20. Dezember 2018, 08:00 Uhr

Pflegenotstand

Statt neue Bewerber suchen auf Pflege-Rückkehrer setzen

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will 13 000 neue Pflegekräfte gewinnen. Doch woher sollen die kommen? Ingo Schwalm, selbst aus der Pflege, hat einen Vorschlag.
20. Dezember 2018, 08:00 Uhr

Sie fordern, man solle Aussteigern aus dem Pflegeberuf die Rückkehr schmackhaft machen, wie viele gibt es denn?

Ingo Schwalm: Ein Hersteller von Medizinprodukten hat eine Studie in Auftrag gegeben, aus der hervorgeht, dass 300 000 ausgebildete Pflegekräfte in den letzten 20 Jahren aus dem Beruf geflohen sind. Hauptgrund sind die Arbeitsbedingungen mit einer zu hohen Belastung, chronischer Überforderung am Arbeitsplatz und Arbeitsverdichtung. Immer mehr Patienten sollen in immer kürzerer Zeit versorgt werden. Die schlechten Arbeitsbedingungen gelten auch in der Altenpflege. Hinzu kommt, dass es weniger Krankenhäuser gibt. Ihre Zahl lag früher bei 4000, jetzt sind es knapp 2000. Da sind viele Beschäftigte ausgeschieden.

Wie groß ist das Interesse, wieder in den alten Beruf zurückzukehren?

Schwalm: Die Hälfte von ihnen wäre bereit, in den angestammten Beruf zurückzukehren. Dafür müssten aber die Voraussetzungen stimmen. Es geht um die Arbeitszeiten, denn aktuell werden etwa Beschäftigte aus ihrer freien Zeit zurückgeholt, wenn eine Kollegin ausfällt. Da gibt es dann keine Zeit mehr zur Erholung und für die Familie. Viele stehen kurz vor der eigenen Krankheit, einem Burn-Out. Man kann sicher sein, dass man den Beruf nicht ohne Not verlässt.

Wie äußert sich das im Vogelsberg?

Schwalm: Das merkt man an der Zahl derer, die die Ausbildung abbrechen. Ein Drittel steigt in der dreijährigen Ausbildungszeit aus oder schafft das Examen nicht.

Welche Gründe nennen denn die jungen Aussteiger?

Schwalm: Sie beklagen eine mangelnde Anleitung in der Praxis und sehen, dass sie den Beruf mit so viel Stress nicht ein Leben lang ausüben wollen. Das ist der Personalknappheit im Krankenhaus geschuldet.

Jetzt ist der Gesundheitsminister aktiv geworden, was bringt das?

Schwalm: Ab Januar 2019 werden alle Neueinstellungen für die Pflege im Krankenhaus durch die Krankenkassen voll bezahlt. Zudem müssen alle Tariferhöhungen von den Kassen bezahlt werden. Das Problem ist, dass es jetzt schon deutschlandweit 10 000 unbesetzte Stellen in Kliniken gibt und dazu kommt noch der Bedarf an 70 000 weiteren Beschäftigten. Und da kommt die Umfrage ins Spiel. Wenn man die Aussteiger zurückholen kann, dann wäre das Problem gelöst. Man bräuchte keine dreijährige Ausbildung abwarten oder Sprachkurse für ausländische Kräfte organisieren. Hier vermisse ich aber Bewegung bei den Arbeitgebern, das wird sicher ein Hauen und Stechen um die Beschäftigten geben.

Welche Chancen sehen Sie für die Vogelsberger Krankenhäuser?

Schwalm: Wir haben die drei klassischen Krankenhäuser in Alsfeld, Lauterbach und Schotten, dazu die Vogelsbergklinik Grebenhain. Ich sehe auch im Kreis einen Pflegenotstand. Das zeigt sich an den vielen tausend Überstunden und etwa daran, dass Beschäftigte ihren freien Tag nicht nehmen können. Das zeigt sich auch am Abmelden von Betten oder einer ganzen Abteilung, wenn die Pflege- und Fachkräfte fehlen. Das kann sich noch verschärfen. Eine Fachklinik aus Fulda sucht Pflegepersonal, bietet eine 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich und hat angekündigt, 20 Prozent mehr Pflegekräfte einzustellen.

Wie könnte man die Lage zu verbessern?

Schwalm: Erst einmal 20 Prozent mehr examinierte Pflegekräfte auf jeder Station. Eine Lohnerhöhung um 15 Prozent sollte drin sein, damit Menschen gut versorgt werden. Um die immensen Unterschiede zwischen den Regionen auszugleichen, braucht es einen Flächen-Tarifvertrag für ganz Deutschland. Unterstützend wäre eine Rückkehrprämie gut. Das Ziel muss sein, dass Menschen ohne Risiken durch Fachkräftemangel in eine Behandlung im Krankenhaus gehen können.

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