21. Januar 2018, 05:00 Uhr

Mafia

Klein-Palermo in Alsfeld

Ein Familienvater, der seinen Gästen im Lokal freundlich die Pizza serviert und zwischendurch Erpressungen in Auftrag gibt. Drogen im Springbrunnen der Pizzeria. Ein Polizist erinnert sich.
21. Januar 2018, 05:00 Uhr
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Von Kerstin Schneider
Rauschgiftgeschäfte, Erpressungen – am Geschäftsmodell der Mafia hat sich wenig geändert. Vor 20 Jahren hielt eine Bande Alsfeld in Atem. Es ging zu wie im Wilden Westen. (Foto: fotolia/RCP)

Die Farao-Familie. Immer noch. Oder schon wieder. Der Name des süditalienischen Clans weckt in Alsfeld Erinnerungen. Bei einer Razzia gegen die Mafiavereinigung N’drangheta wurden dieser Tage in Deutschland und Italien mehr als 160 Verdächtige festgenommen. Auch in Hessen gab es Festnahmen. Es geht unter anderem um Erpressung und Geldwäsche. Die von den italienischen Carabinieri geführte Aktion richtet sich vor allem gegen den Clan Farao-Marincola aus Kalabrien.

Rückblende: Schießereien, Bedrohungen, explodierende Sprengsätze. Ein wenig wie im Wilden Westen ging es Mitte der 1990er Jahre in der beschaulichen Alsfelder Altstadt zu. Auch damals stammten die Akteure aus dem Umfeld der Familie Farao. Polizisten hatten angesichts der Vorfälle schon länger gemutmaßt, dass die Mafia ihre Finger im Spiel haben könnte, aber befürchtet, dass man die Drahtzieher ohnehin nicht erwischt. Irgendwann wurde dann doch mit den Ermittlungen begonnen, die immer größere Kreise zogen.

Mafia-Killer wurden »geparkt«

Die Mafiosi lauerten damals hessenweit Betreibern von Pizzerien und Eisdielen abends auf und nahmen ihnen gewaltsam die Tageseinnahmen ab. Darüber hinaus kam es zu Schutzgelderpressungen – wer nicht spurte, dem wurde schon einmal eine Bombe in den Eingang der Gaststätte gelegt. Daneben florierte der Rauschgifthandel als eigener »Geschäftszweig« der Bande. Um seine Rauschgiftgeschäfte abzuwickeln, arbeitete Bandenchef S. mit der apulischen Mafia »Sacra Corona Unita« zusammen. Obendrein galt die ländliche Gegend als Rückzugsorte, um gesuchte Mafia-Killer dort zu »parken.«

Am Ende setzten die Polizisten nach Jahren an akribischer Arbeit ein Puzzle zusammen, es kam zu Verurteilungen. Warum schaltete sich damals nicht gleich LKA oder BKA ein? Die übergeordneten Dienststellen hatten es abgelehnt, den Fall zu übernehmen – wegen »Arbeitsüberlastung«. Und wohl auch, weil die Dimension des Falls nicht gleich klar war.

Später wollten sich die Vogelsberger Spürnasen den Fall nicht mehr nehmen lassen, nachdem sie jede Menge Dienststunden hineingesteckt hatten. »Das war ein tolles Verfahren, es hat einen Riesenspaß gemacht,« erinnert sich einer der damals Beteiligten noch immer.

1997 spektakuläre Razzia

Mitte August 1997 gab es eine spektakuläre Razzia in der damaligen Pizzeria Europa am Alsfelder Ludwigsplatz. Dabei fanden sich nicht nur Rauschgift und Bargeld, sondern auch Unterlagen mit geheimen Eidesformeln der »ehrenwerten Gesellschaft.« Der Polizist, der damals dabei war: »Ein seltener Fund, den es so vorher nicht gegeben hatte.« Ein Pizzabäcker ging als Hauptverdächtiger in U-Haft, legte später ein umfassendes Geständnis ab und wurde verurteilt. Die beteiligten Beamten wurden aufgrund ihrer Erfahrungen später noch bundesweit zu Vorträgen beim BKA eingeladen.

Damals wurden Sprengsätze im Eingang von Pizzerien deponiert oder als Warnung schon einmal durch die Scheibe geschossen. »Heute läuft das subtiler,« erzählt der Polizist. Die Mafia will nicht mehr so viel Aufsehen erregen und wickelt ihre Geschäfte lieber im Stillen ab. Dafür hat sich am Geschäftsmodell insgesamt wenig geändert, »das sind die gleichen Strukturen wie damals und der gleiche Personenkreis,« berichtet der Gesprächspartner der AAZ, der natürlich die Berichte über die aktuellen Razzien in Hessen und Baden-Württemberg verfolgt hat. Selbst wenn in Pizzerien inzwischen andere Inhaber nachgerückt sind.

Für die Polizei war es damals ein Ermittlungsverfahren, das sich über Jahre hinzog. Die Sonderheit AG 09 war benannt nach dem Keller mit der Nummer 9, von dem aus die Beamten unzählige Telefonate abhörten. Immer mit einer Dolmetscherin, die gewaltig aufpassen muste, »denn der Dialekt der Kalabresen ist so ungefähr wie der in Oberbayern.«



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