15. September 2010, 18:14 Uhr

Profis werden zur »Mangelware«

Vogelsbergkreis (bl). Fast aus allen handwerklichen Berufen fanden sich die frischgebackenen Gesellinnen und Gesellen zur feierlichen Freisprechung im Bürgerhaus in Romrod ein.
15. September 2010, 18:14 Uhr
Besonders geehrt wurden bei der Freisprechungsfeier die innungsbesten Gesellen. (Foto: bl)

Vogelsbergkreis (bl). Fast aus allen handwerklichen Berufen fanden sich die frischgebackenen Gesellinnen und Gesellen zur feierlichen Freisprechung im Bürgerhaus in Romrod ein. Der stellvertretende Kreishandwerksmeister Edwin Giese begrüßte sie sowie eine Reihe an Ehrengästen. In der Festrede verwies Handwerkspräsident Klaus Repp auf den sehr guten Ruf der deutschen Dualen Ausbildung, die Gesellen sollten sich stetig weiterbilden. Bereits in der Begrüßung hatte Edwin Giese gesagt, das Handwerk, »die Wirtschaftskraft von Nebenan«, es stehe für Tradition und Fortschritt. Es sei für junge Menschen nicht immer leicht in den Beruf zu kommen, den sie gerne erlernen möchten. Durch das Duale System hätten die Gesellen eine Ausbildung genossen, um die sie die Welt beneide. Sie sollten nun den Weg im Handwerk weitergehen und den Meister anstreben, ohne dass sie sich selbstständig machen müssten. Viele Betriebe brauchten und suchten Meister.

Langfristig gesehen sei es notwendig kluge Köpfe zu haben, damit die Betriebe wettbewerbsfähig bleiben. Das Kreishandwerk bilde diese Leute aus. Giese forderte dazu auf, alles für die Ausbildung zu unternehmen. Da seien nicht nur Schulen und Eltern gefordert, sondern auch Betriebe. Leider scheitere es manchmal daran Lehrlinge auszubilden, weil sie nicht die nötigen Grundlagen mitbringen. Er dankte denen, die zur Ausbildung beigetragen haben.

In der Festrede verglich Präsident Klaus Repp von der Handwerkskammer in Wiesbaden die neuen Profis mit einer Fußballmannschaft. Das eigene Team habe derzeit fünf Millionen Profis und alle kämen aus der Jugend, nun seine auch die Absolventen Teil des fünf Millionen-Teams. Sie sollten sich wie Profis verhalten, konsequent an der Sache arbeiten und eine professionelle Einstellung mitbringen.

Das Gesellenzeugnis, die Freisprechung, sei der erste wichtige Schritt in der Profikarriere, auf den weitere folgen sollten, so Repp. Als Beispiel nannte er den Profivertrag (Arbeitsvertrag), er nannte auch die Meisterschaft. Die professionelle Einstellung setze Einsatz und Bereitschaft voraus und bis an die eigenen Grenzen zu gehen. Sie sollten ein Teamplayer werden, eine oder einer auf die man sich verlassen könne. Sie sollten stolz auf ihre Leistungen sein, aber trotzdem cool bleiben wie ein Profi.

Repp wies darauf hin, dass die Konkurrenz sehr groß sei, wenn auch der Markt gerade leergefegt zu sein scheint. Die Handwerker müssten an sich weiter arbeiten, jeden Tag besser werden um irgendwann Meister zu werden. Der Profimangel nehme zu und die Zahl der Jugendlichen werde immer kleiner. Einige wollten jetzt schon im Ausland nach Profis suchen.

Zu Beginn ihrer Ausbildung vor drei oder dreieinhalb Jahren seien die Voraussetzungen noch anders gewesen. Damals waren keine Mannschaften vorhanden, die der Jugend eine Chance gegeben hätten. Aus diesem Grunde sei der Ausbildungspakt geschaffen worden um die Trainingsmöglichkeiten, neue Lehrstellen zu generieren. Heute hingegen fehlen Profis und sie befürchten, dass die Situation noch schwieriger werde. Heute sind weniger Mitbewerber um einen Vertrag da. Die Leistung im Team des Handwerks sei gefragt, »ihre Leistungen eröffnen Ihnen die Chancen«.

Aus der Sicht der Vereine, der Mannschaftsführer in den Teams ist der Bewerbermangel jedoch eine Katastrophe, weil es immer schwieriger werde Profis für die eigene Mannschaft zu gewinnen. Die Organisationen des Handwerks und die Teams in den Betrieben unterstützen die jungen Leute, sie bieten ihnen vielfältige Möglichkeiten, die Meisterschaft zu erreichen. Wer in Deutschland seine Laufbahn begonnen hat ist auch international begehrt. Allerdings sollten sie dann auch Sprachen lernen und sich in allen Bereichen perfektionieren.

Repp meinte aus eigener Erfahrung, dass das Lernen nie aufhöre. Die Gesellen seien aufgerufen, Erfahrungen zu sammeln, weiter zu trainieren, zu lernen, sich zu perfektionieren. Die Meisterschaft sollte das nächste Ziel sein. Er forderte die jungen Profis auf das Gelernte zu perfektionieren, Berufserfahrung zu sammeln, sich beruflich und persönlich weiter zu entwickeln, damit auch die Berufsschullehrer und Meister stolz auf sie sein können. Sie sind die Aushängeschilder der Betriebe beim Kunden. Sie seien zugleich wertvolle Botschafter des Handwerks und die besten Werbeträger.

Bürgermeisterin Dr. Birgit Richtberg gratulierte den jungen Profis, die es erfolgreich geschafft haben ihre Lehre abzuschließen. Sie sprach nicht nur ihnen, sondern auch den Ausbildern und Lehrern Lob und Anerkennung aus. Sie hoffe jedoch, dass die jungen Profis auch im Vogelsbergkreis bleiben und hier einen guten Ruf haben. Erfolgreich seien immer diejenigen die etwas können. Das Lernen bezeichnete sie als etwas Spannendes und lehrreiches. Es sei noch kein Meister vom Himmel gefallen. Vizelandrat Gerhard Ruhl sagte, dass er auch ein persönliches Interesse an der Veranstaltung habe, denn was sie geschafft haben, sei ein wichtiger Meilenstein im Leben. Sie haben eine Stufe erklommen, die sich sehen lassen kann.

Die Leiterin der Max-Eyth-Schule, Claudia Galtzka, bezeichnete die Freisprechungsfeier als einen Höhepunkt der Ausbildungszeit. Sie sprach nicht nur für die Max-Eyth-Schule in Alsfeld, sondern zugleich auch für die Lauterbacher Schule. Sie führte aus, dass ab morgen neue Regeln, neue Anforderungen an die Gesellen gestellt werden würden. Die Weiterbildung sei eine interessante und abwechslungsreiche Anforderung mit interessanten Aufgaben. Ein lebenslanges Lernen sei so wie ein »Sesam öffne dich« im Beruf. Und: Wer ausbilde leiste etwas für die Integration der jungen Menschen. Die musikalische Umrahmung der Feier gestaltete das Duo »Flex a Ton«.

Roland Habermehl von der Kreishandwerkskammer verlas nun die Namen der Freizusprechenden Gesellen. Die Innungsmeister der Branchen überreichten den frischgebackenen Gesellen die Zeugnisse. Die Innungsbesten bekamen vom Präsidenten der Handwerkskammer, Klaus Repp, Urkunden und Präsente überreicht. Auch die Innungsmeister der Branchen sowie die Obermeister gratulierten den Innungsbesten. Bäcker: Timo Köhler (Alsfeld-Leusel), Elektroniker Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik: Talikp Bektas (Homberg), Klempner: Sanitär- und Heizungsbau: Markus Laub (Romrod), Metallbauer: Hubertus Walter (Fulda), Feinwerkmechaniker: Philipp Jörg (Schlitz), Maler und Lackierer Fachrichtung Gestaltung und Instandhaltung Sascha Walter (Herbstein) und Alexander Talkenberger (Herbstein), Fahrzeug und Karosseriebauer, Karosserie und Fahrzeugbaumechaniker: Hagen Rinke (Alsfeld), André Decher (Antrifttal), Karosserieinstandhaltungstechnik: Soeren Lars Behnke (Dreieich) und Karsten Forthuber (Kelkheim), Tischler: Jonas Pfanschilling (Wartenberg), Sebastian Zinn (Alsfeld-Schwabenrod), René Lamprecht (Potsdam).

Gleichzeitig wurde noch die Ehrung aus Anlass des Wettbewerbes »Die gute Form« der Tischlerinnung Vogelsberg vorgenommen: Den ersten Platz errang Sebastian Zinn (Alsfeld-Schwabenrod) vor Jonas Pfanschilling (Angersbach) und Tobias Habicht (Jossa).



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