25. Mai 2018, 05:00 Uhr

Nach der Chemo

Helena aus Alsfeld kann wieder lachen

Helena rennt zur Tür, als es klingelt: Dann sieht sie das Mitbringsel von ihrem liebgewonnenen Taxifahrer – ein riesiger Teddybär. Der Chauffeur und sie sind bei den Krankenfahrten ein Team geworden
25. Mai 2018, 05:00 Uhr
Helena Simon schaukelt glücklich. Taxifahrer Michael Weissmann bringt ihr einen Riesen-Teddy mit. (Foto: pm)

Eigentlich sind es zwei Geschichten, die es zu erzählen gibt: Die der kleinen Helena und die von Michael Weissmann. Er ist Taxifahrer und das kleine Mädchen ist eine tapfere Krebspatientin, die von Weissmann und zwei weiteren Kolleginnen wochenlang täglich nach Gießen in die Kinderklinik gefahren wurde. Für Helena und ihre Eltern war das eine herausfordernde Zeit.

Für den erfahrenen Fahrer ist es sein Job, denn Taxi fahren bedeutet auch Fürsorge zeigen, wenn man Kranke unterstützt – und wenn es »nur« durch Fahrdienste ist.

Dieser Tage herrschte Wiedersehensfreude bei der Familie Simon mit zwei von drei Fahrern des Alsfelder Taxiunternehmens Schmidt. Gemeinsam haben sie monatelang gegen Helenas Erkrankung gekämpft. »Wir können ja nicht viel machen, außer die Patienten zu ihren Behandlungen zu fahren«, gibt der Taxifahrer zu. »Aber wenn man sich jeden Tag sieht, dann freundet man sich an, hört zu, versucht Trost zu spenden, zu unterstützen und einfach da zu sein, wenn man gebraucht wird.«

Dies haben die Eltern Sabrina und Timo Simon so erfahren. »Wir waren durch Helenas Erkrankung schon isoliert, hatten wenig Kontakte nach außen durch die vielen Krankenhausaufenthalte und Behandlungstermine oder auch weil uns vor lauter Sorgen nicht danach war.« Da waren die Gespräche während der Krankenfahrt zu den Behandlungen – »Chemo to go« wie sie die 32-jährige Mutter scherzhaft nennt – oft die einzigen Kontakte mit Außenstehenden.

Dreijährige wurde immer schlapper

Helena war drei Jahre alt und gerade in den Kindergarten gekommen, als sie immer blasser und schlapper wurde. Die Knochen taten weh, sie hatte Erkältungssymptome mit Ohrenschmerzen. Da es von alleine nicht besser wurde, ging ihre Mutter mit ihr zum Arzt – gerade noch rechtzeitig. Der Kinderarzt rief am Abend noch an, weil es tatsächlich um Leben oder Tod ging. Helenas HB-Wert lag nur noch bei 2,5, sie brauchte dringend Bluttransfusionen. »Sie wäre in der Nacht gestorben, hätte der Kinderarzt nicht so schnell gehandelt.« Nach der Notfallversorgung folgten etliche Untersuchungen, bis die Diagnose feststand: Leukämie. Helena hatte Glück im Unglück, »man sagte uns , dass es eine gut heilbare Form der Leukämie ist«, erinnert sich die Mutter.

Dennoch war es eine schwere Zeit, die auf Helena und ihre Eltern zukam. Eine Kortisontherapie und die ersten Chemogaben folgten, nach 30 Tagen sollten keine Reste mehr im Blutbild zu finden sein. Leider war das doch so.

18 Monate Intensivtherapie

»Helena ist in die Hochrisikogruppe gerutscht, was bedeutet hat, dass sie eine wesentlich längere Therapie benötigte als zunächst angenommen«, erzählt der Vater. Verschiedene Chemotherapiegaben folgten – insgesamt eineinhalb Jahre Intensivtherapie und ein halbes Jahr eine Erhaltungstherapie in Tablettenform, die Zuhause funktioniert.

Wenn man Helena fragt, wie es ihr jetzt geht, sprudelt es aus ihr heraus: »Mir geht’s total gut und ich geh auch wieder in den Kindergarten!« Seit einem Jahr ist sie therapiefrei. Ihre Eltern beschreiben sie als quirlig und lebensfroh, aber auch als sehr feinfühlig. »Sie spürt, wenn es einem nicht gut geht und versucht Trost zu spenden«, lächelt die Mutter, während sie ihre Tochter beim Spielen mit dem Teddybären beobachtet.

»In der Zeit der Therapie war es schon manchmal sehr anstrengend, Helena war manchmal ein kleines Monster und hat zwei Tage nur geschrien, wenn die Chemotherapie zu viele Nebenwirkungen hatte«, erinnert sich Timo Simon. »Glücklicherweise stellen sie bei Kindern die Therapie um, wenn sie merken, dass sie schlecht vertragen wird.« Von all dem haben Michael Weissmann und seine Kolleginnen Alexandra Wolf und Brigitte Hübner vieles mitbekommen. Die drei Mitarbeiter des Taxi-Unternehmens Schmidt haben Helena mit ihrer Mutter täglich nach Gießen in die Kinderklinik gefahren, gewartet und die junge Patientin nach Hause gebracht.

»Durch die Krankheit sind unsere Fahrgäste meist offener, man vertraut sich vieles an und es entstehen Freundschaften«, erzählt Michael Weissmann. Daher ist er auch glücklich, dass Helena alles so gut überstanden hat und er sie zu Hause besuchen kann.

»Es ist schwierig für uns, wenn wir täglich Patienten zu Behandlungen fahren und wissen, sie haben eigentlich keine Chance«, gibt Michael Weissmann zu. Und seine Kollegin Alexandra Wolf ergänzt: »Öfter kommt ein Patient nach der Behandlung nicht mehr aus der Klinik, während du im Auto sitzt und auf ihn wartest… oder du denkst, die Therapie war doch erfolgreich und liest nach ein paar Wochen oder Monaten in der Zeitung, dass sie doch gestorben sind. Das geht mir nahe.«

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