Vogelsbergkreis

»Viele weiße Flecken«

Im Vogelsberg wird viel für eine Gesellschaft getan, in der alle gut leben können. Das zeigte sich in der Debatte im Sozialausschuss des Kreistags, als es um Projekte gegen Rechtsextremismus ging. Doch es ist noch einiges zu tun, um dem modernen Antisemitismus entgegenzuwirken, wie Michael Riese vom Förderverein Jüdische Geschichte sagt.
26. Januar 2018, 18:56 Uhr
Joachim Legatis
a_micki_260118

Im Vogelsberg wird viel für eine Gesellschaft getan, in der alle gut leben können. Das zeigte sich in der Debatte im Sozialausschuss des Kreistags, als es um Projekte gegen Rechtsextremismus ging. Doch es ist noch einiges zu tun, um dem modernen Antisemitismus entgegenzuwirken, wie Michael Riese vom Förderverein Jüdische Geschichte sagt.

Am heutigen Samstag werden viele öffentliche Gebäude Trauerbeflaggung zeigen, es ist »Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus« (siehe Seite 5). Daran knüpft das Förderprogramm »Demokratie leben« an, das im Vogelsberg gegen rechtsextreme Tendenzen mobilisiert. Dieser Tage wurde es im Sozialausschuss des Kreistags diskutiert. Die Partnerschaft für Demokratie ist eine Kooperation des Jugendbildungswerks (JBW) des Kreises, des evangelischen Dekanats Alsfeld und vieler Vereine. Silvia Lucas, Thomas Luft und Hannah Müller vom JBW verweisen darauf, dass seit 2007 insgesamt 171 Projekte für rund 854 000 Euro umgesetzt wurden. Die Teilnehmer sollen für Toleranz sensibilisiert werden, einen demokratischen Umgang üben und gegen rechtsextreme Parolen gewappnet werden. Dabei kooperiert man eng mit dem Kreisjugendparlament, jugendliche Teilnehmer können auch eigene Fördermittel verwalten.

Bedenklich findet Silvia Lucas die Entwicklung seit den Bundestagswahlen. So hatten Probeabstimmungen unter Jugendlichen bis zu neun Prozent für die NPD ergeben. Die Flüchtlingssituation ab 2015 habe vermutlich einen Einfluss, glaubt Lucas.

Ein neueres Thema ist der Umgang mit islamistischen Parolen. Die Mitarbeiter der Koordinierungsstelle werben dafür, weiter die demokratische Gesinnung unter Jugendlichen zu stärken, etwa bei Fahrten zu Gedenkstätten und bei der Ausbildung für die Jugendleitercard. Michael Riese freut sich über demokratiefördernde Aktivitäten mit Jugendlichen. Der Vorsitzende des Fördervereins zur Geschichte des Judentums sieht aber eine Zunahme von Antisemitismus. »Heute reichen Andeutungen und Eingeweihte wissen, wer gemeint ist«, meint er im Gespräch. So würden Antisemiten gerne von der »Macht der Ostküsten-Lobby« sprechen und jüdische Finanzinvestoren meinen.

»Oder sie behaupten, man dürfe Israel überhaupt nicht kritisieren, was falsch ist, denn die Politik des Nahost-Staats wird oft kritisch betrachtet. Nur wenn Kritik an Israel eigentlich die Verschwörungstheorie der allmächtigen Judenheit meint, dann ist das antisemitisch.« Viele Menschen wollten einfache Antworten auf schwierige Fragen, glaubt Riese. Statt sich mit der komplizierten Lage im Nahen Osten zu beschäftigen, sei es einfacher, »den Juden« die Schuld zuzuschieben. Um Zusammenhänge aufzuzeigen, sei es wichtig, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Doch gerade bei der Darstellung der Zeit im Nationalsozialismus gebe es im Vogelsberg »viele weiße Flecken«.

Mehr Andeutungen als Berichte

Oft seien Darstellungen aus den 1930er Jahren über jüdische Vogelsberger ausgesprochen lückenhaft. Über die gewaltsame Übernahme der Brauerei Wallach durch Alsfelder Gastwirte gebe es mehr Andeutungen als Berichte. Positive Beispiele seien die Ausstellung zur Arisierung jüdischen Vermögens und detaillierte Forschungen im Schwalm-Eder-Kreis. Riese befürwortet eine Stärkung der Demokraten statt darauf zu setzen, dass man Rechtspopulisten von der AfD zurückholt. Stattdessen müsse man den demokratischen Kern der Gesellschaft stärken. Das Programm »Demokratie leben« solle sich auch an Erwachsene richten, schlägt er vor. (Foto: jol)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/vogelsbergkreis/art74,380945

© Giessener Allgemeine Zeitung 2016. Alle Rechte vorbehalten. Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung