21. Dezember 2018, 21:07 Uhr

Fragen zum Sonntag

21. Dezember 2018, 21:07 Uhr

Predigtwort für den vierten Advent und Weihnachten

»Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.« Jh. 1, 14a

Kürzlich meinte ein junger Mensch im Gespräch zu mir: »Man müsste den Leu- ten an Heiligabend in der Kirche einmal so richtig die Meinung sagen!« – »Warum denn das?«, fragte ich ihn. »Na, da kommen sie einmal im Jahr, machen auf gute Christen, lassen sich vom Lichterbaum, dem Krippenspiel ihrer Kinder oder Enkel und den schönen alten Liedern erfreuen – und dann leben sie wieder ein ganzes Jahr so weiter, wie gewohnt, ohne Jesus Christus.«

Der junge Mensch war dieser Art Christen böse, das war klar. Er sagte auch noch, dass er an Heiligabend schon seit einigen Jahren nicht mehr zum Gottesdienst geht, »aus Protest«, so drückte er sich aus und »um diese Heuchelei nicht mitzumachen«, obwohl er sonst hin und wieder einen Gottesdienst besucht.

Er wollte auch noch wissen, wie ich das sähe, ob mir der Heilige Abend nicht auch ein Gräuel sei. Er wollte wohl hören, dass auch ich denen gram bin, die man das ganze Jahr nicht in der Kirche sieht, die aber doch keinen Heiligen Abend verpassen.

Aber ich sagte etwas anderes: »Nein«, so antwortete ich ihm, »die Christvesper macht mir sogar ganz besondere Freude. Es sind so viele Menschen da, so viele Kinder – ich finde das schön! Mir ist dann gar nicht mehr wichtig, warum die Leute gekommen sind; wann ich sie das letzte Mal gesehen habe und wie lange es bis zum nächsten Mal dauern wird...

Sie sind jetzt da – darauf kommt es an!« – »Und es ärgert Sie nicht, wenn die Menschen so offenkundig nichts vom Heiligen Abend mitnehmen?«, fragte der junge Mensch weiter. »Nein, es ärgert mich nicht mehr, es macht mich nur traurig, und es tut mir leid; genau genommen, die Menschen tun mir leid.«

Jetzt schaute mein Gegenüber mich sehr verblüfft an: »Die Leute tun Ihnen auch noch leid?« Ich merkte, das musste ich erklären. Und ich will Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, das heute auch erklären: Warum tun mir die Menschen leid, deren Kirchlichkeit sich auf den Heiligen Abend beschränkt?

Das hängt mit der Botschaft zusammen, die wir am Heiligen Abend in unseren Kirchen hören können: »Es begab sich aber zu der Zeit... Der große Gott wird ein hilfloses Kind.« Mir kommt das manch- mal so vor, als müsste man bei jedem Wort dieser Weihnachtsgeschichte eine Weile Pause machen, damit das wirken kann, damit wir das überhaupt fassen und be- greifen können: Gott wird Mensch – ja, und noch viel mehr – oder besser weniger: ein Kind in einem Stall, in einen Viehtrog gelegt, auf Stroh gebettet, unter dem selben Dach mit Ochs und Esel.

Und das eben meine ich: Wer da nicht erkennt, wie gewaltig, wie staunenerregend und wie wunderbar diese Sache ist, der tut mir leid. Denn ich weiß nun wirklich nicht, wie sich Gott sonst noch einen Weg in das Herz der Menschen bahnen soll – wenn sie das nicht rührt und für ihn gewinnt. Kann Gott denn noch tiefer hinabsteigen, als er es in diesem Kind tut?

Und wer noch ein bisschen von diesem Jesus über die Botschaft des Heiligen Abends hinaus weiß, der müsste doch auch das sehen: Das war kein einmaliger Versuch Gottes, sich bei gefühligen Leuten einzuschmeicheln.

Die Armut und Härte dieser Geburt war nur der Anfang. Das ging so weiter, bis ans Ende: Flucht nach Ägypten noch in der Nacht, da er zur Welt kam. Und später: Als besitzloser Wanderprediger lebte er vom Betteln, schlief unter freiem Himmel, zog ohne Familie umher, ging ohne die Sicherheit von Eigentum und Erspar- tem in die Zukunft; und die hieß für ihn: Verachtung und Hass der frommen Landsleute, Verrat, Auslieferung, Verhöhnung, Geißelung, Kreuz und der Tod eines Ver- brechers.

Wahrhaftig, hier stimmt alles zusammen, vom Anfang bis zum Schluss. Gott geht den unteren Weg. Gott will unser Herz haben, darum wird er ein Kind, darum macht er sich so klein – und nicht nur in der Geschichte des Heiligen Abends!

Ja, mir tut leid, wer das nicht sehen will. Denn das ist doch – bei all den Nachrichten des Schreckens, die tagtäglich auf uns einstürmen – die einzig gute und beglückende Botschaft und die einzige auch, mit der man wirklich leben und sterben kann: Gott wird Mensch, teilt mein Leben, wird einer wie ich, gibt seinen Himmel auf – um ihn mir zu schenken.

Ich wünsche uns, dass zu diesem Christfest diese Botschaft bei uns ankommen und ins Herz dringen kann. Dem jungen Menschen, von dem ich gesprochen habe, wünsche ich, dass er niemandem mehr böse ist, den diese Botschaft (noch) nicht anrührt.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten vierten Advent und friedvolle Weihnachten!

Pfr. Manfred Günther (im Internet: http://www.predigt-eichendorf.de)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Advent
  • Heiligabend
  • Herz
  • Jesus Christus
  • Manfred Günther
  • Vogelsberg
  • Wünsche
  • der Redaktion
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos