09. November 2017, 20:13 Uhr

Erinnern an den Mob

Wir wollen uns zwischen »Wort und Totschlag« stellen, wenn es nötig ist. Dazu rief Pfarrer Peter Remy angesichts aktueller Attacken auf Juden auf. Bei der Gedenkfeier zur Pogromnacht vom 9. November 1938 wurde immer wieder darauf verwiesen, dass Erinnern nötig ist, um für Gegenwart und Zukunft zu lernen.
09. November 2017, 20:13 Uhr
Eine Schülerin verteilt Kiesel mit den Namen ermordeter Alsfelder Juden.

An eine kalte Nacht erinnern die Alsfelder Jugendlichen, an den Abtransport von Selma Rothschild, die sterben musste, weil sie Jüdin war. Und die Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Schule bekennen, »gerade wir wollen nicht schweigen«. Es waren persönliche Gedanken, die sie im Unterricht mit Lehrerinnen Heidi Lenffer-Nold und Gerlinde Porsche-Bettray erarbeitet haben. Am Donnerstagabend trugen sie die Verse auf dem dunklen Weg hinter der Stadtbücherei vor. Neben dem Gedenkstein an die 1938 zerstörte und später abgerissene Synagoge kamen gut 50 junge und ältere Menschen zusammen, um an Judenverfolgung 1938 und heute zu erinnern.

So schlug Pfarrer Peter Remy den Bogen von den Verfolgungen in der Pogromnacht von 1938 zu heute. Damals habe ein Mob die Waren jüdischer Kaufleute auf die Untergasse und die Landgraf-Hermann-Straße geschleudert, jüdische Männer sperrten sie in einen Keller in der Hersfelder Straße. Die prächtige Synagoge in der Lutherstraße wurde angezündet, die Feuerwehr daran gehindert zu löschen, wie Remy sagte. Immerhin gab es im Gotteshaus nur relativ geringe Schäden.

Doch auch in unseren Tagen werden Menschen verfolgt, wie der 14-jährige Schüler in Berlin, der über Monate hinweg bedroht, angefeindet und misshandelt wurde, weil er Jude ist. Schließlich mussten ihn seine Eltern von der Schule nehmen.

Es gibt kein »minderwertig«

An 1300 antisemitische Straftaten erinnerte Erster Stadtrat Jürgen-Udo Pfeiffer in seiner Ansprache für den Magistrat. Dabei knüpfen die Rassisten an die Haltung Hitlers und vieler Zeitgenossen an, wonach Juden eine minderwertige Rasse seien. Hitler habe bereits 1920 seinen Hass auf Juden zum Ausdruck gebracht, in »Mein Kampf« wurde er noch deutlicher. »Worte gehen Taten voraus«, schloss Pfeiffer.

Da gelte es, gegen antisemitische Haltungen einzutreten, zumal »die Jahre von 1933 bis 1945 für viele Jugendliche immer ferner liegen«. In Alsfeld und Angenrod erinnern Tafeln an die abgebrochenen Synagogen, in Angenrod entsteht mit dem Haus Speier eine Gedenkstätte.

»Wir sind ein offenes, buntes und tolerantes Land«, sagte Pfeiffer. Wer das Holocaust-Denkmal in Berlin als Denkmal der Schande bezeichnet, entehrt die Opfer der Unmenschlichkeit. Das Grundgesetz schützt die Würde des Menschen, da gebe es kein höherwertig oder minderwertig. Er forderte dazu auf, hinzusehen und aus der Erinnerung zu lernen.

Wie bei früheren Gedenkveranstaltungen gaben die Besucher den im Dritten Reich getöteten Juden ihre Namen zurück. Drei Jugendliche und der evangelische Jugenddiakon Valentin Zimmerling verlasen 48 Namen von Kindern, Männern und Frauen, darunter Senioren und Kinder von 12 oder 14 Jahren.

48 weiße Kiesel mit den Namen der getöteten Alsfelder legten die Besucher schweigend an der Erinnerungstafel für die Synagoge an der Lutherstraße nieder. Musikstücke aus der jiddischen Tradition steuerte Lea Hamel auf der Klarinette bei.

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