23. Oktober 2018, 12:00 Uhr

Landtagswahl

»Warum soll ich die CDU wählen« fragen die Bauern

»Warum soll ich am Sonntag CDU wählen?« Diese Frage von der Spitze des Bauernverbandes an Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner zeigt: Es gibt Probleme.
23. Oktober 2018, 12:00 Uhr
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Von Rolf Schwickert
Die Debatte ist emotional, aber bei allem Ernst auch locker. Deshalb muss Kreislandwirt Andreas Kornmann (Mitte l.) lachen, als Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner handfest argumentiert. (Foto: rs)

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner ist um Aufklärung bemüht. »Ich könnte mir jetzt Applaus holen, aber...«, sagt sie mehrfach vor rund 50 teilweise sehr erregten Bauern. Klöckner setzt nicht auf Versprechungen vor der Hessenwahl, sie erklärt Zusammenhänge: Die Gesellschaft entwickelt sich weiter, die Landwirte müssen sich anpassen. In den Parlamenten sind mehr Fraktionen als früher, man muss koalieren. In Koalitionen ist man auf Kompromisse angewiesen, eigene Ziele sind immer weniger durchzusetzen.

Und aus ihrer Sicht ganz wesentlich: Die Verbraucher nehmen Landwirtschaft und Lebensmittel ganz anderes wahr als die Erzeuger. Und sie sieht sich zwischen den Fronten. Die Landwirte wollen Entscheidungen, die ihre Existenz sichern sollen, Verbraucher und Tierschutzorganisationen melden sich lautstark zu Wort, wenn die moderne Landwirtschaft nicht ihrem Bild entspricht. Beispiel Ferkel-Kastration: Von 20 000 meist bösen E-Mails von Verbrauchern an sie spricht die Ministerin, darunter auch solche von CDU-Mitgliedern.

 

Landwirte sollen an einem positiven Image arbeiten

Und sie erinnert daran, dass man 2013 mit Zustimmung des Bauernverbandes eine Fünf-Jahres-Frist bestimmt habe. In dieser Zeit sei nichts passiert. Jetzt habe man mit Hilfe Hessens zumindest eine zweijährige Fristverlängerung erreicht. Weder Grüne (Land) noch SPD (Bund) hätten dabei geholfen, Pharmakonzerne hätten eine Studie nicht finanzieren wollen. Jetzt warte man auf ein Gutachten. Die Landwirte könnten die Mehrkosten dann tragen, wenn die Verbraucher beim Lebensmittelkauf nicht immer auf den Cent schauen. Die Bevölkerung gebe nur neun Prozent des Einkommens für Lebensmittel aus. In diesem Sinne appellierte sie an den Berufsstand, an einem positiven Image zu arbeiten, auch um die Balance zwischen Ballungsraum und ländlichem Raum wieder herzustellen.

Es ist nicht nur Landwirtschafts- und Verbraucherpolitik, die in der Halle der Bürgerenergiegenossenschaft in Lingelbach diskutiert wird, es wird auch weltpolitisch. Das von Bundeskanzlerin Angela Merkel verhängte Russland-Embargo wegen der Ukraine-Krise erregt die Milcherzeuger. Klöckner weist auf das Primat der Politik hin, völkerrechtswidriges Verhalten sei zu sanktionieren. Aber die Milchbauern legen nach: »Wie wollen Sie ihre Mitarbeiter bezahlen; wenn Sie für ihr Produkt nichts bekommen?«

 

Aus Verteidigungshaltung herauskommen und um Anerkennung kämpfen

Klöckner erinnert an die Unterstützung ihres Ministeriums bei der Sozialversicherung und sagt zum Milchpreis: »Leute, ihr lasst euch auch gegeneinander ausspielen.« Die Molkereigenossen müssten mehr Einfluss nehmen. Insgesamt appelliert die Ministerin an die Bauern, aus der Verteidigungshaltung heraus zu kommen und um Anerkennung zu kämpfen.

Vor dem Hintergrund des langanhaltenden Trockenheit unterstreicht sie die Bedeutung der Bauern. Denn: »Vor 100 Jahren hätten wir eine Hungersnot gehabt.« Mit 70 Millionen Euro unterstütze sie den ländlichen Raum und dazu gehöre die Neuerung, dass man ehrenamtlichen Kräften hauptamtliche juristische Beratung zur Seite stelle. Denn Ehrenamt trage eine Gemeinschaft. In Modellregionen werde man die Neuerung drei Jahre lang ausprobieren. Das soll dazu beitragen, dass es nicht zur Landflucht kommt.

»Warum soll ich am Sonntag CDU wählen?« Diese Frage hatte immerhin der Vizepräsident des hessischen Bauernverbandes gestellt, Volker Lein aus Bleidenrod, im Vogelsberg ebenfalls Vorsitzender des Bauernverbandes. Die Ministerin hebt auf den Wandel in Gesellschaft und Politik ab: »Die CDU hat Schlimmeres verhindert. Bei Koalitionen geht es um Kompromisse, und Demokratie ist verdammt anstrengend.«

Landtagsbewerber Michael Ruhl legt auf der Basis von Umfragen nach: »Ohne die Grünen kommt keine Koalition zustande. Deshalb brauchen wir ein Korrektiv im Sinne der Landwirtschaft.«



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