14. November 2018, 20:52 Uhr

Gedenktage

Feiern zum Volkstrauertag überhaupt noch zeitgemäß?

Der Posaunenchor spielt. Der Gesangverein singt. Die Reservistenkameradschaft steht stramm. Gedenkfeiern zum Volkstrauertag haben oft wenig Zulauf. Was tun?
14. November 2018, 20:52 Uhr

Jedes Jahr gedenken die Menschen im November auf den Friedhöfen und an Mahnmalen der Opfer von Kriegen, Gewalt und Terror. Es werden Kränze niedergelegt, Erinnerungen bemüht. Aber Erinnerungen verblassen nach vielen Jahrzehnten, jüngere Menschen bleiben den Gedenken fern. Gleichwohl haben Worte wie »die Toten mahnen« und dass »so etwas nie wieder passieren darf« immer noch ihren Stellenwert. Was mehr fehlt, ist der Zugang zum Thema für mehr Menschen als die wenigen Dutzend (inklusive Posaunenchor und Gesangverein), die sich bei herbstlicher Witterung am Sonntag wieder auf den Friedhöfen und vor den Gedenkstätten versammeln werden.

Bei einer Veranstaltung der evangelischen Dekanate Alsfeld und Vogelsberg im Rahmen der Themenreihe »Krieg und Frieden« in Ober-Breidenbach beschäftigten sich kürzlich Vertreter aller Generationen mit der Fragestellung, wurden Hinweise gegeben, wie die starren Formen des seitherigen Gedenkens aufgeweicht und dadurch für mehr Menschen attraktiver gestaltet werden können. Holger Schäddel und Franziska Wallenta hatten einige Gäste zum Impulsabend eingeladen, darunter die Bürgermeister Dr. Birgit Richtberg aus Romrod und Timo Georg aus Schwalmtal, Pfarrerin Dorothée Tullius-Thomásek vom örtlichen Pfarramt und Pfarrer Nils Schellhaas aus Nieder-Ohmen sowie die Personalreferentin Hedwig Kluth vom Katholischen Dekanat Alsfeld. Dazu kamen drei Schüler der Klasse 10G der Ohmtalschule aus Homberg und ein Teil der Männergruppe, die vor kurzem im Rahmen der Reihe »Krieg und Frieden« nach Trier und Verdun gereist war. Der Impulsabend zum Volkstrauertag habe sich aus der Arbeit dieser Gruppe ergeben, informierte Holger Schäddel.

Viele Fragen standen sofort im Raum. Woran erinnern? Wozu mahnen? Wen ehren wir dabei? Braucht es das Erinnern, das Mahnen, das Ehren und wenn ja, wie viel und für wen? Wer und wie kann man den Gedanken des Volkstrauertages in die Gegenwart tragen? Im Mittelpunkt standen zunächst eigene, durchaus auch kritische Erfahrungen und Sichtweisen zum Volkstrauertag.

Romrods Bürgermeisterin Dr. Birgit Richtberg erinnerte sich daran, dass ihre Mutter an diesem Gedenktag immer sehr traurig war. Seit zehn Jahren begehe man den Tag wieder in Romrod. Auch überlege man, dem »Denkmal« in Ober-Breidenbach einen neuen Standort auf dem Friedhof zu geben. Wichtig ist für sie auch, dass diese Zusammenkünfte Verbundenheit schaffen. Man sei besonders danach auf dem Heimweg weniger einsam. In Gruppen ging man dann der Frage nach »Was verbinde ich mit dem Volkstrauertag?«

Die Ergebnisse machten deutlich, dass es unterschiedliche Sichtweisen gibt. Der Respekt vor den vielen Toten wurde genannt, und überstimmend beklagte man sich über den Rückgang und die Zusammensetzung der Besucher. Oft seien es nur eine Handvoll Besucher, die »Offiziellen« und Posaunenchöre. Auch zogen die Betrachter aus den Beiträgen die Schlussfolgerung, dass der Begriff »Volkstrauertag« zu sehr auf die Opfer der Weltkriege gerichtet sei und somit die Generation, welche von den Kriegen verschont geblieben ist, sich nicht mehr angesprochen fühle. Daher seien in der Zukunft auch andere Inhalten erforderlich. Das Einbinden von Jugendlichen und jungen Erwachsenen könnte ein Weg sein.

Auf diese Weise werden beispielsweise bei einem anderen Gedenken, dem an die Pogrome 1938, in einigen Orten die jeweiligen Konfirmanden mit Lesungen eingebunden. Allerdings ist es in diesen Fällen wie bei den »normalen« Veranstaltungen auch: Es kommt darauf an, dass eine Person das in die Hand nimmt.

Nahe ging den Anwesenden das Vorlesen eines Feldpostbriefes aus dem Jahr 1916 eines Soldaten an seine Eltern, den die Schüler der Homberger Ohmtalschule Homberg in Französisch, Deutsch und Englisch vortrugen. Der Soldat hatte darin die Hoffnung aufgegeben, jemals wieder nach Hause zu kommen. Hedwig Kluth vom Katholischen Dekanat Alsfeld erzählte, dass sie als Kind von den Geschichten des Vaters gehört hat, die sie für die Friedensarbeit bis heute geprägt haben. Es gebe die Verpflichtung, sich für den Frieden einzusetzen. Auch sie plädierte dafür, neue Wege zu gehen.

Holger Schäddel moderierte das »Interview zu dritt« mit Bürgermeister Timo Georg und Pfarrer Nils Schellhaas. So hatte Georg als Kind und Jugendlicher zunächst wenig Beziehung zu diesem Gedenktag. Heute sehe das anders aus. Durch Amt und Familie sehe er »Krieg und Frieden« in einem anderen Licht. Pfarrer Schellhaas ist an diesem Gedenktag in vier Gemeinden unterwegs und sieht auch den Teilnehmerschwund. Wie viele wünscht er sich einen Gedenktag mit neuer Prägung.

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