19. März 2019, 12:10 Uhr

Schulen

Ohne Empfehlung aufs Gymnasium?

Viele Eltern müssen jetzt entscheiden, welchen Bildungsweg ihr Kind einschlagen soll. Viele sind fürs Gymnasium, dabei gibt es zu Abitur und Studium auch andere Wege.
19. März 2019, 12:10 Uhr
Welcher Weg führt zum Ziel? Nicht alle Eltern müssen schon nach der vierten Klasse entscheiden, welchen Schulzweig ihr Kind künftig besucht. (Foto: dpa)

Das Zauberwort heißt Abitur. Und der Weg zur Hochschulreife führt übers Gymnasium. Weil diese Aussagen für viele Eltern in Stein gemeißelt sind, gibt es alle Jahre wieder Dutzende Erziehungsberechtigte, die ihren Nachwuchs nach der vierten Klasse aufs Gymnasium oder eine Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe schicken, obwohl ihr Kind von der Grundschule gar keine Gymnasialempfehlung erhalten hat.

Die Zahlen sprechen auch in Gießen für sich. Die integrierte Gesamtschule Gießen-Ost, die drei Gymnasien der Stadt sowie die Ricarda-Huch-Schule als kooperative Gesamtschule wurden in den vergangenen Jahren viel stärker angewählt als die Gesamtschulen in den Stadtteilen, die bis zur Jahrgangsstufe zehn führen oder die Alexander-von-Humboldt-Schule (Mittelstufenschule).

Viele Eltern glauben, dass der berufliche Lebensweg ihres Kindes verbaut ist, wenn es nicht aufs Gymnasium kann

Antje Mühlhans, Direktorin des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums

»Viele Eltern glauben, dass der berufliche Lebensweg ihres Kindes verbaut ist, wenn es nicht aufs Gymnasium kann«, nennt Antje Mühlhans einen Grund, warum etliche Eltern sich über die Empfehlung der Grundschule hinwegsetzen. Die Direktorin des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums attestiert den Grundschulen einen »sehr guten Blick dafür, welches Kind später auf dem Gymnasium zurechtkommt und welches nicht.« Dabei gehe es nicht nur um die jeweiligen Noten, sondern auch um die »Leichtigkeit des Lernens«.

 

Schätzen Grundschullehrer die Kinder falsch ein?

Gerade die Kompetenz der Klassenlehrer an Grundschulen wird allerdings in den Beratungsgesprächen, die mittlerweile auch die aufnehmenden Gymnasien bei nicht vorhandener Gymnasialempfehlung mit den Eltern führen, in Zweifel gezogen. »Wir bekommen regelmäßig von Eltern zu hören, dass sie kein Vertrauen in die Beurteilung haben«, beschreiben Direktor Stefan Tross und Silke Brixtel-Fenner von der Herderschule die Differenzen. Häufig bewahrheiteten sich allerdings die Bedenken der Grundschullehrer, sodass es am Ende der Stufe 5 oder 6 zu einer sogenannten Querversetzung in den Realschulbereich komme.

Dass die Grundschullehrkräfte mit ihren Einschätzungen in den meisten Fällen richtig liegen, unterstreicht auch Dr. Jan-Hendrik Schneider. Der Rektor der Ludwig-Uhland-Schule zeigt aber auch ein gewisses Verständnis für Eltern, die ihr Kind trotz anderweitiger Empfehlung unbedingt aufs Gymnasium schicken wollen. »Das Abitur besitzt als Schulabschluss nach wie vor die größte Anziehungskraft.« Mitunter werde das Kind auch aus Prestigegründen von den Eltern auf dem Gymnasium angemeldet, ergänzt Schneider und berichtet, dass es an der Grundschule im Südviertel »jedes Jahr eine Handvoll Eltern gibt, die sich nicht an die Empfehlungen halten«. Dass Eltern in solchen Fällen eher »die Umstände« als Ursache heranziehen als mögliche Defizite bei der Leistung der Kinder ist für Schneider nachvollziehbar. »Eltern haben nun einmal einen verklärten Blick auf ihre Kinder.«

Manche Schüler machten trotz fehlender Empfehlung ihren Weg auf dem Gymnasium, räumt Mühlhans ein. »Es scheitert nicht in allen Fällen, aber für viele läuft es spätestens ab Stufe 7 problematischer«, erklärt die LLG-Chefin. Der Weg bis zu diesem Punkt sei mit vielen unerfreulichen Erlebnissen versehen. Mühlhans: »Das sorgt für Schulfrust.«

 

Abitur am beruflichen Gymnasium 

Um solche Frustrationserlebnisse zu vermeiden, appelliert der Verband Bildung und Erziehung (VBE) an die Eltern, ihre Kinder nicht zu überfordern. Die Erziehungsberechtigten sollten das Wohl der Kinder im Auge behalten anstatt die Entscheidung von eigenen Träumen und Wünschen zur Zukunft des Kindes abhängig zu machen. »Gut gemeint ist nicht immer gut«, betont Landesvorsitzender Stefan Wesselmann. Kinder, die überfordert seien und eine Reihe von Misserfolgen erlebten, »verlieren oft dauerhaft die Lust am Lernen, sodass sie auch an einer anderen Schule nicht unbedingt einen erfolgreichen Neustart hinlegen«, warnt der VBE-Vorsitzende.

»Man muss nicht ab Klasse 5 aufs Gymnasium gehen, um später Abitur zu machen«, bekräftigt auch Annette Greilich. Die Leiterin der Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten spricht aus Erfahrung, denn die WOS bietet wie andere berufliche Schulen die Erlangung der Hochschulreife über den Besuch des beruflichen Gymnasiums an. Gerade in den Stufen 7 und 8 sei es für viele Jugendliche schwierig, ihr Hauptaugenmerk auf schulische Aufgaben zu konzentrieren. Auf dem beruflichen Gymnasium der WOS könne man nach der Mittelstufe problemlos »in einem etwas kleineren System zur Hochschulreife kommen«, unterstreicht Greilich, dass »viele Wege nach Rom führen«. Sie weiß aber auch, wie schwierig es ist, auf diesem Feld Überzeugungsarbeit zu leisten. »Viele Eltern glauben das einfach nicht.«

Info

Trend zum Stubenhocker

Die Umfrage bei Schulen zum Übergang von der Grund- zur weiterführenden Schule brachte am Rande noch Erkenntnisse zu Veränderungen, mit denen Lehrer zu kämpfen haben. So bestätigt Andrea Schulz von der Grundschule Nieder-Ohmen den Trend zum Stubenhocker. Immer mehr Kinder haben Computer und Fernseher im eigenen Zimmer. Dafür bewegen sie sich zu wenig. »Es fehlen Bewegungszeiten, das geht zu Lasten der Motorik«. Und hier gebe es einen direkten Zusammenhang mit der Gedächtnisleistung. Also: Wer klug sein will, bewegt sich.

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