Vogelsbergkreis

Soldaten an Gräueln beteiligt

»An den Gräueln des Zweiten Weltkriegs waren viele Wehrmachtssoldaten beteiligt.« Mit dieser Aussage zur Verstrickung normaler Familienväter in Tötungsaktionen eckte die Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht in den 1990er Jahren an. Nun informierte Ausstellungsmacher Hannes Heer darüber, wie inzwischen wieder die »Opfergeschichte« der Deutschen systematisch ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt wird.
29. Mai 2018, 22:13 Uhr
Joachim Legatis
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Historiker Hannes Heer (r.) vermisst eine kritische Debatte über die Rolle der Wehrmacht an Kriegsverbrechen, Michael Riese moderierte die Diskussion. (Foto: jol)

»An den Gräueln des Zweiten Weltkriegs waren viele Wehrmachtssoldaten beteiligt.« Mit dieser Aussage zur Verstrickung normaler Familienväter in Tötungsaktionen eckte die Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht in den 1990er Jahren an. Nun informierte Ausstellungsmacher Hannes Heer darüber, wie inzwischen wieder die »Opfergeschichte« der Deutschen systematisch ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt wird.

Bei Diskussionen mit Jugendlichen der Albert-Schweitzer-Schule Alsfeld und in der Volkshochschule Lauterbach erinnerte der Historiker daran, dass die Vernichtung von Osteuropäern und Juden zentraler Teil des Vernichtungskriegs im Osten war. Das kostete 41 Millionen Männer, Frauen und Kinder das Leben. Daran beteiligt waren Wehrmachtssoldaten. Das löste bei den Schülern eine Diskussion aus, in der Erzählungen der Großväter zur Sprache kamen.

Heer warb beim Vortrag in Lauterbach dafür, die Realitäten anzuerkennen. So habe Adolf Hitler in »Mein Kampf« zwei Gruppen benannt, die ausgerottet werden müssten: Juden und slawische Menschen. Im Krieg sind 41 Millionen Menschen in Osteuropa getötet worden, davon 30 Millionen Russen und sechs Millionen Polen. Die Wehrmacht stand mit zehn Millionen Soldaten an der Ostfront. Soldaten hättem hinter der Kampflinie Juden getötet und gefangene politische Kommissare der Roten Armee erschossen. Das sei ein anderer Kriegstyp gewesen, bei dem es darum ging, möglichst alle Juden und Osteuropäer zu vernichten, erläuterte Heer. Dazu gehörte auch die schlechte Behandlung von russischen Gefangenen. 3,3 von 5,7 Millionen sind umgekommen, meist durch Hunger oder Erschießen.

Aufklärung erst bei Willy Brandt

Ins Bild passt, dass 800 Dörfer in Weißrussland beim Vormarsch zerstört wurden, weil aus ihnen angeblich Partisanen unterstützt wurden. Jeder Soldat habe den Befehl erhalten, Juden und Saboteure zu identifizieren und zu töten, fügte Heer an. Dabei habe nicht jeder mitgezogen. Beim Vormarsch in Russland 1941 waren Einsatzgruppen der SS mit Liquidierungen beschäftigt: »Jede Aktion war mit der Wehrmacht abgestimmt«. Davon hätten Soldaten Millionen Fotos gemacht und ein Teil dieser Bilder wurde zur Grundlage der Ausstellung.

Heer verwies darauf, dass es in Deutschland nach dem Krieg lange gedauert hat, die die Beteiligung einfacher Leute an den Verbrechen zur Sprache zu bringen. Denn nach 1945 war Deutschland ein wichtiger Partner der USA im Kalten Krieg. Kanzler Adenauer habe die Schuld an den Gräueln auf Hitler und einige Generäle geschoben. Erst nach der 1968er-Bewegung habe Kanzler Willy Brandt die deutsche Mitschuld an den Massenmorden in Warschau bekundet.

1991 gab es eine erste kritische Ausstellung zur Rolle der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Aber erst die Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht von 1995 habe die Zeugnisse der einfachen Soldaten in den Mittelpunkt gestellt. Das habe heftige Ablehnung in der Öffentlichkeit ausgelöst, die sich erst nach Monaten legte. Trotz Protesten gab es 90 000 Ausstellungsbesucher in Frankfurt. Nach vier Jahren habe es eine Expertendebatte um die Echtheit von Fotos gegeben. Eine Untersuchung ergab, dass 22 von 1400 Fotos nicht zuverlässig zugeordnet werden konnten. »Andere Ausstellungen enthalten mehr Fragwürdiges,« so Heer. Dennoch wurde die Ausstellung überarbeitet und enthält keine Fotos von Landsern mehr und keine Aussagen zu persönlichen Motiven.

In den vergangenen Jahren habe sich die Debatte verschoben. So ging es mehr um deutsche Opfer, es gab Filme zur Ausbombung Dresdens und zum Untergang des Schiffs Wilhelm Gustloff. Der Film »Der Untergang« rückte Hitler ins Zentrum, »demnach war nur er schuld«.

Verteidigungsministerin von der Leyen befasse sich nicht mit dem Einfluss der Wehrmachtssoldaten auf die Bundeswehr. Heer vermisst ein kritisches Verständnis beim offiziellen Blick auf die Wehrmacht.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/vogelsbergkreis/art74,438735

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