29. Oktober 2017, 20:26 Uhr

Theaterabend

Luther und das große Geld

Keinen großen Reformator, sondern einen von den Mächtigen und dem Geld manipulierten Martin Luther präsentierte das Ensemble der Marburger Waggonhalle in der Homberger Stadtkirche.
29. Oktober 2017, 20:26 Uhr
GKA
Cornelius Klein als Martin Luther mit widersprüchlichem Charakter und Marina Wagner als sein Doktorvater Karlstadt. (Foto: gka)

Mit Unterstützung durch den Homberger Cornelius Klein als Lutherdarsteller zeigte das Ensemble der Waggonhalle das Theaterstück »Martin Luther und Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung«. Eingeladen hatten die Kirchengemeinde und der Arbeitskreis »Geschichte« der Schlosspatrioten.

Wer auch mit wem intrigiert, alle tanzen nach Fuggers Pfeife. Mit seinen Krediten lenkt und erkauft er nicht nur die Kaiserwahl, er behält auch die Oberhand über den Ablasshandel und den aus ihm entspringenden Religionsstreit. Luther wird zum Statisten, den die Fürsten für ihre Ziele ausnutzen. Seine Bedeutung für die Reformation muss er mit zeitweiligen Weggefährten wie Doktor Karlstadt und Thomas Münzer teilen, mit dem Wittenberger Professor im Hinblick auf die Urheberschaft der 95 kirchenkritischen Thesen und mit dem Mühlhausener Pfarrer hinsichtlich der Gunst des Volkes.

Während diese mit den vier Repräsentanten des Volks vom »neuen Menschen« und einer solidarischen Gemeinschaft schwärmen, setzt sich Luther drastisch ab: »Karlstadt und Münzer müssen weg«. Das geschieht. Doch auch Luther selbst fällt den Schergen der Obrigkeit zum Opfer. Die Volksvertreter, bedroht durch die martialisch auftretenden Ordnungshüter, leugnen jegliche Sympathie für die aufrührerischen Ideen und enden trotzdem auf dem Schafott. Kein Happy-end für niemand, bis auf Fugger, der am Ende seinen Gewinn bilanziert.

In Aufstands-Bekämpfung investiert

Außer der einfachen Mönchskutte von Luther ist die Inszenierung auf ein modernes Erscheinungsbild ausgelegt, das auf die Bedeutung der Geldherrschaft verweist. Das Volk, das zu Beginn des 16. Jahrhunderts von leibeigenen Bauern und Handwerkern geprägt war, wurde ein neuzeitliches. In einer zweiten Handlungsebene werden Bukowski und Hesse gelesen und man tauscht sich über Joints aus.

Regisseur Manfred Schmidt trägt als Busfahrer seine Weltsicht vor und sein Fahrgast, eine junge Frau, sinniert über Arbeitsalltag und Pendlerdasein. Vereinzelung und Beziehungslosigkeit werden mit der Sehnsucht nach einer guten Beziehung konfrontiert. Später verschmelzen die neuzeitlichen Charaktere mit den Bauern. Nach dem Aufstand träumen sie am Lagerfeuer von einer solidarischen Welt, während daneben Luther und Karlstadt streiten und die Obrigkeit um ihre Macht kämpft. In Fuggers Buchführung sind sie und Münzer nur ein Passivposten. Er investiert 25 Millionen, um den Aufstand niederzuschlagen, doch mahnt er die Fürsten, nicht zu viele Bauern zu töten. Seine Bilanz: »25 Millionen auf 100 000 tote Bauern. Das macht 250 pro Bauer. Das kommt billig. Ein gutes Geschäft.«

Luther mit brüchiger Stimme

In der Homberger Aufführung wurde Luther nicht als wortgewaltiger Verkünder einer neuen christlichen Orientierung vorgestellt, sondern von Cornelius Klein als widersprüchlicher Charakter gezeigt. Er ist hin und her gerissen zwischen theologischer Überzeugung, dem Druck des Bauernaufstands und dem Gehorsam gegenüber der Obrigkeit. Mit teilweise brüchiger Stimme und intensiv Kaugummi kauend geriet die Darstellung an den Rand der Karikatur.

Die Erläuterung von Fuggers Vorstellung von Gewinnmaximierung, eindrucksvoll umgesetzt von Charlotte Finger, war einer modernen Produktpräsentation nachempfunden. Sie bekam den einzigen Applaus während des Spiels. Wie Fugger wurden viele weitere Männer von Schauspielerinnen dargestellt: Karlstadt von Marina Wagner, Münzer von Corinna Kilger, der Berater Spalatin von Annina Munk, die Regie führte, sowie der Papst von Julia Zacharias. Kaiser Maximilian erläuterte seine Vorstellungen stilgerecht mit österreichischem Dialekt, vorgetragen von Marianne Ascher.

Dem Publikum sagte die Inszenierung zu. Offensichtlich war es gelungen, die Handlungsebenen und -stränge gut nachvollziehbar zu verbinden. Es gab großen Applaus.

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