17. Februar 2019, 18:08 Uhr

»Nie wieder« als Kernbotschaft

17. Februar 2019, 18:08 Uhr
GKM
Esther Bejarano und Kutlu Yurtseven in der Nieder-Gemündener Kirche. (Foto: gkm)

Dieser Abend wird den Besuchern unvergessen bleiben. Esther Bejarano, ihr Sohn Joram und Kutlu Yurtseven nahmen sie mit auf eine Aufklärungsreise, die unter die Haut ging. In der vollbesetzten Kirche in Nieder-Gemünden führte Esther Bejarano ihr Publikum zunächst hinter die Stacheldrahtzäune der Konzentrationslager, Auschwitz und Ravensbrück, in denen sie als junge Frau eingesperrt war.

Aus ihrem Buch: »Erinnerungen« las die mittlerweile 94-Jährige mit fester Stimme, die Abschnitte über diese Zeit vor. Sie schilderte die schwere Arbeit, schlechte Verpflegung und menschenverachtende Behandlung durch das Lagerpersonal der SS. Sie schilderte, wie es ihr gelang, im »Mädchenorchester« für das Akkordeon besetzt zu werden, ob wohl sie Klavierspielerin war. Dass ihr Überleben nur mit Hilfe der Musik möglich wurde, machte die Lesung deutlich.

Auf türkisch rappen

Dabei schimmerten in den Beschreibungen der Grausamkeiten und Demütigungen immer wieder Signale der Hoffnung durch, beispielsweise im Hinblick auf die Solidarität im Mädchenorchester. Das Ende der Leidenszeit kam für Bejarano, nachdem sie von einem der Todesmärsche, zu denen die SS die KZ-Häftlinge kurz vor Kriegssende zwang, fliehen konnte und auf amerikanische und sowjetische Soldaten traf. Dabei zeichnete sie zum Ende ihrer Lesung ein eindringliches Bild von der Siegesfeier der Soldaten mit den befreiten KZ-Häftlingen. Sie zündeten ein Hitlerportrait an, sangen und tanzten, während Bejarano auf dem Akkordeon eines Soldaten spielte.

Damit es nie wieder zu solchen Zuständen kommt, engagiert sich die Musikerin seit Jahrzehnten für ein solidarisches und respektvolles Zusammenleben. Neben dem reinen Textvortrag spielt die Musik eine große Rolle. Seit zehn Jahren wird sie von der »Microphone Mafia« aus Köln unterstützt.

Mittlerweile hat man zwei CDs herausgebracht, auf denen ihr Sohn Joram mitspielt, der in Nieder-Gemünden den Bass-Sound beisteuerte.

Hier war die Band nur durch Kutlu Yurtseven vertreten, der die gemeinsame Botschaft gerappt an die Frau und den Mann brachte. Die traditionellen Musikstücke des Programms, jiddische und italienische Partisanen- und Volkslieder, begleitete er mit einer Hip-Hop-Ergänzung. Wie gut es sich auf türkisch rappen lässt, stellten die Zuhörer mehrfach fest, wenn der Kölner, dessen Eltern aus der Türkei stammen, in diese Sprache wechselte. Außerdem stellte er den Bezug zur aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland her.

Er erinnerte an die von Ausländerhass geprägten Anschläge der jüngsten deutschen Geschichte, angefangen bei dem Brandanschlag in Rostock-Lichtenhagen über Mölln und Solingen bis hin zu den Morden des NSU. Kutlu Yurtseven meinte, man erlebe mittlerweile immer wieder eine »Täter-Opfer-Umkehr.« So werde der Angriff auf einen AfD-Politiker als »Angriff auf die Demokratie« angeprangert, aber wenn eine Frankfurter Rechtsanwältin, die sich für Asylbewerber engagiert, mit Hassmails bedroht wird, die von rechten Polizisten stammen, falle die Wortwahl nicht so deutlich aus.

Massengrab Mittelmeer

»Das Mittelmeer mutiert zum größten Massengrab der Neuzeit und wir nehmen es hin«, so der Kölner. Es sei an der Zeit, das Schweigen zu brechen. Neben ernsten Liedern, beispielsweise von Brecht und Eisler, kam ein Stück der Kölner Gruppe »Höhner« zum Vortrag, die durch ihre Auftritte im Karneval bekannt sind. Refrain: »Wann geht der Himmel für mich wieder auf«. Auch »die Hühner« gab es zusätzlich auf türkisch und bei allen humorvollen Einlagen und Hinweisen an das Publikum, Spaß zu haben, ging es immer wieder um die ernste Kernbotschaft »Gegen Rassismus, gegen Krieg«.

Angemessen humorlos und mit deutlicher Aussage fiel die Würdigung von Kutlu Yurtseven für Esther Bejarano aus, zu der er vor ihr niederkniete: »Du hast Dein Engagement als späte Rache an den Nazis bezeichnet. Es ist eine Ehre, Teil dieser Rache sein zu dürfen.«

Die Veranstaltung bildet den Auftakt zu den Gemündener Kulturwochen, die Sabine Höhn als Vorsitzende des Kulturrings mit einem Hinweis auf das Programm eröffnete. Bürgermeister Lothar Bott dankte den Veranstaltern des Abends, der Flüchtlingsinitiative und der evangelischen Kirchengemeinde sowie dem Kulturring. Solche Veranstaltungen zeigten, »dass auch auf dem ›Land‹ hochwertige kulturelle Veranstaltungen möglich sind«.

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