23. Januar 2019, 12:00 Uhr

Darknet

Wie bei Amazon – nur mit Drogen

Vor einigen Jahren legte die Polizei den Internet-Schwarzmarkt Silk Road 2.0 (»Seidenstraße«) still. Dort konnte man Drogen aller Art kaufen. Eine Spur führt nach Homberg.
23. Januar 2019, 12:00 Uhr

Hat der 46-Jährige Homberger als »Jay-Joe« im Internet Haschisch, Kokain und Ecstasypillen bestellt – so wie andere bei Amazon einen neuen Mixer? Das herauszufinden ist schwierig, nicht nur weil seit der Tat Jahre vergangen sind. Und der Angeklagte? Der ist sehr redselig, wenn es um seine zerrüttete Kindheit geht. Was den Vorwurf von Drogenkäufen in großem Stil betrifft, schweigt er. Das hat einen Grund, wie sich beim Verfahrensauftakt zeigen sollte, denn die Tat ist ihm schwer nachzuweisen.

Der 46-Jährige wurde aus der Haft in der JVA Hünfeld vorgeführt. Er hatte sich vor Jahren Falschgeld beschafft, dafür wurde er verurteilt. Im Februar käme er aus der Haft frei, sollte er nicht erneut verknackt werden. Nun heißt der Schauplatz Landgericht Gießen. Der Vorwurf lautet auf Drogenkauf in so hohen Mengen, dass sie nicht für den Eigenkonsum bestimmt sein können. Offenbar habe sich der Angeklagte mit den regelmäßigen Käufen im Jahr 2014 eine dauerhafte Einnahmequelle verschaffen wollen, sagte der Staatsanwalt. Im sogenannten Darknet (dunkles Netz) soll er unter anderem Marihuana, Haschisch, Amphetaminpaste und Ecstasy-Pillen gekauft haben.

Beim Auswerten der Daten der Plattform »Silk Road« stießen die Fahnder beim Käufer »Jay-Joe« auf eine Adresse in der Homberger Innenstadt, wo der Angeklagte gewohnt hat. Er setzte sich später nach Plauen (Sachsen) ab, wo er aufgegriffen wurde.

 

Prügel und Heimaufenthalt

 

»Wir müssen rausfinden, ob Sie das waren«: Mit diesem Satz fasste Richter Heiko Söhnel das Dilemma zusammen. Im Darknet gibt es viele Möglichkeiten, sich unter dem Radar der Fahnder zu bewegen und die Identität zu verschleiern. Ein weiteres Problem ist wohl auch, dass die Polizei nicht weiter in der Angelegenheit ermittelt hat, nachdem feststand, dass der Angeklagte wegen des Falschgeld-Deliktes »einrücken« musste. Der 46-Jährige schilderte, warum er leider immer die falsche Abzweigung nimmt, wenn er an einer Wegkreuzung des Lebens steht: »Das Gesetz und ich, wir verstehen uns nicht gut.« Seinen Vater hat er nicht gekannt, die Mutter sei schwere Alkoholikerin, wechselnde Partner der Frau hätten abwechselnd sie und den Jungen verprügelt.

Er kam ins Heim, wurde in Pflegefamilien vermittelt. Weil seine Mutter das halbe Sorgerecht behielt, konnte sie ihn immer wieder zurückholen, »wenn ihr gerade mal danach war.« Nach der mittleren Reife folgten Gelegenheitsjobs. Weil er keinen Führerschein hatte, aber zur Arbeit kommen musste, folgten Jugendstrafen wegen Fahrens ohne Erlaubnis. Später machte er den Führerschein und erhielt eine Arbeit in einer Homberger Firma. Nach der Falschgeldsache waren sowohl der Job als auch die Wohnung weg. Er suchte sein Glück im Osten, wo er im August 2016 festgenommen wurde. Mehrfach hat er versucht, in Therapien sein Leben aufzuarbeiten, aber: »Wenn es stressig wird, falle ich in alte Muster zurück.«

 

Fünf Sterne für guten Stoff

 

Eine Beamtin des Landeskriminalamtes (LKA) schilderte, wie der Handel im Dark- net funktioniert. Im Falle von »Silk Road« hatten die Fahnder die Server-Festplatte sichergestellt, die Daten wurden in den Landeskriminalämtern ausgelesen. Darunter waren etliche Käufe zu finden, die als Empfänger die Homberger Adresse hatten. Ähnlich wie bei Ebay können die Kunden auch Bewertungen abgeben, etwa: »Guter Stoff, fünf Sterne.« Laut Expertin sitzen Lieferanten oft in Holland, sie nutzen das sichere deutsche Postsystem und werfen die Pakete hinter der nahen Grenze ein. Ingesamt soll »Jay-Joe« in wenigen Monaten Ware für rund 50 000 Euro bestellt haben. Verteidiger Arik Thaye Bredendiek (Marburg ) hat schon mehrere Darknet-Verfahren bestritten und sieht keine Chance, dass sein Mandant verurteilt wird. Es sei mehr als merkwürdig, sollte ein Käufer im Darknet seine richtige Adresse angeben: »Der müsste mit dem Klammerbeutel gepudert sein.« Es gebe andere Möglichkeiten wie Paketstationen oder »tote« Briefkästen. Zudem sei direkt neben der Homberger Adresse seines Mandanten ein Drogendealer hochgenommen worden. Des Weiteren sei es möglich, dass ein Verkäufer Abnehmer erfindet – plus erfundener Bewertungen. Es gebe keinen Beweis dafür, dass »Jay-Joe« der Angeklagte ist, dass Ware versandt wurde oder angekommen ist.

Auch auf mögliche Abnehmer gebe es keine Hinweise. Das Gericht sah noch weiteren Ermittlungsbedarf.

 

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