Vogelsbergkreis

Biografie Dementer ist für Betreuung sehr wichtig

Schlitz (rs). In einigen Regionen Hessens sind Beratungsstellen der Caritas die verbliebenen Posten, die Menschen mit vielerlei Anliegen aufsuchen können. Andere Anbieter von Beratungsstellen haben sich in den vergangenen Jahrenzurückgezogen.
18. Januar 2010, 20:08 Uhr
Beim Neujahrsempfang des Caritasverbandes Gießen im Graf Görtzschen Alten- und Pflegeheim in der Innenstadt von Schlitz informie
Beim Neujahrsempfang des Caritasverbandes Gießen im Graf Görtzschen Alten- und Pflegeheim in der Innenstadt von Schlitz informierten Pflegekräfte (1. - 4. v.l.) über spezielle Arbeitsweisen mit Dementen, links die beiden Caritasdirektoren Eva Hofmann und Joachim Tschakert. (Foto: rs)

Schlitz (rs). In einigen Regionen Hessens sind Beratungsstellen der Caritas die verbliebenen Posten, die Menschen mit vielerlei Anliegen aufsuchen können. Andere Anbieter von Beratungsstellen haben sich in den vergangenen Jahren wegen der allgemeinen Wirtschafts- und Finanzkrise bereits zurückgezogen. Vor diesem Hintergrund fand am Montag Vormittag der Neujahrsempfang des Caritasverbandes Gießen im Graf Görtzschen Alten- und Pflegeheim in der Innenstadt von Schlitz statt. Der Zuständigkeitsbereich der Caritasgliederung erstreckt sich über die Landkreise Wetterau, Gießen und Vogelsberg. Inhaltlich lag der Schwerpunkt des Neujahrsempfanges auf dem Thema Demenz, eine Krankheit, die bei der Betreuung mehr und mehr berücksichtigt werden muss und die zunehmend in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt.

Graf Rüdiger Görtz, Vorsitzender des Stiftungsbeirates für das Alten- und Pflegeheim, gab einleitend einen Abriss, wie das von Alters her evangelische Schlitzerland in den Zuständigkeitsbereich der katholischen Mainzer Diözese gekommen ist, liegt das katholische Fulda doch ungleich näher. Denn die ursprünglich reichsunmittelbare Grafschaft Schlitz war 1803 vom Wiener Kongress dem Großherzogtum Darmstadt zugeschlagen worden, und dafür war wiederum Mainz zuständig. So wurde Schlitz der äußerste Zipfel des Diözese. In der Einrichtung in der historischen Anlage in der Innenstadt werden heute 67 Menschen betreut, der Schwerpunkt liegt nach Angaben von Heimleiterin Martina Büttner auf Demenzerkrankten.

Zum Jahresempfang waren aus Gießen unter anderem die beiden Caritasdirektoren Joachim Tschakert und Eva Hofmann gekommen, letz- tere informierte gegenüber der AZ allgemein zum Caritasverband Gießen, in 25 Einrichtun- gen beziehungsweise Dienststellen seien rund 500 Menschen beschäftigt. Betrieben werden drei Altenheime und drei Sozialstationen mit jeweils rund 300 betreuten Menschen, bei den Betreuungseinrichtungen für Kinder habe man eine Ausweitung im Hinblick auf Krabbelgruppen unternommen. Speziell dazu sei ein steigender Bedarf zu verzeichnen. Außerdem wird ein Kinder- und Jugendheim mit etwa 100 Plätzen betrieben.

Ein sehr breites Spektrum nimmt der Beratungssektor ein, denn in Hinblick auf die allgemeine Lebensberatung können Hilfesuchende mit Problemen wie Schulden, Arbeitslosigkeit, Behinderungen und Krankheit sowie wegen Hilfestellungen in der Erziehung zu den Caritasstellen kommen. Beraten wird auch beim Anstreben einer Kur, bei Eheproblemen und allgemeinen Lebenskrisen. Speziell mit diesem breiten Spektrum sind die Stellen der Caritas in manchen Regionen die letzte Anlaufstelle, so etwa in der Region Büdingen. Nach Angaben von Hofmann zeichnet sich im Vogelsbergkreis ein ähnlicher Trend ab. Denn sämtliche Anbieter von Beratungsstellen haben unter dem Schwinden von Zuschüssen vor dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise zu leiden, im Fall der Caritas kann man sich indes noch aus anderen allgemeinen Einkünften helfen. Dabei gilt das Augenmerk laut Hofmann immer einem naheliegenden Zeitrahmen. Denn viele Einrichtungen werden auch mit kommunaler Unterstützung betrieben und von dieser Seite wird mehr und mehr ein Zurückziehen signalisiert - indes, die Aufgaben bleiben. Zudem stehe zu erwarten, dass die Einnahmen aus der Kirchensteuer auch zurückgehen werden.

Das Jahresmotto der Caritas lautet »Experte für das Leben - selbstbestimmte Teilhabe älterer Menschen«. Davon ausgehend informierte Heimleiterin Büttner, dass man in Schlitz 67 Menschen in der Langzeit-, Kurzzeit- und Tages- pflege betreue. Hinzu kämen 80 Personen, de- nen man Mahlzeiten in der Form »Essen auf Rädern« zu kommen lasse. Das Gros der Empfänger sei in Schlitz oder dem Schlitzerland, einige Kunden seien auch aus Bad Salzschlirf und Großenlüder.

Der mehr und mehr auftretenden Demenz bei Betreuten trage man unter anderem durch eine Zusammenarbeit mit einer Universität Rechnung, habe daraus eine spezielle Vorgehensweise im eigenen Haus abgeleitet, informierte Büttner. In der Folge erläuterten dazu Mitglieder der Pflegeleitung und des Pflegepersonals, welche speziellen Strategien sie im Umgang mit dementen Menschen entwickelt haben. So ist das Wissen um die Biografie der Betreuten sehr wichtig, denn nur so lassen sich Angewohnheiten verstehen, die man sich sonst als Außenstehender nicht erschließen kann und die man sonst unterbinden würde. Als Beispiel wurde genannt, dass ein älterer Mensch sich regelmäßig um 14 Uhr zum Spazierengehen fertig gemacht hat. Das war vor Jahren die Zeit gewesen, als er noch mit seinem Hund vor die Tür gegangen war. Solche festen Handlungsschemen solle man unterstützen, so die Pflegekräfte. Leider, so wurde bedauert, sei die Informationsmöglichkeit über die Gewohnheiten älterer Menschen eher schwer.

In der Öffentlichkeit gebe es immer noch eine Hemmschwelle, Demenz zu thematisieren, bedauerte Heimleiterin Büttner. Dem entgegen zu wirken habe man im Vogelsbergkreis die »Samstage gegen das Vergessen« eingerichtet. Mit diesem Angebot sei der Landkreis einzig- artig in Deutschland. Veranstaltungen hätten bislang in Romrod, Lauterbach und Schlitz stattgefunden, gekommen seien jeweils zwischen 100 und 130 Besuchern. Geboten habe man an diesen Samstagen Infostände aller sozialen Einrichtungen, Fachvorträge und Tests. Im Vogelsberg seien rund 2000 demente Menschen bekannt, informierte Heimleiterin Büttner, zudem sei von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. 300 Personen würden wegen Demenz von insgesamt zehn Fachärzten betreut.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/vogelsbergkreis/art74,41030

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