16. November 2018, 22:32 Uhr

Fragen zum Sonntag

16. November 2018, 22:32 Uhr

Predigtwort für den Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr

»Gott spricht: Dies Volk ehrt mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir.« Jes. 29,13

Heute will ich Ihnen einmal eine Geschichte erzählen, sie passt gut zu dem Wort, das heute über diesen »Fragen« steht:

Das war in einem Dorf in Oberhessen. Obwohl der Pfarrer, der seit über 20 Jahren in der Kirchengemeinde treu seinen Dienst versah, sich redlich bemühte, war die ehemals lebendige Gemeinde am Ort im Laufe der Jahre schläfrig geworden.

In der Frauenstunde, in die einmal über 40 regelmäßige Teilnehmerinnen kamen, saßen inzwischen nicht einmal mehr halb so viele Frauen. Die Jungschar kränkelte, weil die Kinder nur noch erschienen, wenn ein Programm angekündigt war, das eine besondere Attraktion bot und mit der Beschäftigung mit ihrem Smartphone konkurrieren konnte. Und auch beim Gottesdienst gab es gewaltige Einbrüche. Zur kirchlichen Feier des Erntedankfests zum Beispiel machten sich nicht einmal mehr die Menschen aus dem Dorf auf, die doch als Landwirte besonderen Grund zum Danken gehabt hätten. Mit einem Wort: Das Gemeindeleben siechte nur noch dahin und man musste befürchten, dass es bald ganz sterben würde.

Zwar versuchten die treueren Gemeindeglieder, ihren Pfarrer zu beruhigen: An Heiligabend wäre die Kirche doch immer noch voll! Und in manchen Nachbardörfern kämen nur fünf oder sechs zum Frauenabend. Und andere Kreise gäbe es dort sowieso nicht mehr. Auch die Gottesdienste an anderen Orten hätten manchmal nicht einmal zehn Besucher – bei doppelt so vielen Gemeindegliedern! Er müsse doch also zufrieden sein und sich freuen...!

Es half nichts. Der Pfarrer sah nur die eigene Gemeinde und die Veränderung, die sich dort im Laufe der Jahre ergeben hatte. Es schien ihm auch überhaupt nicht tröstlich, dass es anderswo noch schlechter war, zumal Gemeinden ja völlig unterschiedlich sind und von daher nicht miteinander, sondern – im Früher und Heute – nur mir sich selbst zu vergleichen.

Aber er hatte eine Idee: Zum Totensonntagsgottesdienst, den die Menschen des Dorfes noch aus alter Tradition zahlreich wahrnahmen, lud er zur Beerdigung und zum fürbittenden Gedenken für die »nach längerem Siechtum verblichene Kirchengemeinde« ein.

Und so schrieb er es in der örtlichen Zeitung, hängte Plakate auf und ließ Handzettel in allen Häusern verteilen: »Im Gottesdienst am Totensonntag wollen wir unsere Kirche, die, nachdem sie lange krank war, endlich still entschlafen ist, zu Grabe tragen. Die Gemeinde ist ein letztes Mal zur Teilnahme eingeladen.«

Am letzten Sonntag des Kirchenjahres kamen die Menschen des Dorfes in noch größeren Scharen, als es sonst zu diesem Anlass üblich war. Und wirklich, in der Kirche war ein Sarg aufgestellt mit geschlossenem Deckel. Nach Lied und Gebet hob der Pfarrer mit seiner Predigt zum Totensonntag an und kam, nach dem Gedenken an die im letzten Jahr in der Kirchengemeinde Verstorbenen, noch auf einen ganz anderen »Todesfall« zu sprechen:

»Liebe Gemeinde«, so sagte er, »da alle Versuche, unsere Kirche, unsere Gemeinde zu kurieren, fehlgeschlagen sind, da unsere Kirche nach jahrelangem Kränkeln zuletzt nicht mehr zu retten war, müssen wir auch sie heute zu ihrer letzten Ruhe bringen. Wir wollen das tun, indem wir in langem Zug an ihrem Sarg vorbeigehen und ihr – ein letztes Mal – die Ehre geben. Wir wollen ihr alle noch einmal ins Angesicht schauen, ihren Anblick zu langem Gedenken in uns aufnehmen und ihr dann für immer Lebewohl sagen und still nach Hause gehen.«

Und so geschah es. Der Pfarrer machte den Anfang des Zugs und schlug den Sargdeckel zurück. Dann folgte einer nach dem anderen, Frauen, Männer und Kin- der. Ein jeder trat heran an den schwar- zen Kasten, beugte sich vor, blickte hinein und ein jeder wich zurück mit Erstaunen und manchmal mit ein wenig Entset- zen. Denn was ein jeder sah, war nicht das Bild eines Menschen, nicht das Konterfei einer Verblichenen, nicht die Züge eines Toten. Nein, ein jeglicher erblickte sich selbst, sein eigenes Gesicht. Denn der Pfarrer hatte einen Spiegel auf den Grund des Sarges gelegt.

Wie die Geschichte weitergeht, wollen wir als eine »Frage zum Sonntag« an uns selbst in die kommenden Tage mitnehmen.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und gute Gedanken.

Pfr. Manfred Günther (im Internet: www.predigt-eichendorf.de

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