24. Januar 2019, 12:20 Uhr

Hacker-Fall

Homberger Bürgermeisterin über den Stress beim Medienansturm

Vor zwei Wochen geriet Homberg in den Fokus der bundesweiten Öffentlichkeit. Der 20-jährige Hacker sorgte dafür. Bürgermeisterin Claudia Blum stand plötzlich im Zentrum eines Presseansturms.
24. Januar 2019, 12:20 Uhr
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Von Kerstin Schneider
Bürgermeisterin Claudia Blum (SPD) musste jede Menge Interviews rund um den Hacker geben: »Für die Presse war es nicht so einfach, Statements zu erhalten, sodass mein Part viel zu viel Bedeutung bekam.« (Foto: ks)

Wie war das, als Sie auf einmal in der »Bild-Zeitung« als »Bürgermeisterin des Hacker-Ortes« abgebildet waren?

Claudia Blum: Das habe ich mir ehrlich gesagt gar nicht angesehen. Ich habe es nur gehört. Für mich war es vor allem wichtig, dass ich hier in Homberg und im Vogelsbergkreis nicht als diejenige dastehe, die den Hacker gelobt hat.

Sie wurden plötzlich bundesweit auf einen Schlag bekannt.

Blum: Wegen der erfundenen Überschrift stand ich nicht gut da. Da habe ich am Mittwochabend einen Riesenschrecken bekommen. Denn es stimmte einfach nicht, es war erfunden und falsch.

Wie ging es dann weiter?

Blum: Ich habe am gleichen Abend viele Nachrichten bekommen, etliche, die sich meldeten, konnten es nicht glauben. So kamen über die SPD WhatsApps wie »Was ist denn da passiert?«

Mir war es wichtig, dass der Spiegel die erfundene Schlagzeile dementiert.

Claudia Blum, Bürgermeisterin von Homberg

Was haben Sie unternommen?

Blum: Mir war es wichtig, dass der Spiegel die erfundene Schlagzeile bei »Spiegel Online« (»Bürgermeisterin lobt Hacker«) dementiert.

Wie lief das ab?

Blum: Um 18.24 Uhr war die Schlagzeile online, um 19.10 Uhr bekam ich die Info darüber und dann habe ich mich gleich ans Telefon gehängt und eine E-Mail abgeschickt. Ich hatte dann ein Gespräch mit der Reporterin vom Redaktionsnetzwerk Deutschland und dem für die Printausgabe zuständigen Spiegel-Redakteur. Letzterer hat mich unterstützt und die Überschrift wurde nach etwa drei Stunden geändert. Darüber wurde ich um 21.51 Uhr informiert. Ich war froh, dass die Klarstellung nun da war. In den drei Stunden hatte die Nachricht aber schon riesige Kreise gezogen.

Sie sagen, Sie haben viel daraus gelernt?

Blum: Für mich war es schon ein Lehrstück darüber, wie die Medien funktionieren und vor allem wie ungeheuer schnell die Nachrichtenwelt geworden ist. Es geht oft zunächst um die reißerische Schlagzeile. Und die verbreitet sich dann rasend schnell, das kann man nur mit großer Mühe oder gar nicht mehr einfangen. Gesellschaftspolitisch finde ich das sehr bedenklich. Aber ich sehe natürlich auch den Druck, den Journalisten haben. Man hat gemerkt, dass die Mitarbeiter für den gedruckten Bericht mehr Zeit hatten, sie haben angerufen und sich meine Zitate freigeben lassen. Ich muss dazu sagen, dass ich mit den Vertretern der heimischen Medien bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht habe, hier wurde ich nie falsch zitiert. Froh war ich auch, dass der Hessische Rundfunk sowohl im Rundfunk als auch im Fernsehen einen Beitrag gebracht hat, in dem das Ganze klargestellt wurde.

Die Palette reichte von Beschimpfungen bis hin zu »Da haben Sie das Richtige gesagt.«

Claudia Blum, Bürgermeisterin von Homberg

Gab es weitere Reaktionen?

Blum: Ja, ich habe doch einige E-Mails bekommen. Die Palette reichte von Beschimpfungen bis hin zu »Da haben Sie das Richtige gesagt.« Auf diese E-Mails will ich noch antworten und die Dinge klarstellen.

Wie war die Stimmung in Homberg?

Blum: Ich finde, die Leute haben sehr zurückhaltend und besonnen reagiert, wenn Sie von Reportern angesprochen wurden. Klar ist doch, dass so etwas überall vorkommen kann, jetzt war es zufällig Homberg. Für die Presse war es vor Ort nicht so einfach, persönliche Statements zu erhalten, so dass mein Part als Bürgermeisterin viel zu viel Bedeutung bekam.

Werden Sie ihr Verhalten künftig ändern?

Blum: Ich habe mich in der Situation verhalten wie sonst auch. Ich werde sicher künftig vorsichtiger bei Äußerungen gegenüber der Presse sein. Grundsätzlich will ich mein Verhalten aber nicht ändern! Ich bin ein offener Mensch, rede mit jedem und möchte nicht unnahbar werden. Zum Glück habe ich Menschen, die mir den Rücken gestärkt und gesagt haben: »Mach dir nicht so viele Gedanken, der Presserummel geht vorbei.«

Eine junge Frau, die befragt wurde, meinte, es gebe für junge Leute in Homberg zu wenig Angebote, es sei nichts los?

Blum: Das ist so, gerade wenn man zwischen 14 und 18 Jahre alt ist und noch keinen Führerschein hat. Die Sportvereine machen viele Angebote, man kann sich einer Burschen- und Mädchenschaft anschließen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Angebote des Familienzentrums für junge Leute nicht gut angenommen werden, wir versuchen es weiter. Das Verhalten hat sich generell ziemlich verändert. Ich beobachte bei jungen Menschen, dass sie viel lieber chatten als sich zu treffen! Das war in meiner Jugend anders.

Bundesweit rückte Homberg durch den Fall in ein negatives Licht.

Blum: Die Stimmungslage in der Stadt ist gemischt. Die Aufregung hielt sich in Grenzen. Es handelt sich in erster Linie um eine Straftat eines Homberger Bürgers. Dadurch ist die Stadt in die Schlagzeilen geraten und erregte bundesweite Aufmerksamkeit. Insgesamt sind die Stadt und Stadtverwaltung durch die Straftat nicht belastet und der Ein oder Andere kann dem Ganzen auch komische Aspekte abgewinnen.

Und mit was sollte man Homberg aus Ihrer Sicht in Verbindung bringen?

Blum: Mit guter Lebensqualität und Wandern und als hübsche Fachwerkstadt, die einen Besuch lohnt.

Info

Der Hintergrund

Johannes S. soll Daten von Politikern und Prominenten ins Internet gestellt haben, darunter Telefonnummern, aber auch Chatverläufe. Zunächst hieß es bei der Polizei, ein politischer Hintergrund sei nicht erkennbar. In weiteren Medienberichten erzählten Bekannte des Schülers anderes, berichteten von rechtsextremen Einstellungen. Auf einschlägigen Plattformen im Internet soll er sich radikalisiert haben.



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