20. November 2017, 20:30 Uhr

Stachel gegen das Vergessen

20. November 2017, 20:30 Uhr
Die Feuerwehr Flensungen und die Reservistenkameradschaft Flensungen legen den Kranz am Ehrenmal nieder. (Foto: cks)

Mücke-Flensungen (cks). An die Geschichte erinnern und die Personen erinnern, die unter Gewaltherrschaft gelitten haben. Das war der Tenor des Gottesdienstes von Pfarrer Holger Becker am Sonntag zum Volkstrauertag in der Kirche und beim folgenden gemeinsamen Gedenken am Ehrenmal in Flensungen.

»Wir denken heute in besonderer Weise an die Toten der Kriege, der Gewalt, des Terrors, der Vertreibungen. Wir halten die Erinnerung wach an die bittersten Kapitel unserer Geschichte. Und das bedeutet uns weitaus mehr als eine Tradition«, betonte Bürgermeister Matthias Weitzel. »Wir sehen im Gedenken eine menschliche Verpflichtung. Freilich, viele in unserem Land bezweifeln heute den Sinn des Volkstrauertags«, griff der Bürgermeister auch andere Ansichten auf. »Manche lehnen ihn sogar ab. Andere meinen, er sei nur ein Ritual oder eine Alibiveranstaltung. Diese Gefahr besteht sicher. Denn der Volkstrauertag ist ein schwieriger Feiertag; ihn zu begehen fällt uns nicht leicht«, meinte Matthias Weitzel. Der Volkstrauertag lege einen Finger in alte Wunden; er erinnere an Schrecken und Fehler der Vergangenheit, die lange zurückliegen, fasste der Bürgermeister zusammen.

Diese Erinnerungen drohten – sieben Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg – immer mehr zu verblassen. »Weil die Toten schweigen, beginnt alles immer wieder von vorn«, habe der französische Philosoph Gabriel Marcel geschrieben, der beide Weltkriege erlebt und ein Vergessen befürchtet habe. »Damit die Toten nicht schweigen, damit wir ihre Stimmen hören und ihre Mahnungen beherzigen, haben wir in Deutschland den Volkstrauertag geschaffen und halten an ihm fest«, konstatierte Weitzel.

Die Notwendigkeit des Erinnerns habe auch Erich Kästner betont, als er im Vorwort zu seinem 1945 entstandenen Tagebuch »Notabene 45« schrieb: »Die Vergangenheit muss reden, und wir müssen zuhören. Vorher werden wir und sie keine Ruhe finden.« Unter Krieg und Gewalt hätten damals und heute in erster Linie die Unschuldigen zu leiden, Frauen und Kinder, Alte und Schwache. Die Bildhauerin Käthe Kollwitz habe diese Situation bereits nach dem Ersten Weltkrieg wie folgt auf den Punkt gebracht: »Die eigentlichen Verlierer der Kriege sind immer die Eltern, die Frauen, die Mütter.« Und sie habe ihnen mit ihrer Skulptur der trauernden Eltern und ihrer Pietà zwei der wenigen Mahnmale geschaffen, die an diese Opfer der Kriege erinnerten. Auch die Jüngeren gehe die Geschichte etwas an. Deshalb könne es gar keine Frage sein, ob man den Volkstrauertag noch brauche. Denn er erinnere nicht nur an die Opfer der Vergangenheit. Er erinnere ebenso an den Auftrag für die Gegenwart und die Zukunft. Er mahne, nicht zu vergessen, sondern zu hören, was die Toten zu sagen haben. Er bleibe ein »Stachel im Fleisch unserer Dickfelligkeit und gegen das Vergessen«.

Die Feuerwehr Flensungen und die Reservistenkameradschaft Flensungen legten den Kranz am Ehrenmal nieder. Die Gedenkschleifen sind von den Vereinen und vom VdK. Musikalisch wirkten die Seenbachtaler Jagdhornbläser mit.

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