07. Juli 2017, 12:00 Uhr

Grenzen

Nur geheiratet werden durfte nicht

»Willkommen im Vogelsbergkreis« heißt es von nun an der Kreisgrenze nahe des Homberger Stadtteils Haarhausen.
07. Juli 2017, 12:00 Uhr
Neues Schild an der Landkreisgrenze bei Haarhausen: Spender Wilhelm Gerlach (links), Michael Plettenberg und Claudia Blum. (Foto: jol)

Der Erfurtshäuser Geschichtsforscher Wilhelm Gerlach hat eine wetterfeste Tafel spendiert, die auf der einen Seite das MR für den Landkreis Marburg-Biedenkopf und auf der andere VB für den Vogelsbergkreis aufweist. Sie wird dort aufgestellt, wo der alte »Grenzweg« auf die Landstraße trifft. Die neue Tafel soll nicht das Trennende in den Vordergrund stellen, sondern ist für Bürgermeister Michael Plettenberg »ein Zeichen der Verbundenheit« zwischen Amöneburg und Homberg.

Seine Homberger Amtskollegin Claudia Blum freut sich ebenfalls über die Tafel mit den Wappen und meint: »Sie sind eine Orientierung für Besucher der Region«. Homberg und Amöneburg arbeiten gut zusammen, betont Blum beim Ortstermin am Straßenrand.

Streit um das Erbe

Die Grenze zwischen den Landkreisen sei aber spürbar, so gibt es unterschiedliche Zeitungen. Der »Ohmtalbote« für Gemünden, Homberg und Amöneburg soll hier etwas helfen. Erkennbar ist die Grenze auch durch den unterschiedlichen Fahrbahnbelag, der just ab der Kreisgrenze auf Vogelsberger Gebiet einem Flickenteppich gleicht. Auch der Straßenräumdienst macht an der Kreisgrenze kehrt. Plettenberg freut sich über die private Initiative Gerlachs, der auch auf eine historische Grenze hinweist. Entlang der alten Linie zwischen Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt seien noch eine ganze Reihe Grenzsteine erhalten. Manche erinnern daran, dass Amöneburg ab 1866 preußisch war. Gerlach als ehemaliger Pfarrer verweist zudem auf die Konfessionsgrenze zwischen dem katholische Amöneburg und dem evangelischen Homberger Raum, die früher eine größere Rolle spielte als heute.

Generell war die Verbundenheit zwischen den Nachbarorten groß, wie sich besonders bei einer Streitigkeit im Jahre 1905 zeigte. Gerlach erzählte, dass der Besitzer eines großes Hofes ohne direkte Nachkommen gestorben war, weshalb der Hof an eine Schwesternschaft in Fulda gehen sollte. Das wurde von der Verwandtschaft angefochten, zumal das Testament keine Unterschrift hatte.

So kam es zur Versteigerung. »Dagegen haben die Erfurtshäuser einen Aufstand geprobt, um das zu verhindern«. Zunächst war sogar der Einsatz von Soldaten im Gespräch, um den Auktionator zu schützen. Die Soldaten kamen nicht, aber er musste unverrichteter Dinge abrücken und kehrte darauf mit einem Tross an Hilfskräften an. »Da haben die Burschen aus dem Dorf die Sicherungssplinte der Wagenräder herausgezogen und die Karren kippten einfach um in den Dreck,« fasste Gerlach den Ausgang der Geschichte zusammen. Die Obrigkeit habe dann als Strafmaßnahme beschlossen, dass die Erfurtshäuser Kirmes ausfällt. Doch die findigen Haarhäuser boten Hilfe an. Ein Landwirt stellte seine Wiese an der 200 Meter entfernten Gemarkungsgrenze zur Verfügung und die Bewohner beider Orte feierten fröhlich, während die Gendarmen über die Kreisgrenze zuschauen mussten. Gerlach schloss damit, dass es früher eine gute Zusammenarbeit zwischen den beiden Grenzdörfern gegeben hat, »Das galt nur beim Heiraten nicht, da ging es um das Erbe.«

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