16. März 2019, 08:35 Uhr

Ärztemangel

Statt zum Hausarzt könnte es bald ins Medizinische Versorgungszentrum gehen

Die ärztliche Versorgung ist ein Nummer-1-Thema im Vogelsberg. Nun rückt ein Medizinisches Versorgungszentrum für den Bereich Feldatal-Romrod in greifbare Nähe.
16. März 2019, 08:35 Uhr
Wenn es weniger Hausärzte gibt, könnten in Zukunft medizinische Versorgungszentren die Versorgungslücken stopfen helfen: Dort gibt es angestellte Ärzte. (dpa-Foto: Maurizio Gambarini)

Die Vogelsberger Politiker nehmen die ärztliche Betreuung der Bevölkerung ernst, das zeigte sich in einer Sitzung des betreffenden Kreistagsausschusses. Ulf Werner von der Beratungsfirma Optimedis präsentierte die »Regionale Gesundheitsplanung«. Ein zentraler Bestandsteil ist ein Medizinische Versorgungszentrum (MVZ), das für die Region Feldatal-Romrod geplant wird. Dort geht ein Hausarzt in den Ruhestand und weil aus freien Stücken kein Nachfolger oder eine Nachfolgerin da ist, will die KV in die Bresche springen. Danach wäre sie laut neuem Gesetz sogar verpflichtet. Denn der Bundestag hat in dieser Woche beschlossen, dass die KV Alternativen anbieten muss, wenn die Arztpraxis vor Ort dichtmacht.

In Hessen gibt es erst wenige kommunale MVZ, in denen angestellte Ärzte feste Arbeitszeiten und Gehälter haben. Bis Ende des Monats will die KV entscheiden, ob sie das Pilotprojekt im Vogelsberg angeht. Grundlage der Planung ist die Prognose, dass die Vogelsberger Bevölkerung bis 2030 um 12 000 Menschen schrumpft und der Anteil der Über-65-Jährigen auf 33 Prozent steigt. Die Zahl der Hausärzte ist seit 2010 von 73 auf 65 gesunken. Immer mehr Hausärzte sind über 65 Jahre alt, hier stellt sich die Frage nach einem Nachfolger.

Dabei sind Hausärzte in den Augen der Bürger ein wichtiger Teil der kommunalen Infrastruktur. Werner stellte eine Umfrage der AOK vor, wonach 96 Prozent der Befragten das Vorhandensein von Hausärzten als sehr wichtig oder wichtig bezeichnen. Erst danach rangiert mit 93 Prozent die Einkaufsmöglichkeit vor Ort und die Internetversorgung mit 90 Prozent. Darauf hat der Kreis bereits vor Jahren reagiert und eine Bestandsaufnahme auf dem Weg gebracht. In Gesundheitskonferenzen tauschten sich Ärzte und Politik aus.

 

Probleme: Bürokratie und Regressforderungen

Ein Ergebnis ist laut Erstem Kreisbeigeordneten Mischak, dass Hausärzte vor allem mit den Rahmenbedingungen ihrer Arbeit ringen. Sie kämpfen mit der Bürokratie und befürchteten Regressforderungen, hier kann der Kreis nichts tun. Man einigte sich aber auf Bereiche, in denen der Kreis helfen kann. So beteiligt er sich am Förderprogramm Gemeindeschwester 2.0.

Das bedeutet zunächst eine Expertin, die in der Kreisfachstelle für gesundheitliche Versorgung Leistungen für ältere Menschen koordiniert. Inzwischen sind für Alsfeld und Romrod zwei Mitarbeiterinnen mit jeweils einer halben Stelle als Gemeindeschwester unterwegs.

Hier geht es um die Entlastung von Ärzten, in dem ältere Patienten in nicht-medizinischen Fragen unterstützt werden. Es geht um Gesundheitsförderung und Beratung, sagt Werner: »Ein Ziel ist das Vermeiden stationärer Einweisungen.« Dies soll auch die Arbeit der Pflegedienste ergänzen.

 

Gemeindeschwestern für Lauterbach, Ulrichstein und Lautertal 

Gemeindeschwestern sollen künftig auch in Lauterbach, Ulrichstein und Lautertal eingesetzt werden. Dabei ist der Kreis noch in Verhandlungen mit dem Land, ob die Personalkosten nach der Projektphase weiter aus Wiesbaden bezahlt werden.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Nachwuchsgewinnung. »Bislang haben wir ein Problem, wenn ein Hausarzt aufhört und kein junger Nachfolger gefunden wird«, sagt Mischak. Junge Mediziner wollen das Risiko der eigenen Praxis oft nicht eingehen und sie scheuen die langen Arbeitstage. Um Studentinnen und Studenten anzusprechen, wird es demänchst die Internetseite »www.arzt-im-vogelsberg.de« geben. Im Juni bekommen Ärzte in Weiterbildung beim »Landtag« der Uni Marburg einen Einblick in Praxen und sprechen mit Hausärzten.

In diesem Zusammenhang stehen die Bemühungen um ein Medizinisches Versorgungszentrum Romrod-Feldatal. Hierzu hat die Kreisspitze Gespräche im Sozialministerium geführt, um Fördermöglichkeiten für ein selbst betriebenes MVZ zu eruieren. Dem hat sich die Kassenärztliche Vereinigung als Dachverband der niedergelassenen Ärzte angeschlossen und prüft nun, ob sie das MVZ als Pilotprojekt betreiben kann. Das neue »Terminservice- und Versorgungsgesetz, das der Bundestag in dieser Woche beschlossen hat, schlägt als Maßnahmen gegen den Ärztemangel auch Ärztebusse oder digitale Sprechstunden vor.

Info

Bürgerbus entlastet Hausärzte

Die Gesundheitsplanung bezieht sich auch auf die Mobilität, denn wenn Patienten in die Preaxis kommen können, muss der Arzt keine zeitaufwendigen Hausbesuche machen. Ein Ausweg sind bessere Informationen über öffentliche Angebote wie das Anruf-Linien-Taxi. Zudem können Bürgerbusse ältere Patienten aus dem Dorf in die Praxis bringen.

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