21. August 2018, 21:16 Uhr

Wenig Lohn: Arm im Alter

21. August 2018, 21:16 Uhr

Mehr Vollzeitbeschäftigung für über 50-Jährige und soziale Vergünstigungen für Ältere fordert eine Studie zur Vermeidung von Altersarmut im Vogelsberg. Daran will die Liga der Freien Wohlfahrtsverbände anknüpfen und lädt zum sozialpolitischen Abend am Donnerstag, dem 23. August, in Lauterbach ein. Im Mittelpunkt steht eine Studie von Prof Unger und Sascha Schur an der Hochschule Fulda. Darin wird die Lage von Senioren in den osthessischen Landkreisen untersucht. Die Liga will die Diskussion um das immer drängender werdende Problem der Altersarmut beleben und lädt Politik und Bevölkerung zu der Debatte ein, wie Renate Loth (Caritasverband) und Henner Conrad (Haus am Kirschberg) sagten.

In der Studie aus dem Jahre 2016 heißt es, der Vogelsbergkreis habe »klare Stärken bei den untersuchten Beschäftigungsquoten sowie bei den sehr guten Werten die Arbeitslosigkeit betreffend«. Die Wissenschaftler gehen aber von steigender Altersarmut aus, weil im Vogelsberg mehrere ungünstige Faktoren zusammenkommen: Eine größere Zahl von geringfügig Beschäftigten, ein hoher Anteil von in Teilzeit beschäftigten Frauen, ein leicht überdurchschnittlicher Niedriglohnsektor und ein leicht erhöhter Anteil an Personen ohne Berufsabschluss.

Dazu gibt es Handlungsempfehlungen: So sollten Aus- und Weiterbildungschancen verbessert werden. Dadurch sollen Menschen länger im Berufsleben stehen und ausreichende Renten erzielen. Wichtig sei auch, die Jobchancen für Migranten zu verbessern. Besonders wichtig ist Unger und Schur einen höhere Vollzeit-Beschäftigungsquote von Frauen und Älteren. Als Faustregel geben sie für das Rentenalter vor: mindestens halb so viele Erwerbs- wie Lebensjahre. Dabei müsse das Lohnniveau betrachtet werden.

Zudem sollten die Rahmenbedingungen für Ältere verbessert werden. Ihnen geht es um finanzielle Vergünstigungen für Kultur- und Freizeitangebote oder in Bahn und Bus. Angebote für Senioren zur Verbesserung der Gesundheit und zur Pflege der sozialen Kontakte regen sie ebenfalls an. Mit dem sozialpolitischen Abend will die Liga als Zusammenschluss von freien Sozialeinrichtungen die Debatte um die langfristige Planung im Sozialbereich bereichern.

Wie Henner Conrad sagt, steht der Vogelsbergkreis in einer schwierigen Entwicklung. Die Bevölkerung wird älter, junge Leute wandern ab. Schwierig wird es für Menschen, die in ihrem Berufsleben wenig verdient haben. Darunter sind Menschen, die in Teilzeit gearbeitet haben, Solo-Selbstständige, Scheinselbstständige, Menschen mit 450-Euro-Jobs und Menschen mit nicht angemeldeten Nebenverdiensten. So arbeiteten im Vogelsberg 54 Prozent der Frauen in Teilzeit, damit liege der Kreis über dem hessischen Durchschnitt. »Altersarmut hat etwas mit den Arbeitsbedingungen in der Region zu tun,« folgert Conrad. Wenn Frauen nach der Erziehungszeit nicht mehr in die alten Berufe zurückkehren, »wird das langfristig zum Problem, weil sie deutlich weniger Rente beziehen,« fügt Loth an.

Der sozialpolitische Abend dient seit Jahren dem Dialog mit der Politik, betont Conrad. Dabei stellte sich heraus, dass es einer Sozialplanung im Kreis bedarf. Das fordern die fünf Verbände der Liga seit Jahren, sagt Loth. In der Liga arbeiten Arbeiterwohlfahrt, Caritasverband, Diakonisches Werk, Deutsches Rotes Kreuz und der Paritätische Wohlfahrtsverband zusammen.

Loth und Conrad sind für eine längerfristige Sozialplanung, um die Probleme in der Struktur anzugehen. So erinnert Conrad an das Dilemma eines Rentners mit eigenem Haus, der keinen Anspruch auf Wohngeld hat. Was geschieht, wenn im Haus etwas zu reparieren ist? Ähnlich wie in der Jugendhilfeplanung müssten sich Experten gezielt mit den Problemen älterer Menschen befassen, »das geht nicht nebenbei.« Bei der Jugendhilfe wurde auf mehr Vorbeugung und Arbeiten in »Sozialräumen« umgestellt. Das senkt die Kosten und verbessert die Hilfsmöglichkeiten vor Ort. (Fotos: jol)

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