28. Februar 2019, 08:00 Uhr

Tradition

Faschings-Rekord im Vogelsberg: Nirgendwo in Hessen gibt es mehr "Strohbären"

Früher gab es ihn fast überall, wo es Landwirtschaft gab. Heute gehört er zu den aussterbenden Arten. Nicht so im Vogelsberg. Hier wird er zur Fastnachtszeit in vielen Orten wieder gewickelt.
28. Februar 2019, 08:00 Uhr
In einer Gruppe schauriger Gestalten und mit Musik wird der Strohbär in Feldkrücken an der Kette durchs Dorf geführt. (Foto: au)

Er brummt und fuchtelt mit den Armen und wer drin steckt, der leistet Schwerarbeit: »Strohbären« laufen in zahlreichen Gegenden Deutschlands zu verschiedenen Anlässen durch die Straßen. In Hessen hat der Vogelsberg die größte Dichte an Orten, die das Brauchtum noch pflegen. Gerade bei jungen Fastnachtsfreunden ruft der Strohbärenbrauch Begeisterung hervor. Deshalb weist die Fastnachtsvereinigung in Herbstein seit Kurzem im dortigen Statt- und Fastnachtsmuseum mit einer deutschlandweiten »Strohbärenkarte« auf den Brauch hin.

Deutschlandweit ist Werner Baiker »der« Strohbärenexperte, er wohnt in Sulz in Baden-Württemberg und war natürlich nach Herbstein gekommen. Er betreut auch die Internetseite www.strohbaeren.de, auf der deutschlandweit über 200 der struppigen Gesellen aufgelistet sind.

Baiker fasziniert der Brauch schon seit Langem. Im Gespräch widerlegte er die noch häufig vertretene Meinung, dass der Brauch des Strohbärenrundganges auf Fastnacht und Karneval reduziert ist. Baiker betont, dass es ungefähr die gleiche Anzahl »protestantischer« wie »katholischer« Strohgestalten gibt. In den Vogelsberger Orten seien fast alle der Strohbärenrundgänge vom Ursprung her protestantisch. Weil die katholischen Fastengebote von den Reformatoren abgelehnt wurden, muss es andere Grundlagen geben. Hatte das Einsammeln von Eiern, Wurst und Speck mit dem notwendigen Verbrauch der Lebensmittel vor der Fastenzeit zu tun? Vielleicht hing es viel mehr damit zusammen, dass diese drei Lebensmittel in allen landwirtschaftlichen Haushalten im Dorf am ehesten vorhanden waren und an die Bittsteller, die mit dem Strohbär die Runde drehen, abgegeben werden konnten.

 

Dorfschullehrer früher dabei

Rundgänge mit den Strohgestalten, die unterschiedlich heißen können (etwa »Erwesbär«), gab es laut Baiker früher an allen wichtigen Terminen des Jahres: »Am häufigsten treten sie natürlich an Fastnacht auf.« Hier wiederum ist es der Fastnachtsdienstag an vorderster Stelle, in manchen Orten sind die brummigen Gesellen aber schon am Sonntag oder Montag oder am Donnerstag vor den tollen Tagen unterwegs. In manchen Orten gibt es am Sonntag nach der Sommersonnenwende einen Bärenumzug und der »Kirmesbär« ist bei einigen Festen in Süddeutschland zu finden.

Viel mit dem Brauchtum hat sich auch der Homberger Heimatkundler Kurt Linker befasst. Denn traditionell findet in Schadenbach zur Fastnachtszeit ein Strohbärenumzug statt. Der Brauch wurde dort wie in anderen Orten bereits in der Nachkriegszeit gepflegt. Dorfschullehrer, Dorfjugend und Spinnstubengruppen wirkten mit.

 

Symbol der Wintervertreibung

Der Strohbär galt als Symbol der Wintervertreibung und stand für den nahenden Frühling. Zunächst sammelte man ausgedroschene Stroh von Erbsen, Bohnen und Wicken. Dieses gab ein besonders stabiles Kleid für den Bären. Weizenstroh zerfledderte schnell. Fast immer schlüpften junge Burschen in die Strohhülle, die von langen Kordeln zusammengehalten wird. Im Gefolge des Strohbären waren die »Bärenlährer« (Bärenführer) mit Kälberkette. Damit sollte sichergestellt werden, dass der Bär nicht ausbüxt. Eine handliche Kette sorgte für das Bändigen der Bärenkräfte und mit einem Signalhorn machten die Jugendlichen auf den Zug aufmerksam oder verkündeten, dass der Bär ausgebrochen war.

In einer Scheune oder in Höfen wickelte die Dorfjugend zuvor den Bären, dessen Aufgabe es unter anderem war, freche Kinder anzubrummen. Im Kreis Gießen hat übrigens mal eine Gruppe versucht, sich vor dem mühsamen Binden zu drücken und mit Heißkleber experimentiert, was natürlich schiefging, wie Experte Werner Baiker in Erfahrung gebracht hat. Damals wie heute sammelt die Truppe, die mit dem Bären herumgeht, Eier und Speck, die abschließend beim Fastnachtsschmaus aufgegessen werden.

Beeinflusst oder angeregt wurde die Tradition laut Baiker womöglich auch durch die Sinti und Roma, die in früheren Zeiten mit ihren tanzenden Bären durch die Dörfer zogen und Gaben erbaten. 

 

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