Vogelsbergkreis

Israelis besuchen Elternhaus in Gemünden

Emotionale Momente in der alten Judengasse und am Haus, in dem die Großmutter einst gelebt hat - das erlebte eine Gruppe aus Israel kürzlich in Nieder-Gemünden.
22. Oktober 2018, 07:00 Uhr
Eckhard Kömpf
Berührender Moment am Elternhaus der Mutter: Nachfahren der Familie Jacob am Wohnhaus der Großeltern an der Alsfelder Straße, links Roland Albert und Norbert Raitz vom Gemeindearchiv. 	(Foto: jol)
Berührender Moment am Elternhaus der Mutter: Nachfahren der Familie Jacob am Wohnhaus der Großeltern an der Alsfelder Straße, links Roland Albert und Norbert Raitz vom Gemeindearchiv. (Foto: jol)

Zu einem informativen Dorfrundgang auf den Spuren der Vorfahren waren drei Geschwister aus Israel gekommen. Zum Auftakt begrüßten Bürgermeister Lothar Bott und 1. Beigeordnete Eckhard Kömpf die Geschwister, die mit Ehepartnern und Kindern gekommen waren. Bevor an diesem Tag zum Gedenken an ihre Verwandten in Homberg drei Stolpersteine verlegt wurden, nutzte man die Gelegenheit, um einen historischen Spaziergang mit Archivaren Roland Albert und Norbert Raitz durch die Heimat der Vorfahren zu machen.

Die Reise selbst fand auf Initiative von Irit Joseph statt, deren Großmutter Lilli in Nieder-Gemünden geboren wurde. Irit Joseph hatte schon vor zehn Monaten mit den Verwaltungen in Homberg und Alsfeld Verbindung aufgenommen, um die Vorbereitungen für die Verlegung der Stolpersteine in Homberg abzusprechen. Dabei wurde sie auf das Gemeindearchiv in Gemünden aufmerksam gemacht, dessen Mitarbeiter Roland Albert die Nachforschungen übernommen hatte. Ein reger E-Mail-Verkehr brachte dabei auch dem Gemeindearchiv neue Erkenntnisse, wie Albert betonte. So wurden alte Fotografien ausgetauscht und zugleich auch die darauf zu erkennende Personen identifiziert. Die Route für einen zweistündigen Spaziergang in Nieder-Gemünden wurde anhand der alten Hypotheken- und Brandversicherungsbücher des Archivs erstellt und ins englische übertragen. Auf diese Weise entstand für die Besucher ein umfassender und zugleich sehr ergreifender Rückblick in ihre Familiengeschichte.

Im Anschluss an die Begrüßung beim Rathaus stand zunächst ein Besuch der evangelischen Kirche auf der Agenda, was eine eher spontane Entscheidung war. Pfarrerin Ursula Kadelka war so freundlich, diese Besichtigung der Kirche zu ermöglichen. Dabei kam es zu einer großen Überraschung, da Michael Neuhaus, der seinen Ersatzdienst mit Aktion Sühnezeichen/Friedendienste in Israel abgeleistet und dort die Schwester von Irit Joseph geheiratet hatte, Sohn eines Pfarrers war. Er konnte den Familienmitgliedern die ganze Liturgie und den Kirchenaufbau in ihrer Muttersprache erläutern.

Die Großmutter von Irit Joseph, so erinnerte man sich, hatte immer im Zusammenhang mit Nieder-Gemünden von einem großen, schönen und hellen Gotteshaus erzählt. Erstaunlich für die deutschen Gastgeber, dass die israelischen Gäste sehr viel aus den Erzählungen der Großmutter mitgebracht hatten. »Da kann man nur staunen, was die Leute alles wissen und sehen wollen«, betonte Albert. So habe die Oma erzählt, dass von der Kirche ein kleiner Weg zur Schule führte. Genau diesen zeigte Albert den Besuchern im weiteren Verlauf. Beeindruckend war der Brühlweg, früher im Volksmund »Judengasse« genannt. Dort standen die meisten ihrer Häuser und die kleine Synagoge, die nicht mehr existiert. Albert zeigte den israelischen Gästen 12 Häuser und Grundstücke, wo einst Juden lebten.

Alte Fotos im Archiv gefunden

Nieder-Gemünden hatte im 19. Jahrhundert, so wusste Albert, etwa 100 jüdische Bürger, wobei der erste Jude 1701 erwähnt wurde. Auf Interesse bei den Gästen stießen auch das Backhaus und die Informationen zur Organisation des Backens innerhalb der Dorfgemeinschaft. Nach dem Besuch der alten Schule und der Feldabrücke, wo einige alte Fotos entstanden waren, folgte der eigentliche Höhepunkt des Aufenthaltes in Nieder-Gemünden. Dies war unzweifelhaft der Besuch im Geburtshaus von Großmutter Lilli. Dort kam es zu sehr emotionalen und ergreifenden Szenen, zumal Albert alte Fotos mit der Großmutter im Archiv gefunden hatte und diese den Gästen präsentierte.

Lilli Jacob, so hatte Albert recherchiert, entstammte der zum Großteil in Nieder-Gemünden ansässigen Familie Jacob. Sie wurde 1893 in »Bündingshaus«, heute Alsfelder Str. 7, geboren und wuchs dort mit Schwester Flora und Bruder Wilhelm auf. Vater Hermann war Kaufmann. Sie heiratete später den Kaufmann Adolf Weihl aus Homberg, wo sie bis in die 1930er Jahre lebte. Die Zeichen der Zeit erkennend, meldeten sich die Jacobs und die Weihls rechtzeitig ab, wanderten ins damalige Palästina aus und überlebten so die Verfolgung.

Im Anschluss an die ergreifenden Stunden in Nieder-Gemünden fuhren die Besucher nach Homberg, um an der Verlegung von Stolpersteinen teilzunehmen. Auf die Frage, welchen Eindruck Roland Albert von dem Besuch der Israelis hatte, hob dieser hervor, dass die Szenen bei dem Geburtshaus und das Interesse allgemein die viele Zeit, die man in solche Recherchen stecke immer rechtfertige. Wer so etwas wie Irit Joseph initiiert habe, zeige ausgeprägten Familiensinn und zugleich viel Heimatliebe und Heimatverbundenheit. So etwas könne man getrost unterstützen«.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/vogelsbergkreis/art74,502856

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