04. Mai 2018, 21:45 Uhr

Tausende im Gleichschritt

Auch über 70 Jahre nach Kriegsende ist das Dritte Reich immer noch ein Tabuthema, an das viele gar nicht erst rühren wollen. Das hat Wolfgang Wiehl bei der Neu-herausgabe seines Fotobuchs »Die NS-Zeit in Lauterbach« erfahren – und das bestätigen Heimatforscher bei einer Buchvorstellung in Alsfeld.
04. Mai 2018, 21:45 Uhr
Begeisterung für die Großmacht Deutschland: 3000 Menschen kommen laut Zeitungsbericht zum Kreistag der NSDAP Mitte Juni 1938 auf das Sportfeld Lauterbach. (Foto: jol)

Vielleicht ist es die Angst davor, den eigenen Großvater oder die geliebte Großmutter mit Hitlergruß auf einem Foto zu sehen, jedenfalls gibt es immer noch einige Scheu, in der eigenen Region die Geschichte des Nationalsozialismus nachzuzeichnen.

Das hat der Lauterbacher Heimatforscher Wolfgang Wiehl bei der Neuherausgabe seines Fotobuchs über Aufmärsche der NS-Zeit in Lauterbach erfahren. Vor 30 Jahren hatte er mit dem Lauterbacher Fotoclub viele Aufnahmen aus der 1930er Jahren herausgegeben.

Damals rieten ihm Bekannte dazu, das Thema nicht zu verfolgen, das bringe ihm nur Ärger ein. Nun stieß die Neuauflage in seinem Umfeld gar auf eine Mauer des Schweigens, weshalb Wiehl das Buch mit 240 Aufnahmen wieder ganz allein zusammengestellt hat, wie er berichtet.

Das Werk stößt aber durchaus auf Interesse, denn von 400 Exemplaren sind in wenigen Monaten schon 300 verkauft worden. Kürzlich stellte Wiehl das Fotoprojekt in Alsfeld vor und Heimatforscher bestätigten ihm, das auch heute noch die Nazizeit in der Heimatforschung ein »strittiges Thema« ist. So berichtete ein Besucher, dass beim Sichten von Aufnahmen für ein Fotobuch über einen Alsfelder Stadtteil eine kontroverse Diskussion über die Zeitspanne 1933 bis 1945 losging. Ein anderer Besucher bekräftigte, dass immer noch Fotos aus der Periode nur mit äußerster Vorsicht veröffentlicht werden. Michael Riese vom Förderverein Jüdische Geschichte kündigte dennoch an, der Verein wolle alte Aufnahmen des Alsfelder Fotografen Grün ausstellen, damit sie nicht in Vergessenheit geraten.

Die Bilder aus der Ära der Nationalsozialisten lassen die Betrachter in der Regel nicht kalt, wie sich bei der Diaschau Wiehls zeigte. So laufen beispielsweise ganze Fabrikbelegschaften und Handwerkerzünfte im Gleichschritt durch die Gassen Lauterbachs. Allein beim 1.-Mai-Umzug 1934 waren es rund 2500 Menschen.

Wiehl hat die Bilder als »ungeordnetes Konvolut« von einer Nachbarin erhalten. Mit großer Mühe hat er anhand der Berichterstattung in der Lokalzeitung die Anlässe der abgebildeten Aufmärsche und Veranstaltungen ermittelt. So marschierten viele »normale« Lauterbacher bereits am 1. Mai 1933 und damit kurz nach der sogenannten Machtergreifung Hitlers unter den Klängen der NS-Fanfarenzüge auf. Rund um dieses Datum wurden freie Gewerkschaften verboten, ihr Eigentum beschlagnahmt, das Streikrecht genommen. Im Zeitungsbericht zur 1.-Mai-Kundgebung heißt es bereits, »jeder Arbeiter soll treu zu seinem Volk stehen«. Der Kreisleiter der NSDAP beschwor die Menge, man wolle »ein Deutschland schaffen, das jeder Deutsche lieben muss über alles in der Welt«.

Im Mittelpunkt des Heimatfestes vom August 1933 stand dann die deutsche Frau, Delegationen kamen auch aus anderen Orten. Das Erntedankfest galt dem deutschen Bauern und war ebenfalls auf die »große Volksgemeinschaft« ausgerichtet, die alle aussonderte, die keine Nazis waren.

Bereits bei der Mai-Kundgebung 1934 zeigte sich die riesige Teilnehmerschar im Gleichschritt. Wiehl hat sich durch die »tödliche Sprache« in den Zeitungsberichten jener Tage gequält, um die unbeschrifteten Fotos zuordnen zu können. »Die Leute waren begeistert dabei«, schloss er aus den Berichten. Auch in Gesprächen mit Zeitzeugen ging es eher um die tolle Gemeinschaft unter den Pimpfen als um die Ausgrenzung von Juden und politischen Gegnern.

Bereits 1934 wurden politische Leiter vereidigt, die ihre Mitdeutschen überwachten und mutmaßliche Gegner in Konzentrationslager schicken konnten. Weil die Zeitzeugen widersprüchliche Erinnerungen an die Nazi-zeit hatten, entschloss sich Wiehl, in dem Buch nur Berichte aus dem Lauterbacher Anzeiger zu nutzen. Das ordnet das Geschehen ein und zeigt, in welchem Geist die Menschen zusammenkamen.

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