22. Februar 2018, 21:05 Uhr

Retter geraten in Not

Rettungssanitäter, Polizisten und Feuerwehrleute helfen Menschen in Notlagen. In der letzten Zeit werden sie allerdings vermehrt selbst Ziel von Attacken und kommen in brenzlige Situationen. Solche Auseinandersetzungen kommen zwar eher in Städten vor, aber auch im Vogelsberg bereiten sich Rettungskräfte des Deutschen Roten Kreuzes auf kritische Situationen vor.
22. Februar 2018, 21:05 Uhr
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Von Joachim Legatis

Es kann sehr schnell geschehen: Isabelle Schneider legt dem verletzten Mann im Rettungswagen die Sicherheitsgurte an, damit ihr Kollege losfahren kann. Da schlägt der eben noch so ruhig daliegende kräftige Mann wild um sich, greift der jungen Rettungsassistentin ins Gesicht. Instinktiv drückt die junge Frau die Hände des Mannes weg – und erhält Lob von ihrem Dozenten. Denn es war glücklicherweise nur eine Übung. Aber es kommt häufiger vor als man denkt, dass ein Notfall aus dem Ruder läuft und ein Patient oder Angehöriger Rettungskräfte anschreit oder gar attackiert. Darauf bereiteten sich dieser Tage einige Vogelsberger Mitarbeiter des DRK-Rettungsdienstes Mittelhessen vor. Mit einem erfahrenen Dozenten der Hochschule für Polizei und Verwaltung übten sie Eigensicherung im Rettungsdienst ein.

Hintergrund der Fortbildung sind Übergriffe bei Einsätzen, die im Vogelsberg nicht häufig sind, aber leider immer wieder vorkommen. So wurden erst kürzlich Einsatzkräfte in der Wetterau nach einer Schlägerei bedrängt, als sie einem Verletzten helfen wollten. Rettungsdienstleiter Jörg Görnert spricht von relativ wenigen Fällen im ländlichen Raum, »aber der Pfeil geht nach oben«. Er schätzt, dass bei etwa zehn bis 15 Einsätzen pro Jahr Gewalt gegen Rettungskräfte angedroht oder ausgeübt wird – bei 18 000 Einsätzen insgesamt eine kleine Zahl. Dennoch müssen sich Notfall- und Rettungssanitäter auf solche Fälle vorbereiten.

Der Dozent betont, wie wichtig es ist, die Rot-Kreuz-Helfer zu sensibilisieren. Die sollen Gefahren erkennen, bevor sie eintreten. Denn die Erfahrung zeige, dass eine gefährliche Lage selten unvermittelt auftritt. »Entscheidend ist, auf die Hände zu schauen,« sagt er. Rettungskräfte sind im Einsatz darauf fixiert, dem Patienten zu helfen, sie achteten nicht auf eine potenzielle Gefahr. Wichtig sei, dass sie die eigenen Hände vor dem Körper haben, um einen Angriff abwehren zu können. Auch müsse es ein Alarmzeichen sein, wenn der Patient oder ein Angehöriger mit geballter Hand da steht. »Ein Patient kann in der Faust Rasierklingen halten«, sagt der erfahrene Polizist. Auch müssten die Retter am Einsatzort darauf achten, ob Messer oder gefährliche Gegenstände beim Patienten liegen.

Bei der Fortbildung geht es auch um allgemeine Fragen, die immer wichtiger werden. So sprach man darüber, wann Rettungskräfte in die »rote Zone« eines Amoklaufs oder Terroranschlags dürfen. Denn darüber entscheidet die Polizei, wenn gesichert ist, dass keine weiteren Anschläge geschehen können. Auch bei einer Großlage geht Eigensicherung vor dem Hilfseinsatz.

Rettungsdienstleiter Görnert verweist darauf, dass der Vogelsberg nicht das Hauptziel von Terroranschlägen ist, aber erst kürzlich habe ein Mann mitten in Alsfeld mit einer scharfen Waffe um sich geschossen. Deshalb müssen Einsatzkräfte für solche seltenen Fälle geschult werden. Es komme immer wieder vor, dass ein Patient verwirrt ist oder unter Alkoholeinfluss um sich schlägt. Angehörige von einem verletzten Kind können aus Angst panisch reagieren, was zu Konflikten führen kann. »Es kommt auch vor, dass Umstehende nach einer Kneipenschlägerei die Rettungskräfte behindern – solche Situationen in der Nacht können schnell kippen.«

Dann kann das Rettungsdienstpersonal die Polizei zu Hilfe holen, muss aber die Zeichen einer möglichen Gefahr erkennen. Die Fortbildung soll dafür sorgen, dass »man nicht in Situationen gerät, die man vermeiden kann«. Die Lage im Vogelsberg ist besser als in anderen Regionen des Landes, wie Görnert anfügt. In anderen Landkreisen tragen Rettungskräfte stichfeste Westen im Einsatz.



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