18. Mai 2018, 16:42 Uhr

Warum Andreas Grün trotzdem gern Polizist ist

Andreas Grün ist Hessen-Chef der weltweit größten Polizeigewerkschaft GdP. Im Gespräch erzählt der Nieder-Ohmener über Polizisten im Dauerstress, zunehmende Aggressivität und warum der Elektroschocker nicht die Schusswaffe ersetzen kann.
18. Mai 2018, 16:42 Uhr
Andreas Grün ist erst kürzlich als Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei wiedergewählt worden. (Foto: ks)

Öfter hört man die Klage, die Polizei ist nie da, wenn man sie braucht.

Grün: Klar könnten wir mit mehr Leuten das Sicherheitsgefühl besser stärken. Aber wenn in Alsfeld ein bis zwei Streifenwagen durch einen schweren Unfall gebunden sind und es passiert in Homberg etwas, dann ist niemand mehr da. Es gibt aber noch einen anderen Aspekt, das ist der Eigenschutz. Wenn in Frankfurt Kollegen in eine brenzlige Situation kommen, dann ist in kürzester Zeit Unterstützung da. Das ist bei den Landrevieren nicht so, weil nur ein oder zwei Wagen in der Nacht fahren.

Pöbeleien, Prügel, Messerangriffe – würden Sie jungen Leuten noch raten, Polizist oder Polizistin zu werden?

Grün: Ja. Trotz aller Probleme und Herausforderungen, die unser Beruf mit sich bringt. Ich bin 41 Jahre dabei und würde es wieder machen. Es ist ein Beruf, der einem große Freude und tiefe Befriedigung gibt, wenn man anderen Menschen helfen und sich für Recht und Ordnung einsetzen kann. Das spricht auch junge Leute an.

Vor einiger Zeit sprachen Sie von viel Ärger und Wut bei Polizeibeamten. Warum?

Grün: Die schwarz-grüne Regierung startete in einer Zeit, als die Migrationswelle ihren Höhepunkt erreichte und die Anschlagsszenarien auch nach Deutschland kamen. Nach der Silvesternacht auf der Kölner Domplatte kam in der Bevölkerung Unruhe auf, und die Frage, ob der Staat überhaupt noch in der Lage ist, uns zu schützen, wurde intensiv diskutiert. Die Kollegen kamen kaum noch aus den Stiefeln, sie fuhren einen Einsatz nach dem anderen, eine hochbelastete Zeit. Der Krankenstand ging in die Höhe, die Unzufriedenheit war in jeder Dienststelle sehr spürbar. Und gerade da hat die Landesregierung gesagt, es gibt nach den Tarifverhandlungen für die Beamten eine Nullrunde beziehungsweise ein Prozent Lohnzuwachs bis 2019. Wir haben drei Jahre gekämpft, bis wir dann im Frühjahr 2017 ein neues Ergebnis bekamen.

Hat sich die Lage gebessert?

Grün: Das Problem ist immer noch der Personalmangel. Wir bekommen ständig neue Arbeitsfelder und die alten fallen nicht weg. Viele sind in der Überlastungsfalle gefangen. Wir werden bis 2022 1500 neue Kollegen bekommen, das ist eine gute Sache. Aber sie müssen erst ausgebildet werden. Wir hatten die Zusage, dass Zweidrittel der neuen Kollegen in die Basis-dienststellen kommen sollen, in Stationen wie Alsfeld oder Lauterbach. Da ist mehr Arbeit angefallen und teilweise Personal entnommen worden. Doch es gibt Anzeichen, dass die Basisdienststellen nicht so bedient werden wie wir uns das wünschen. Es werden immer wieder Leute abgezogen für spezielle Bereiche wie Internetkriminalität oder Terrorbekämpfung.

Was sind die neuen Problemfelder?

Grün: Den Bereich Cyberkriminalität hatten wir früher nicht. Es müssen Anschlagsszenarien geübt werden. Wir haben die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus, der wird uns weiter begleiten. Schon bei kleinen Volksfesten müssen sie mittlerweile Betonpoller aufstellen. Ein anderes Beispiel: Nur für die Begleitung von Spielen der ersten und zweiten Bundesliga fallen bei der Polizei jährlich zwei Millionen Überstunden an.

Insgesamt sinkt die Kriminalität, viele empfinden das anders. Woran liegt das?

Grün: Die Polizeidichte ist in Hessen in der Tat nicht so hoch wie in anderen Bundesländern, obwohl wir ein zentrales Land mit viel Durchgangsverkehr sind. In Hessen kommen auf 100 000 Einwohner 226 Polizisten. In Bayern sind es 326, also 100 mehr. Teilweise gibt es in Brennpunkten Entwicklungen, die die Leute mit Sorge erfüllen. Bei Wohnungseinbrüchen hat es viel Präventionsarbeit gegeben. Aber wenn in meiner Straße öfter eingebrochen worden ist, dann mache ich mir natürlich Sorgen. Trotz allem kann ich nur betonen, dass wir in Deutschland sehr sicher leben. Von einem terroristischen Anschlag betroffen zu sein ist unwahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto.

Immer häufiger werden Polizeibeamte massiv bedroht?

Grün: Das ist leider so. Sie werden keinen Kollegen mehr treffen, der nicht schusssichere Weste und Schlagstock trägt, das schafft aber Distanz zum Bürger. Und leider fehlt oft die Zeit für Bürgergespräche, dass man signalisiert, man nimmt die Sorgen ernst. Es ist keine Zeit, weil man schon zur Aufnahme des nächsten Einbruches oder Unfall muss.

Wie schützen sich Polizisten?

Grün: Es gibt gute Erfahrungen im Pilotversuch mit Tasern (eine Art Elektroschocker), auch wenn die Geräte umstritten sind. Sie können im Zweifelsfall hilfreich sein, etwa wenn Kollegen auf Verstärkung warten müssen. Taser ersetzen nicht die Waffe, können einen Schusswaffengebrauch aber in gewissen Situationen verhindern. Bisher ist im Probelauf in Einsätzen nichts schiefgelaufen. Es bleibt aber eine politische Entscheidung. Ich bin dafür, nicht bei jedem Schutzmann, aber im Team.

Waren Sie selbst schon einmal von Gewalt betroffen?

Grün: Ja, 1996 in Lich, als wir eine Gruppe von Russlanddeutschen kontrollierten, die alkoholisiert waren oder unter Drogen standen und über uns hergefallen sind. Ich bin im Krankenhaus wieder wach geworden. Bis dahin hatte ich solche Kontrollen als eher ungefährliche Aufgabe gesehen, danach war die Welt schon eine andere.

Kritik an der Polizei kam kürzlich auf, als in Fulda ein junger Afghane erschossen wurde, der vorher randaliert hat und handgreiflich geworden war.

Grün: Zu dem Fall kann ich nicht so viel sagen, es wird noch ermittelt. Aber: Wer angegriffen wird, der muss sich wehren können, das hat nichts mit Hautfarbe oder Herkunft zu tun. Gern macht das keiner, aber wenn Leben und Gesundheit bedroht sind, dann ist es unter Umständen das letzte Mittel. Angriffe haben zugenommen. Deshalb muss sich auch die Polizei schützen. Polizisten trainieren solche Situationen, sodass die Routine im Ernstfall rechtskonform abgerufen werden kann.

Messerangriffe gehen vermehrt durch die Medien, dieser Tage zückte ein Mann in Lauterbach ein Messer.

Grün: Ein Messer ist eine hochgefährliche Waffe, wenn man damit umgehen kann, fast gefährlicher als eine Schusswaffe. Wenn jemand schießt und keine lebenswichtigen Organe trifft, sterben Sie nicht. Aber wenn er Sie mit dem Messer an der richtigen Stelle erwischt, ist es vorbei. Dann kann es sein, dass der Notarzt daneben steht und Sie verbluten.

Nimmt die Gewalt zu?

Grün: Allgemein nicht, aber der Respekt gegenüber der Uniform ist geschwunden. Wenn früher der Schutzmann kam, etwa bei einer Kneipenschlägerei, dann war irgendwann Schluss. Heute geht es munter weiter, es wird beleidigt, geschubst und gedroht. Das stellen wir vermehrt fest. Gerade bei jugendlicher Gewaltkriminalität hat das auch mit dem ungefilterten Konsum von Ballerspielen und Gewaltvideos zu tun, die übers Internet einfach verfügbar sind. Da sind die Hemmschwellen gesunken.

Es gibt ganz neue Gewaltphänomene?

Grün: Vieles wird gar nicht angezeigt. Ich bin mir sicher, dass es jeden Tag in den sozialen Medien Tausende von Straftaten gibt, Beleidigungen, Bedrohungen und so weiter. Das wird hingenommen, obwohl es gerade für junge Leute teilweise verheerende Folgen haben kann. Es ist auch eine Aufgabe der Polizei, Menschen im Umgang mit dem Internet sicher zu machen. Man glaubt nicht, was es alles gibt. Im Darknet können Sie ein gewünschtes Verbrechen quasi bei einem Dienstleister in Auftrag geben. Oder die Digitalisierung. Es gibt kaum eine Straftat ohne digitalen Bezug. Selbst eine Kirmesschlägerei wird auf Facebook gepostet. Wir sind in Hessen auf einem ganz guten Weg, ein Cyber-Kompetenzzentrum ist im Aufbau. Leider machen uns die Gesetze zur Vorratsdatenspeicherung große Probleme, wir dürfen nicht auf die Daten zugreifen. So wissen wir durch Kollegen im Ausland, hinter welchen IP-Adressen Kinderschänder ihr Unwesen treiben, kommen aber nicht an sie ran. Das ist ein großes Problem.

Andreas Grün (57) ist Polizeihauptkommissar und seit April 2014 Chef der Gewerkschaft der Polizei Hessen (GdP). Zuvor war er vier Jahre lang Vize-Chef. Er wohnt in Mücke-Nieder-Ohmen und ist seit 1982 Gewerkschaftsmitglied. Grün arbeitete in verschiedenen Positionen unter anderem in Frankfurt und Gießen. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Die GdP ist weltweit die größte Polizeigewerkschaft mit mehr als 180 000 Mitgliedern bundesweit und 12 300 in Hessen. Seit 2008 verzeichnet die GdP in Hessen nach eigenen Angaben jährlich eine Steigerungsrate von 1,5 bis 2,0 Prozent. (ks)

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