14. September 2017, 19:06 Uhr

Trösten und beten

Vergangenes Jahr übernahm Pfarrer Thomas Schill das Amt des Notfallseelsorgers von Vorgänger Harald Wysk. Nun bietet Schill eine Fortbildung zum Notfallseelsorger an. Damit möchte er das Netz ausbauen und die Belastung der Aktiven zurückfahren. Über die Notfallseelsorge erzählt Schill hier.
14. September 2017, 19:06 Uhr
Wenn ein Unglück passiert wie etwa ein schwerer Unfall, dann fängt die Arbeit der Notfallseelsorger oft erst an. Sie gehen zu den Hinterbliebenen und versuchen, ihnen in der schweren Stunde beizustehen. (Foto: Archiv))

Wie ist denn die Notfallseelsorge im Kreis aufgebaut?

Schill: Ich bin der einzige hauptamtlich tätige Notfallseelsorger mit einer halber Stelle. Mit der anderen halben Stelle bin ich Gemeindepfarrer in Gemünden. Ansonsten sind alle anderen im Team ehrenamtlich tätig. Meine Aufgabe ist unter anderem, deren Arbeit zu koordinieren. Wir haben 14 Aktive in der Rufbereitschaft und drei weitere Kräfte, die in der Nachsorge für Feuerwehreinsatzkräfte tätig sind. Mit diesem Team sind wir für den ganzen Vogelsbergkreis tätig.

Für Ehrenamtliche, die keine Pfarrpersonen sind, ist die Seelsorge meistens Neuland. Wie bereiten Sie die vor?

Schill: Wir bieten Menschen, die sich für die Arbeit interessieren, Kurse nach den Richtlinien der PSNV (Psychosoziale Notfallversorgung) an. Sie umfassen 80 Stunden, die in der Regel über das ZSB (Zentrum Seelsorge und Beratung) in Friedberg blockweise angeboten werden. Mir war wichtig, dass wir dieses Angebot für Ehrenamtliche erleichtern. Daher bin ich froh, dass es mir gelungen ist, einen Kurs hier in Alsfeld in den Räumen des evangelischen Dekanats anzubieten, und zwar zu Zeiten, die neben einer Berufstätigkeit und dem Alltag gut machbar sind, nämlich freitags von 17 bis 21 Uhr und samstags von 9 bis 17 Uhr. Von September bis Januar sind fünf Wochenenden vorgesehen.

Bei Notfallseelsorge denkt man an schwere Brände beispielsweise oder Unfälle. Oder ist Ihr Einsatzgebiet weiter gefasst?

Schill: Die großen Dinge gibt es auch, aus meiner Sicht aber hat man darauf in der Vergangenheit zu sehr fokussiert, das Bild ein wenig verfälscht. Der Großteil sind häusliche Fälle. Es geht um das, was schon passiert ist. Man ist mit den Angehörigen in deren Haus zusammen, bei Menschen, die vielleicht eine plötzliche Todesnachricht bekommen. Oder es ist vielleicht eine Reanimation gescheitert, und der Tote liegt noch in der Ecke. Die Szenarien, die man aus der Zeitung kennt, schwere Unfälle oder Großbrände, wo wir mit Rettungskräften im Einsatz sind, sind eher die Ausnahme. Ich selbst war dieses Jahr einmal bei einem Großbrand, und vielleicht ein, zwei andere auch noch. Ich betone das, weil gerade dieses Spektakuläre den Ehrenamtlichen oder denen, die es werden wollen, auch ein wenig Angst gemacht hat. Und das muss nicht sein. Das meiste findet im häuslichen Rahmen statt, und wenn wir wirklich etwas Großes haben, dann sind wir im Team und können nachalarmieren.

Das heißt, die Notfallseelsorger tragen einen Funkmeldeempfänger und werden über die Zentrale Leitstelle alarmiert?

Schill: Genau. Es gibt einen Plan, wer von den Notfallseelsorgern Bereitschaft hat. Dieser Plan richtet sich nach Arbeitszeiten und den Wünschen der Ehrenamtlichen. Viele Arbeitgeber tragen es mit, dass ihre Mitarbeiter während der Arbeitszeit alarmiert werden, andere nicht. Darauf nimmt der Einsatzplan Rücksicht. Derzeit hat immer nur eine Person Bereitschaft. Bei einer Alarmierung muss diese Person dann auch ausrücken. Mein Ziel ist jetzt, dass wir so eine Personaldecke bekommen, dass wir immer zwei Notfallseelsorger alarmieren können. Das hat zum einen den Vorteil, dass wir die große Fläche des Kreises besser bedienen können und schneller vor Ort sein können. Auch könnten sich die Duos über ihre Einsatzzeiten absprechen. Zum anderen ist so ein Einsatz manchmal auch belastend. Wenn man zu zweit ist, kann man sich auf der Rückfahrt schon mal unterhalten und über das Geschehen austauschen. Dafür brauchen wir natürlich sehr viel mehr Leute. Es wäre schön, wenn es gelingt, die Zahl der Aktiven zu verdoppeln.

Wie geht es für die Freiwilligen nach dem Kurs weiter, wenn sie sich entscheiden, Ihrem Notfallseelsorge-Team beizutreten?

Schill: Wir haben nach dem Kurs eine Hospitationszeit. Das heißt, jeder Neue geht am Anfang erst einmal mit einer erfahrenen Kraft raus. Und danach, wenn die ersten eigenen Einsätze waren, bitte ich immer um eine kurze Rückmeldung, auch per SMS, um zu hören, wie es gelaufen ist. Auf jeden Fall bin ich dann da, wenn etwas wäre.

Kann man es eigentlich lernen, Menschen in schwierigen Situationen das Richtige zu sagen? Wie viel ist Professionalität, wie viel ist Intuition?

Schill: Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Es gibt nicht DIE richtige Aussage, jeder Einsatz ist anders. Was man lernen kann, ist sich immer wieder mental in eine chaotische Situation, die so ein Einsatz immer ist, hineinzuversetzen. Sich einer solchen Situation stellen, sich selbst darin beobachten, ist eine gute Vorbereitung. Es geht darum, sich präsent und einfühlsam auf die chaotische Situation einzulassen. Dazu gehören neben Empathie auch Offenheit anderen Weltanschauungen und Haltungen gegenüber. Und natürlich muss man die praktischen Abläufe lernen: Wann zieht man einen Arzt dazu? Wie ist die Verzahnung mit den Rettungskräften? Wie gesagt, jeder Einsatz ist anders, aber das macht es auch spannend und schön.

Haben Sie auch ein regelmäßiges Angebot für Freiwillige der Feuerwehr?

Schill: Dafür gibt es ein Nachsorgeteam. Das leitet Pfarrer Sven Kießling aus Lauterbach. Er macht das mit zwei Freiwilligen, die aus der Feuerwehr kommen.

Als Seelsorger haben Sie viel mit menschlichen Schicksalen zu tun. Was tun Sie selbst, um Ihre Balance zu halten?

Schill: Es gibt für uns alle Gruppengespräche in den Plenen, in die ich auch meine Fälle mit einbringe. Dazu möchte ich, wenn die Gruppe jetzt größer wird, auch regelmäßige Supervision anbieten. Das wäre für die anderen Notfallseelsorger gut und für mich auch. Auch der Austausch mit anderen Hauptamtlichen ist eine große Hilfe.

Warum haben Sie sich entschlossen, die Nachfolge von Herrn Wysk anzutreten?

Schill: Ich wolle schon immer gerne Klinikseelsorger werden und habe dazu alle nötigen Fortbildungen gemacht. Als sich dieses für mich sehr interessante Angebot ergeben hat, habe ich sofort zugeschlagen. Schön ist besonders die Arbeit in dem Team. Und natürlich war es mir auch wichtig, dass die Notfallseelsorge hier im Kreis weitergeht.

Welche Rolle spielt in Ihren Gesprächen mit Betroffenen der Glaube?

Scbill: Das ist eine Dimension, die ich und wahrscheinlich die anderen Notfallseelsorger im Hinterkopf haben, aber es ist nicht unsere Intension, missionarisch unterwegs zu sein. Wenn ich den Eindruck habe, die spirituelle Ebene könnte jetzt eine Bedeutung haben, dann höre ich mal nach. Wie ist das für den Betroffenen? Was bedeutet es für ihn, ein Gebet zu sprechen? Ich bin auch schon aufgefordert worden, jetzt mal zu beten. Das ist also ganz unterschiedlich.

Ansonsten spendet man Trost und hört zu oder wie muss man sich eine solche Situation vorstellen?

Schill: Das mit dem Trost ist so eine Sache. Da sind Leute, die sind geschockt. Die brauchen erstmal Sicherheit und Schutz. Wir stehen vor Menschen, die durch ein ganz schlimmes Ereignis die Selbststeuerungsfähigkeit verloren haben. Sie brauchen einen Rahmen, bis sie soweit sind, wieder für sich selbst zu sorgen. Für uns heißt das, wenn sie wieder ganz alltägliche Dinge übernehmen, wie Kaffee kochen. Und wenn familiäre Rollen wieder greifen. Das ist am Anfang das Wichtigste. Und natürlich muss man auch Raum geben, Dinge zu besprechen, sie sich von der Seele zu reden. Trost? Häufig sind die Ereignisse so schlimm, dass man keinen Trost spenden kann. Vielleicht eher eine Hilfe zur Einordnung des Geschehenen und Überlegungen, wie es damit weitergehen kann.

Sind Sie auch schon mal in eine Situation gekommen, wo Hilfe abgelehnt wurde?

Schill: Ja. Da bin ich gegangen. Ich habe geschaut, ob die Betroffenen Zugang zu ihren Emotionen haben, ob die Phase des Schutz- und Sicherheitsuchens um ist. Als ich feststellte, dass das gegeben war, bin ich gegangen. Wir drängen uns nicht auf. Solche Situationen sind auch der Grund, dass ich Vielfalt ins Team bringen will. Noch vor zwei Jahren waren nur Pfarrpersonen, katholische und evangelische, im Notfallseelsorge-Team. Bis im letzten Jahr mein Vorgänger Harald Wysk zwei Nicht-Pfarrpersonen eingeführt hat. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. So wie es jetzt aussieht, werden wir auch in diesem Jahr wieder Nicht-Pfarrpersonen ausbilden. Und wenn wir ein Verhältnis von 1:1 haben, dann können die Betroffenen wählen, ob sie mit einem Pfarrer oder mit einer anderen Person sprechen wollen.

Was bringt die Arbeit als Notfallseelsorger den Ehrenamtlichen?

Schill: Die Arbeit bietet die Möglichkeit, sich selbst aus belastenden oder anstrengenden Alltagssituationen zu lösen und nach dem Einsatz eine neue Perspektive darauf zu finden. Im Team herrscht eine große emotionale Verbundenheit, die auch über die Dauer der aktiven Tätigkeit hinausgeht. Das ist etwas sehr Schönes. Außerdem tut es den meisten Menschen gut, anderen zu helfen. Von Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorgern höre ich nach dem Einsatz oft, dass ihr Tun sie mit dem Gefühl erfüllt, etwas Sinnvolles getan zu haben.

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