23. September 2010, 20:12 Uhr

Bund spart - Schüler kommen nicht mehr in Schule

Alsfeld (jol). Ann-Kathrin Haas und Sefanie Hess sind ein gute Beispiel dafür, dass wir in Deutschland von einem Recht auf Bildung noch ein ganzes Stück entfernt sind: Die jungen Hartz-IV-Bezieherinnen wollen den Hauptschulabschluss machen, können sich aber die Fahrkarten nicht leisten.
23. September 2010, 20:12 Uhr
Sie würden gerne in die Schule und lernen, aber das scheitert an den Fahrtkosten: Ann-Kathrin Haas (links) und Stefanie Hess. (Foto: jol)

Alsfeld (jol). Ann-Kathrin Haas und Sefanie Hess sind ein gute Beispiel dafür, dass wir in Deutschland von einem Recht auf Bildung noch ein ganzes Stück entfernt sind: Die jungen Hartz-IV-Bezieherinnen wollen den Hauptschulabschluss machen, können sich aber die Fahrkarten nicht leisten. Und die zuständige Kommunale Vermittlungsagentur würde gerne zahlen, muss es aber lassen, weil sie explizit vom Bundes-Arbeitsministerium daran gehindert wird, die Fahrtkosten zu tragen - das sei Sache des Landes. Zwischen den Zuständigkeiten werden die Chancen von mehreren Schülern der Max-Eyth-Schule Alsfeld zerrieben, eine bessere Basis für einen regulären Job zu bekommen.

Ann-Kathrin Haas ist richtig sauer auf die Verantwortlichen, weil die 16-Jährige daran gehindert wird, zur Schule zu gehen und den Hauptschulabschluss in einer Eibe-Klasse der MES zu machen. Sie hat endlich einen Platz in der Textilklasse von Eibe bekommen und will Schneiderin werden. Aber sie kann nur an manchen Tagen in der Woche kommen, weil das Geld für eine Monatskarte von Bernsburg nach Alsfeld fehlt. Knapp 50 Euro pro Monat hierfür sind im sechsköpfigen Haushalt nicht aufzubringen. Deshalb muss sie mit Rücksicht auf die Haushaltskasse immer wieder tageweise zu Hause bleiben und hat schlechte Chancen, den Schulabschluss zu schaffen. Weil sie bereits zu Ende des vergangenen Schuljahres oft nicht in die Schule gelangt ist, hat sie bereits ein Schuljahr verloren. »Da bemüht man sich und bekommt dann solche Steine in den Weg gerollt.«

Stefanie Hess wirkt da eher resigniert, so kommentiert sie ihre Lage mit: »Die sich bemühen, haben Pech gehabt«. Die 25-Jährige hat früh ein Kind bekommen und will nun ebenfalls in einer Eibe-Klasse die zweite Chance auf einen richtigen Schulabschluss ergreifen. Aber die rund 90 Euro monatlich für die Fahrkarte von Nieder-Ohmen nach Alsfeld hat sie nicht. Von dem ALG-II-Regelsatz werden noch Beträge für die Kaution abgezogen, das reicht schon so nur für das Nötigste, zumal ihr zweites Kind erst sechs Monate alt ist. Stefanie Hess will gerne die Eibe-Klasse mit Schwerpunkt Ernährung an der beruflichen Schule besuchen, um eine Basis für das Berufsleben zu haben. Aber sie kommt zur Zeit überhaupt nicht mehr in die Schule und findet das schlimm.

Bis vor wenigen Monaten wurden die Fahrtkosten für Schüler und Schülerinnen übernommen, auch wenn sie wie Ann-Kathrin Haas und Stefanie Hess ihre Chance nach der Regel-Schulzeit suchen, wie MES-Sozialarbeiter Uwe Zaschel berichtet. Schließlich geht es ja nicht um ein Almosen sondern um das Recht auf Bildung und Ausbildung. Mehrere Schüler des MES habe dasselbe Problem, einige wursteln sich mithilfe von Verwandten durch. Aber bei einem halben Dutzend führt das dazu, dass sie immer wieder am Unterricht nicht teilnehmen können. Grundproblem ist nach seinen Erfahrungen, dass nur Unter-18jährige und Schüler bis zur 10. Klasse Anspruch auf Fahrgeld haben. Da Ann-Kathrin Haas in der 11. Klasse ist und Stefanie Hess über 18 Jahre alt, fallen beide aus dem Raster.

Das bedauert Erich Ruhl, Pressesprecher des Kreises, sehr, aber der KVA des Kreises sind da die Hände gebunden. Bis vor wenigen Monaten hat die Agentur die Fahrtkosten auch in solchen Fällen getragen, weil es ja dem Abbau von Vermittlungshemmnissen dient. Im Klartext: Mit einem Schulabschluss sind die Klienten der KVA dann besser zu vermitteln. Aber das Bundes-Arbeitsministerium hat der KVA untersagt, die Fahrtkarten zu zahlen, wie Ruhl auf Nachfrage der Allgemeinen erläuterte. Fahrgeld gehört zu Bildungsausgaben, und da sei das Land Hessen zuständig. Dass bildungswilligen Klienten der KVA dann ohne Geld für die Fahrkarte da stehen, spielt keine Rolle. Ruhl hofft darauf, dass sich in Berlin etwas bewegt und die KVA solche Kosten wieder übernehmen darf.



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