03. Oktober 2018, 19:08 Uhr

Am Missouri Hütten bauen

03. Oktober 2018, 19:08 Uhr
Buchautor Rolf Schmidt mit Maren und Friederike Kadelka. Links Porträts des Ehepaares Münch, die während ihrer Zeit in Nieder-Gemünden entstanden sind. (Foto: eva)

»Auf in mutigem Vertrauen, fest und brüderlich vereint! Vorwärts, vorwärts, lasst uns schauen, am Missouri Hütten bauen, wo der Freiheit Sonne scheint«, lautete der hoffnungsvolle Text eines Auswanderungsliedes, mit dem unter anderem der ehemalige Nieder-Gemündener Pfarrer Friedrich Münch im Jahre 1833/34 zum Aufbau einer demokratischen »Teutschen Musterrepublik« in Amerika aufrief. Friedrich Münch (1799–1881), der Mitbegründer der Gießener Auswanderungsgesellschaft war und in den USA zu den Gründern der Republikanischen Partei gehört, hatte seine Wurzeln in Nieder-Gemünden, wo er geboren wurde, aufwuchs und nach seinem Theologiestudium als Pfarrer tätig war.

Glück in der Ferne suchen

Eine Gruppe von Historikern und Künstlern aus Deutschland und der USA ist über einige Jahre der Frage nachgegangen, was die Menschen damals zum Aufbruch bewogen hat. Einer der Menschen, die sich mit der massenhaften Auswanderung aus Deutschland befassten, ist der pensionierte Lehrer und Buchautor Rolf Schmidt. Kürzlich hatte die evangelische Katharinengemeinde Schmidt zu einer Lesung aus dem dritten Teil der Trilogie »Die Aufforderung« nach Nieder-Gemünden eingeladen.

»Die Geschichte der großen Auswanderung ist auch die Geschichte Nieder-Gemündens«, so Pfarrerin Ursula Kadelka. Befinde man sich doch in der Nieder-Gemündener Kirche mit dem angrenzenden Pfarrhaus sozusagen an einem historischen Platz, wo Friedrich Münch gelebt und gewirkt habe.

Bereits 1833 hatte Friedrich Münch mit seinem Schwager Paul Follenius (auch als Paul Follen bekannt) die Gießener Auswanderungsgesellschaft gegründet. Ziel war, in den Vereinigten Staaten einen deutsch besiedelten Bundesstat als Vorbild für eine zukünftige deutsche Republik zu gründen. Eng angelegt an die überlieferten Berichte, folgt der Roman von Rolf Schmidt dem Schicksal der Verschworenen. Er beleuchtet ausführlich das politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Klima der Zeit, in der Tausende Deutsche ihr Glück fernab der fürstlichen Kleinstaaterei suchten.

Unterstützt wurde der Autor bei der Lesung von Maren und Friederike Kadelka, die den Gästen verschiedene im Buch beschriebene weibliche Charaktere näherbrachten. Zudem begleitete Maren Kadelka die Lesung mit einigen Liedern auf der Flöte.

Das Buch beginnt mit der Beschreibung eines erfolglosen Aufstandes in Frankfurt. Danach sahen viele Menschen für sich und ihre Kinder in der Heimat keine Zukunft mehr. »Das Selterstor war unbesetzt, der Schlagbaum stand offen und Ross und Reiter betraten den Seltersweg, eine neu gepflasterte Straße, in deren schmucken Häusern vornehmlich höhere Beamte, Juristen und Ärzte residierten«, wird die Ankunft eines Kuriers in Gießen beschrieben. Über den Weg von Gießen nach Nieder-Gemünden heißt es: »Normalerweise braucht Follenius für den Weg nach Nieder-Gemünden drei bis vier Stunden. Heute sollte es länger dauern. Die Kutsche war voll besetzt und der Weg im Frühjahr aufgeweicht.« Nach einer Rast auf dem »Grünberger Markt« und bevor es nach Nieder-Gemünden ging, warnte Follenius weitere Verbündete, die sich auf dem Flensunger Hof in Mücke versammelt hatten.

Die Aufklärung und die Schrift in Bezug auf die Auswanderungspläne verbreiteten sich in Windeseile. Auffallend, dass die meisten Bewerber aus den Dörfern kamen und nicht aus den Städten. Das zeigt, dass es damals der Landbevölkerung viel schlechter ging. »Wir sind nicht Deutschlandmüde, sondern wir hassen nur das, was den Deutschen angetan wird«, sagen die Betroffenen.

Krankheit und Entbehrung

Schmidt beschreibt am Beispiel der Familien Münch und Follenius den schwierigen und schmerzhaften Versuch, alle Brücken zur Heimat abzubrechen, und auch davon, wie Zweifel, Krankheit und Entbehrung ihren Weg zu den Schiffen in Bremen, die sie nach Amerika in das »Land der unbegrenzten Möglichkeiten« bringen sollen, begleiten.

Mitte April 1834 wurde es dann auch in Nieder-Gemünden höchste Zeit, die Heimat zu verlassen. Münch las noch einmal was er in der Pfarrchronik eingetragen hatte. Und Münch schrieb: »Mit Wehmut scheide ich von meinem so heiß geliebten Vaterland.«

Münch und Follenius gelang es, 500 Ausreisewillige nach Amerika zu bringen. Nachdem Münch durch widrige Umstände zunächst mit 250 Auswanderern (darunter seine eigene Familie aus Nieder-Gemünden und auch viele seiner Verwandten), auf der Weserinsel Harriersand gestrandet war, landete die Gruppe nach entbehrungsreicher Ozeanüberquerung am 24. Juli 1834 in Baltimore.

Seit 2011 hängen Reproduktionen der Portraitgemälde des Ehepaares Münch, die in Münchs Nieder-Gemündener Zeit entstanden, im Altarraum der evangelischen Kirche in Nieder-Gemünden.

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