27. September 2018, 21:58 Uhr

Dorf als Abenteuerspielplatz

Als in Frankfurt in den letzten Kriegstagen die Bomben fallen, wird eine Gruppe von Jungen in den Vogelsberg in Sicherheit gebracht. In Maulbach erleben sie die folgenden Wochen als großes Abenteuer. Und es entstehen Freundschaften, die bis heute halten.
27. September 2018, 21:58 Uhr
Heinz Lindenberger und Jutta Berthold stellen aus Anlass des 75. Jahrestages der Evakuierung eine Blumenschale auf dem Maulbacher Friedhof ab. Lindenberger ist einer der letzten noch lebenden »Frankfurter Jungen«. (Foto: pm)

Der 21. September 1943 hat einen besonderen Stellenwert in der Maulbacher Ortsgeschichte. An diesem Tag, einem Dienstag, wurde eine komplette Frankfurter Schulklasse, 23 Schüler samt Lehrer, nach Maulbach evakuiert. In diesen Tagen jährte sich der Jahrestag der Evakuierung zum 75. Mal. Einer der letzten noch Lebenden jener Schulklasse, Heinz Lindenberger, der heute in Klein-Eichen lebt, war aus diesem Anlass nach Maulbach gekommen, um auf dem Friedhof eine Blumenschale abzustellen. »In ewiger Erinnerung und Dankbarkeit – Die Frankfurter Schulkameraden 75 Jahre 1943 – 2018« ist auf den Schleifen zu lesen.

Auf dem Hof mithelfen

An diesem 21. September über sieben Jahrzehnten hatte sich wohl niemand, weder auf Maulbacher Seite noch auf Seiten der Frankfurter Jungen vorstellen können, dass daraus zahlreiche, lebenslange Freundschaften erwachsen würden. Bis auf ganz wenige Ausnahmen – zwei der Schüler verließen Maulbach nach wenigen Wochen wieder – fühlten sich die Frankfurter in Maulbach pudelwohl. Der Autor dieses Zeitungsberichts konnte mit vielen von ihnen sprechen.

Immer wieder wurde ihm erzählt, dass die damaligen Jungen die Zeit in Maulbach als herrlichen Abenteuerurlaub in Erinnerung behalten haben. Wohl waren sie in die Pflichten ihrer Gastfamilien eingebunden und die Mithilfe auf deren Hof eine Selbstverständlichkeit. Darauf achtete auch der gestrenge Lehrer Weilbacher, der sich regelmäßig bei den Gasteltern nach dem Benehmen seiner Zöglinge erkundigte und im Fall des Falles den Rohrstock gebrauchte. Dennoch blieb den Jungen genügend Freiraum, all das zu tun, was Jungen in diesem Alter gerne taten. Schon nach kurzer Zeit bildeten sich auch gute Beziehungen zwischen den Eltern der Jungen und den Maulbacher Gasteltern heraus. So kam es, dass über die 23 Schüler, die nach Maulbach gekommen waren, noch weitere Jugendliche, meist Geschwister oder Bekannte der schon in Maulbach Befindlichen, Aufnahme fanden, darunter auch die beiden Schwestern von Heinz Lindenberger, Helga und Emmi. In den letzten Kriegsmonaten suchten auch mehrere Mütter Schutz in dem heutigen Homberger Stadtteil. Mit dem Zug hatte die Mutter der Lindenbergers, Dorothea, Frankfurt verlassen. Sie traf am 26. März 1945, wenige Tage vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen, in Maulbach ein. Die Frankfurter erlebten den Einmarsch der Amerikaner und das Kriegsende dann im Vogelsberg. Erst in den Monaten danach kehrten sie, je nachdem wie es die Wohnungssituation der Familien erlaubte, nach Frankfurt zurück.

Da das Haus der Lindenbergers in Frankfurt den Krieg leidlich unbeschädigt überstanden hatte, gehörte die Familie am 16. Mai 1945 zu den ersten Rückkehrern. Aber es sollte sich zeigen, dass dies kein Abschied für immer war. Fast alle kehrten für Besuche wieder zurück, am Anfang häufig, später seltener, aber in vielen Fällen erlosch die Beziehung zu den Gasteltern und deren Familien erst mit dem Tod.

1946 oder 1947 (die Angaben differieren) wurden von einigen der Frankfurter Jungen die Linden im Friedhofsgässchen als Zeichen der Erinnerung und Dankbarkeit gepflanzt. Unter jedem Baum soll eine Flasche vergraben sein, die die Namen der an der Pflanzung beteiligten Schüler enthält. 1953, 1958 und 1963 veranstalteten die Frankfurter Jungen Tänze in Maulbach, deren Erlös dem Kindergarten zugute kam. Noch einmal, im Oktober 1993, anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Evakuierung, versammelten sie sich in großer Runde. Inzwischen haben sich die Reihen gelichtet, aber einige Verbindungen zu den nunmehr etwa 85 Jahre alten Frankfurtern bestehen noch. Heinz Lindenberger ist einer davon. Auf seiner jüngsten Fahrt nach Maulbach wurde er von seiner Nichte Jutta Berthold begleitet, Tochter von Helga Lindenberger, die wie beschrieben ebenfalls eine »Maulbacher Vergangenheit« hat.

75 Jahre sind seit der Evakuierung vergangen, nach menschlichem Maßstab eine halbe Ewigkeit. »In ewiger Erinnerung und Dankbarkeit« – die Schrift auf der Schleife zur Blumenschale übertreibt nicht.

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