hier gebe es Gruppen, die sich zum Ziel gesetzt hätten, »sich eher im Hintergrund zu halten und zu lauern, ob und was passiert, um zeitnah Anzeigen zu erstatten«. Alle der Genannten gelt es wach zu rütteln.

 

Folge von Nachfrage nach Biogas und billigem Fleisch

Denn wo geklagt wird, da sei das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Die Energie, die für Prozesse notwendig ist, sei jedenfalls im Einsatz zur Verhinderung jedweder Unfälle wesentlich besser investiert. Voraussetzung für sinnvolle Maßnahmen sei, dass Mähtermine möglichst früh genug angemeldet und Hilfe angefordert wird. Diese wiederum müsse zuverlässig zur Verfügung stehen. Die Zusammenarbeit aller müsse funktionieren. Und das könne sie nur, wenn sich keiner zurückzieht, darin waren sich die Fachleute einig. Unwissenheit sei heutzutage kein Argument mehr und eine »Egal«-Mentalität indiskutabel. Und auch freiwilligen Helfern lege man dringend ans Herz, »sich im Vorfeld bewusst zu machen, dass man sich auf sie verlassen können muss«.

Es gebe aber noch einen weiteren Akteur, hieß es in der Expertenrunde. Dieser bleibe scheinbar unsichtbar, trage aber dennoch eine nicht unwesentliche Verantwortung: »Der Verbraucher, der gewaltige Steuerungshebel in der Hand hält«.

Wo Biogas und billiges Fleisch gefordert werden, müsse vieles davon in kurzer Zeit produziert werden. Um das zu bewerkstelligen, braucht es enorme Mengen an Silage und Futtermitteln. Diese sind nun einmal dort zu finden, wo zur Zeit der Vegetationsbedingungen auch die Jungtiere zu finden sind. Auch der Verbraucher könnte also helfen – sowohl mit seinem Kaufverhalten, als auch vor Ort, »denn alles ist besser, als mit dem Finger auf andere, insbesondere die Landwirte, zu zeigen«.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/vogelsbergkreis/art74,568685

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