Vogelsbergkreis

Kindheit in Mücke und den USA

Viele ihrer Angehörigen wurden von Nazis ermordet. Trotzdem kommt Ruth Stern Gasten zum dritten Mal nach Deutschland zurück. Sie berichtet von ihren Erfahrungen, wie sie sich nach der Auswanderung 1939 in den USA zurechtfinden musste. Und sie kommt in den Ort, in dem sie die ersten Jahre ihrer Kindheit verbracht hat: nach Nieder-Ohmen.
29. August 2017, 21:10 Uhr
Jutta Schuett-Frank
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Ein jüdisches Mädchen im nationalsozialistischen Hessen, ein deutsches Einwandererkind im Zweiten Weltkrieg in den USA: Ruth Stern Gasten, Jahrgang 1933, hat ein Buch über ihre Kindheit in Nieder-Ohmen und Chicago geschrieben. »An Accidental American« liegt jetzt erstmals in einer deutschen Ausgabe vor, in ehrenamtlicher Arbeit übersetzt und herausgegeben von Monika Felsing vom Bremer Geschichtsverein Lastoria. Die aus dem Vogelsbergkreis gebürtige Historikerin ist bei ihren Recherchen zur Buchreihe über Ober-Gleen auf Ruth Stern Gasten, die Cousine der Holocaustdichterin Hilda Stern Cohen, gestoßen. Seit dem Jahr 2016 sind die beiden in Kontakt.

Die evangelische Kirchengemeinde Nieder-Ohmen und der Geschichtsverein Lastoria aus Bremen laden jetzt gemeinsam zur Buchpremiere ein. Ruth Stern Gasten und ihr Lebensgefährte Sam Stone, die schon einmal im Jahr 2008 gemeinsam in Nieder-Ohmen waren, kommen dafür eigens aus den USA. Für die Autorin ist es der dritte Besuch in Deutschland seit ihrer Auswanderung im Jahr 1939.

Die Mutter von Ruth Stern Gasten, Hanna Nussbaum, stammte aus Ulmbach in Osthessen, der Vater Joseph Stern aus Nieder-Ohmen. Die dreiköpfige Familie hat bis zu ihrer Emigration in Nieder-Ohmen gewohnt, nicht weit von Joseph Sterns Elternhaus entfernt. Ruth Stern Gasten ist eine Cousine von Hilda und Karola Stern aus Nieder-Ohmen. Ihr Vater Joseph Stern und Meier Stern, der Vater von Hilda und Karola, waren Brüder.

Heimatforscher Reichel war Nachbar

Meier und Hedwig Stern, Toni Stern, Rifka Stern, andere Verwandte und Freunde sind im Holocaust umgekommen. Hilda und Karola haben Auschwitz überlebt und sind nach 1945 in die USA ausgewandert. Die Holocaustgedichte von Hilda Stern Cohen sind unter dem Titel »Genagelt ist meine Zunge« erschienen. Karola Stern Steinhardts Zeitzeugeninterviews sind auf der Website des United States Holocaust Memorial Museum abrufbar. Fotos und Daten der Familie stehen auf Alemannia Judaica Nieder-Ohmen und Alemannia Judaica Ulmbach. Ruth Stern Gasten ist zweimal verwitwet. Die jüngere ihrer beiden Töchter ist bei einem Autounfall gestorben.

Seit Jahrzehnten ist Ruth Stern Gasten in Livermore, Kalifornien, zu Hause. Sie hat eine große Patchworkfamilie, engagiert sich in einem Zeitzeugenkreis und in einer Gesprächsgruppe, in der zahlreiche Glaubensrichtungen vertreten sind. Heinrich Reichel, der Nieder-Ohmener Heimatforscher, war ein Nachbar der Sterns und bis zu seinem Tod stets mit Ruth Stern Gasten in Kontakt. Er hat die Geschichte der jüdischen Familien des Dorfes dokumentiert. Sein Buch »Ich habe viele von ihnen gekannt! Das Schicksal der jüdischen Einwohner von Nieder-Ohmen. Bemerkenswerte Ereignisse in Nieder-Ohmen während der Kriegsjahre 1939–1945« ist 2009 von der evangelischen Kirchengemeinde Nieder-Ohmen herausgegeben worden und dort erhältlich. Es enthält unter anderem auch Aufzeichnungen von Ruths Nachbarn Emil Ohnacker, der ebenfalls in Ruths Stern Gastens Buch erwähnt wird.

»An Accidental American. Memories of an Immigrant Childhood« (»Zufällig Amerikanerin. Erinnerungen an eine Einwandererkindheit«) hat Ruth Stern Gasten ursprünglich für Kinder und Jugendliche in den USA geschrieben, denen es ähnlich erging wie ihr damals. Die gebürtige Hessin schildert, wie ihre Familie unter den Nationalsozialisten gelitten hat, wie schwer es ihrem Vater fiel, sich von seiner Heimat zu trennen, und wie hart der Neuanfang für alle drei in den USA war. Als Flüchtlinge, die die Sprache des Einwanderungslandes erst lernen, sich beruflich oder in der Schule zurechtfinden mussten, hatten sie mit Problemen zu tun, die alle Migranten kennen. Im Nachwort erhalten die Leser einen Einblick in ihr weiteres Leben und Informationen über das Schicksal ihrer Verwandten. »An Accidental American« ist ein Stück Holocaustliteratur mit starkem Bezug zur Gegenwart und zugleich ein Beispiel für Einwanderer-Memoiren. Die deutsche Ausgabe, »Zufällig Amerikanerin«, ist bei BOD in Norderstedt als Taschenbuch und zugleich als E-Book erschienen. (Foto: pm)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/vogelsbergkreis/art74,305902

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