29. Dezember 2018, 05:00 Uhr

Spielsucht

Familienvater wird in Mücke zum Räuber

Ein 33-Jähriger wird vom Amtsgericht Alsfeld für einen Überfall vor einer Spielothek in Mücke verurteilt. Die Hintergründe sind Spielsucht und Schulden. Wie kam es dazu?
29. Dezember 2018, 05:00 Uhr
Bei der Verteilerstation vor der Spielothek auf dem Autohof Mücke geschieht der Überfall. (Foto: jol)

Er sah in der Spielothek, wie ein Mitspieler 2000 Euro einstrich, und kam auf eine Idee, um die eigenen Geldsorgen zu lösen. Allerdings keine gute Idee. Für den Überfall auf einen 63-Jährigen in Atzenhain erhielt ein 33-jähriger Vogelsberger eine Bewährungsstrafe am Amtsgericht Alsfeld.

Mit zwei Jahren Haft, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden, schrammte er haarscharf an der Grenze vorbei, ab der man in eine Gefängniszelle einrückt. Die milde Strafe für einen Raubüberfall liegt am Hintergrund, der Täter ist Familienvater und Facharbeiter, hatte aber wegen seiner Spielsucht Schulden.

»Ich habe an dem Abend Mist gebaut«, so begann der 33-Jährige seine Aussage. Er gab zu, am frühen Morgen des 26. Januar dieses Jahres auf dem Autohof Mücke den 63-Jährigen überfallen zu haben. Er habe ihn von hinten gepackt, ihm die Jacke über die Schultern gezogen und den Mann auf den Boden geworfen. Dort habe er ihm die Jacke ausgezogen, in der sich die Geldbörse mit rund 2000 Euro befand. Dann sei er weggerannt.

Rabiate Geldeintreiber

Der Richter fragte nach, was einen Mann mit einem unauffälligen Leben, einer Familie und einem festen Arbeitsplatz bewegt, so eine Tat zu begehen. Der 33-jährige S. meinte, er habe Schulden gehabt, die aus einer Spielsucht stammten. Über sechs bis sieben Jahre hinweg hatte er regelmäßig Geld verzockt und dafür die Kosten für Autoreparaturen oder die Miete nicht bezahlt. Daraus wurden rund 7000 Euro Schulden.

2016 habe er endlich den Weg in eine Therapiegruppe gefunden und er sei seither weg von der Spielsucht. An jenem Januarabend hatte er Streit mit seiner Frau. Er wollte mit einigen Hundert Euro Einsatz einen möglichst hohen Gewinn machen, das klappte nicht. Am Ende waren rund 1400 Euro futsch und die Schulden drückten immer noch. »In der Spielhalle verliert man den Überblick«, erläuterte er dem Staatsanwalt. Da sei man »wie in Trance«.

Ein Problem: Er hatte Geld von den »Jungs« geliehen, Osteuropäer, die ausstehende Schulden rabiat eintreiben. Als er realisierte, dass er alles verloren hatte, überfiel er den Unbekannten, der mehr Glück hatte, steckte das Geld in einen Umschlag und warf es bei den »Jungs« in den Briefkasten.

Der 63-Jährige leidet noch immer an den Folgen des Raubes. Er erinnert sich sehr gut daran, wie er den Spielsalon des Autohofs verließ und plötzlich neben ihm ein Mann auftauchte. »Es ging ganz schnell«, da hatte ihm der Unbekannte die Jacke halb über die Schultern gezogen und ihn zu Boden geworfen. Weil der 63-Jährige um Hilfe schrie, gab es Schläge auf den Kopf. Der Täter rannte davon, er lief in die Spielothek, wo man Krankenwagen und Polizei alarmierte. Der Überfallene war drei Wochen krank geschrieben, litt unter Kopfschmerzen und konnte zeitweise kaum aufstehen. Noch heute sei der Kopf angeschlagen. Er arbeitet zeitweise als Lkw-Fahrer, traut sich auf dunklen Parkplätzen aber nicht mehr aus dem Führerhaus.

Angeklagter entschuldigt sich

Der 33-Jährige entschuldigte sich noch im Gerichtssaal. Der 63-Jährige nahm die Entschuldigung an. Er wolle den Schaden wiedergutmachen, meinte der 33-Jährige. Der Staatsanwalt regte eine Zahlung von Schmerzensgeld und die Rückgabe der geraubten 2000 Euro an. Zudem forderte er eine Strafe von zwei Jahren auf Bewährung. Für Raub sei als Mindeststrafe ein Jahr Haft vorgesehen. Der Verteidiger verwies auf die Reue seines Mandanten. Er hielt 18 Monate für ausreichend.

Die Richter entschieden auf zwei Jahre Bewährungsstrafe, dazu 2000 Euro Schmerzensgeld und 2100 Euro Schadenswiedergutmachung. In der Begründung wies der Vorsitzende Richter darauf hin, dass ein solcher Überfall normalerweise bei zwei Jahren und sieben Monaten Haft angesiedelt ist. Da der Angeklagte aber fast ein Musterbürger sei, der einmal »diesen Bockmist gemacht hat«, könne man auf Bewährung gehen.

Der 33-Jährige und der Staatsanwalt nahmen das Urteil an.

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