19. Februar 2019, 20:41 Uhr

Das Schicksal der Nachkriegskinder

19. Februar 2019, 20:41 Uhr
Sabine Bode liest aus ihrem Buch über Nachkriegskinder und trifft auf ein großes sehr interessiertes Publikum. (Foto: pm)

Stühle schleppen hieß es zu Beginn der Lesung im katholischen Pfarrzentrum, so groß war der Andrang. Sabine Bode, Jahrgang 1947, las aus ihrem Buch »Nachkriegskinder« und lud zum Diskutieren ein. Dabei geht es ihr um eine Aufarbeitung insbesondere für jene Jahrgänge, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden. Der Untertitel ihres Buches verweist auf den Ansatz des Werkes »Die 1950er Jahrgänge und ihre Soldatenväter«.

Die im Rheinland aufgewachsene Autorin skizzierte mit ein paar einleitenden Worten die 1950er Jahre in Deutschland. Damals war einerseits die Welt noch nicht in Ordnung. Auf Europa lasteten die Folgen eines verheerenden Kriegs, die Deutschen in West und Ost bemühten sich, möglichst wenig an den Holocaust zu denken, so Bode.

Andererseits wuchs die Wirtschaft, gelang ein Wiederaufbau und die politische Situation stabilisierte sich. Eltern erzogen ihre Kinder nicht selten mit Strenge und vor allem zur kontrollierten Ordnung, wie Bode anhand einer Familienszene aus einem typischen Heinz-Erhardt-Film zu illustrieren wusste. Vor allem die Väter der aufwachsenden Kinder und Jugendlichen verschwiegen viel, reizten zum Widerspruch oder irritierten ihre Töchter und Söhne mit Seltsamkeiten. Im Hauptteil der Lesung stellte die Journalistin drei von ihr interviewte Nachkriegskinder vor.

So erzählte sie einen Teil der Lebensgeschichte von Michael Brenner, dessen Lebensmotto lautet »Gib niemals auf«. Eine Querköpfigkeit, die er seinem Vater im Positiven wie im Negativen verdankt. Bode zitierte einen Ausspruch Brenners über seine Aufarbeitung der Nachkriegsjahre: »Viele Jahre habe ich kaum an Kindheit und Jugend gedacht, schon gar nicht an meinen Vater. Das Leben ist wie es ist, und ich war froh über Abstand und Vergessen. Aber meine Vergangenheit sollte mich einholen.«

Für große Teile der aufwachsenden Generation war dieses Abschließen mit der schuldbeladenen Kriegszeit kennzeichnend. Erst Jahrzehnte später begibt sich Michael Brenner mühevoll auf eine gedankliche Reise zurück in seine Jugendjahre. Eine andere vorgestellte Biografie war die von Vera Christen, Ärztin und Mutter von zwei Kindern. Trotz ihrer wohlbehüteten Kindheit spürte sie durch lange Phasen ihres Lebens einen Zwiespalt, den sie sich nicht erklären konnte. »Seit sie denken konnte, fehlte ihr der Boden unter den Füßen – so beschreibt sie ihr vorherrschendes Lebensgefühl«, las Sabine Bode. Die Ärztin erlebte plötzliche Wutausbrüche des Vaters inklusive Schlägen. Durch das Nachfragen von Bode wurde ein wahrscheinliches Trauma des Vaters aus der Kriegsgefangenschaft entdeckt.

Die Lesung und das anschließende Gespräch mit der Autorin porträtierten noch weitere Personen, mit deren Geschichte die große Bandbreite deutlich wurde. Im Publikumsgespräch entstanden Fragen zu verwandten Themen wie der Verarbeitung des Holocausts, den Schicksalen von Vertriebenen bis zu aktuellen politischen Herausforderungen. Auch lange nach dem offiziellen Schluss war daher noch Anlass und Raum für persönliche Gespräche.

Die Veranstaltungsreihe des Fachbereichs GPD 55+ des evangelischen Dekanats Vogelsberg geht am 20. Februar weiter: Dann wird im Billertshäuser Pfarrhaus anlässlich der bevorstehenden Europawahl gesprochen über »Mein Europa – biografisches Erzählen« und »Neues Testament und Europa«. Die Gesprächsrunde beginnt um 20 Uhr.

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