Vogelsbergkreis

Trost und Glücksgefühle

Tobias Reitz verdient sein Geld als Schlagertexter. Er gehört zu den Großen der Branche. Für Helene Fischer schrieb er 20 Lieder. Er arbeitet außerdem mit Stars wie den Kastelruther Spatzen oder Stefanie Hertel zusammen. Und jetzt kommt Reitz, der in Nieder-Ohmen aufgewachsen ist, in einem anderen Zusammenhang zu Wort. Im Ergänzungsband für das evangelische Gesangbuch, das während der Landeskirchenmusiktage vom 8. bis 10. September vorgestellt wird (das »EG plus«), taucht er als Texter auf. Demnächst ist er mit dem Theater Phönixallee wieder in seiner alten Heimat zu Gast (22. und 23. September im »aquariohm«).
31. August 2017, 20:23 Uhr
Redaktion
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Tobias Reitz mit Schlagerstar Helene Fischer. Für sie hat der Nieder-Ohmener schon mehr als 20 Lieder geschrieben, darunter fünf Hits. (Foto: pm)

Tobias Reitz verdient sein Geld als Schlagertexter. Er gehört zu den Großen der Branche. Für Helene Fischer schrieb er 20 Lieder. Er arbeitet außerdem mit Stars wie den Kastelruther Spatzen oder Stefanie Hertel zusammen. Und jetzt kommt Reitz, der in Nieder-Ohmen aufgewachsen ist, in einem anderen Zusammenhang zu Wort. Im Ergänzungsband für das evangelische Gesangbuch, das während der Landeskirchenmusiktage vom 8. bis 10. September vorgestellt wird (das »EG plus«), taucht er als Texter auf. Demnächst ist er mit dem Theater Phönixallee wieder in seiner alten Heimat zu Gast (22. und 23. September im »aquariohm«).

Was haben Schlager und Kirchenlied gemeinsam?

Tobias Reitz : Sie sind Lieder für die Leute. Für alle, die sich davon angesprochen fühlen und davon Trost, Glücksgefühle, Hoffnung oder Lebenserleichterung erhalten. Lieder aus beiden Genres sollten darum eher unkompliziert sein, gut mitsingbar und im Grundtenor positiv.

Was unterscheidet sie?

Reitz: Am naheliegendsten wohl das Klangbild, der Sound. Den Schlager empfindet man als fertig, wenn er voll instrumentiert und ausproduziert ist, was früher mit Orchester und Band geschah und heute meistens mit dem Computer geschieht. Beim Kirchenlied reichen meistens die Kirchenorgel oder gegebenenfalls Gitarre und Klavier. Das hat natürlich auch damit zu tun, wo die Lieder stattfinden und wie sie verbreitet werden. Die Kirche liefert mit ihrer Atmosphäre und Akustik oft schon den Rahmen, in dem auch ein kleines Lied groß wirkt. Das merke ich auch bei Schlagern, die vereinzelt in der Kirche stattfinden. Wenn Nicole dort Konzerte gibt und »Ein leises Lied« oder »Ein bisschen Frieden« singt oder wenn andere Schlager wie »Für alle« von Wind oder »Fang das Licht« von Karel Gott und Darinka in Kirchen gespielt werden, das habe ich als Erlebnisse mit besonderem Zauber in Erinnerung.

Was haben ein erfolgreicher Schlager, ein beliebtes Lied als gewisses Etwas?

Reitz: Ein Thema, in dem sich viele Menschen wiederfinden, aber aufgegriffen in einer Sprache und Poetik, die es besonders macht. Anders: Als Schlagertexter versuche ich zu artikulieren, was in den Menschen als Gedanke oder Gefühl bereits existiert, was aber kaum einer so wie der Schlager artikulieren würde. Zum Beispiel »Fehlerfrei« von Helene Fischer, mein bisher erfolgreichstes Lied. Die Aussage »Keiner ist fehlerfrei« wird wohl jeder unterschreiben können. Wenn es aber später im Refrain heißt: »Lasst uns versprechen auf Biegen und Brechen: Wir feiern die Schwächen!«, dann ist das anders artikuliert als in unserem Alltag. Im Alltag würden wir sagen: »Das ist halt so mit mir und meinen Macken. Was willste machen. Nervt aber schon manchmal«. Im Schlager nervt nichts. Da werden auch die Kleinigkeiten erhöht und gefeiert.

Was motiviert Sie, Kirchenlieder zu schreiben?

Reitz: Ich war a1s Gastreferent eingeladen zu einer Tagung zum Thema Schlager und Kirche. Da habe ich erlebt, welche Skepsis in gewissen Kirchenkreisen gegenüber dem Thema Schlager besteht. Um ehrlich zu sein, hat mich das verblüfft. In meiner naiven Vorstellung tut der Schlager keinem weh, und es gibt für mich keinen Grund, auf einer Beerdigung nicht einen Titel von Andrea Berg oder Helene Fischer zu spielen, wenn sich ein verstorbener Mensch das gewünscht hat. Genau das wurde auf der Tagung leidenschaftlich und kontrovers diskutiert. Daraufhin habe ich die Teilnehmer gebeten, mir Begriffe aus ihrer Lebens- und Alltagswirklichkeit zu nennen, aus denen ich innerhalb eines Tages einen Schlager gebaut habe. Eine fixe Idee! Die aber Erfolg hatte. Am nächsten Abend hatten wir den Titel fertig. Er hieß »Liebe hoch drei« und ist inzwischen sogar veröffentlicht worden. Kurz gesagt: Motiviert hat mich die Neugier. Und angestachelt hat mich die Skepsis von Menschen, die für mein Empfinden zu »scheuklappig« gedacht haben. Drangeblieben bin ich, weil meine Arbeit auf Gegenliebe gestoßen ist. So einfach war’s.

Wie fanden Sie zu ihrem Text für »Wer Dich liebt«?, der ins »EG plus« aufgenommen worden ist?

Reitz: Ich fand die Musik aus der Feder von Rainer Bielfeldt wunderschön (wie fast alle seine Werke). Eine gute Musik hat schon ein Gesicht. Ich hatte nur noch die Aufgabe, es nachzuzeichnen und mit Farben auszumalen. Sie merken schon, Text schreiben ist eine sinnliche Angelegenheit. (pm/Quelle: OP)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/vogelsbergkreis/art74,307565

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