06. Juli 2017, 12:00 Uhr

Trauung

Zwei Frauen wagen den großen Schritt

Alles wie bei anderen Trauungen. Nur die regenbogenfarbenen Tuniken stachen heraus. Darin traten Elke Saller und Susanne Göbel vor den Trautisch im Alsfelder Rathaus.
06. Juli 2017, 12:00 Uhr
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Aus der Redaktion
Unterm Regenbogen: Das Brautpaar Elke Saller und Susanne Göbel mit den Trauzeuginnen und der Standesbeamtin Meike Hahn. (Foto: pm)

Die Worte sind durchaus nichts Ungewöhnliches aus dem Mund einer Standesbeamtin, der ein heiratswilliges Paar samt Trauzeugen und Gästen gegenübersitzt. »Sie sind hier, um sich das Jawort zu geben. Sie haben den Willen bekundet, miteinander in die Zukunft zu gehen«. Dieser Tage waren sie es aber doch: Erst zum zweiten Mal überhaupt heirateten auf dem Alsfelder Standesamt zwei Frauen. Genau gesagt begründeten sie eine Lebensgemeinschaft oder »verpartnerten sich«, denn »heiraten« war gleichgeschlechtlichen Paaren in Deutschland bisher verboten. Die »Ehe für alle« hat der Bundestag in diesen Tagen beschlossen, ein entsprechendes Gesetz muss in der Praxis aber noch umgesetzt werden.

»Es ist immer noch keine Routine«, bekundete Standesbeamtin Meike Hahn, die sich in der Zeremonie für Elke Saller und Susanne Göbel dann aber nicht mehr um Bezeichnungen und Formalismen scheren wollte. »Sie wollen Ihren Lebensweg gemeinsam gehen, Sie haben sich gefunden und wollen sich vor der Gesellschaft zueinander bekennen. Und bald ist das auch endlich vollständig möglich. « Zu dieser Feststellung, vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen, gab es Applaus von den Gästen dieser Trauung, die sich für die beiden Bräute freuten, dass mit einem solchen Sieg nach einem langen Kampf ein weiterer Schritt in Richtung »ganz normal« getan ist. Ganz normal?

Als die beiden lesbischen Frauen am 6. Juni auf dem Alsfelder Standesamt erschienen, um ihre »Begründung einer Lebensgemeinschaft« zu beantragen, gab es noch keinerlei Anzeichen dafür, dass der Bundestag ganze drei Tage vor ihrer »Verpartnerung« mit einer großen Mehrheit die »Ehe für alle« beschließen würde.

»Es ist unglaublich, dass unsere Heirat – und genau das ist es für uns – in diese spannende Zeit fällt«, freut sich Elke Saller, die gemeinsam mit ihrer Frau ganz bewusst den Schritt an die Öffentlichkeit wagt, um zu zeigen: Homosexuelle Menschen und homosexuelle Paare gibt es nicht nur in den Großstädten, sondern auch im Vogelsberg. »Wir wissen, dass es immer noch viele von uns gibt, die sich nicht trauen, ihre Homosexualität zu leben.«

Angst vor Diskriminierung oder Mobbing, auch innerhalb der Familie, ist dafür verantwortlich. Nicht ohne Grund trifft sich der Lesbenstammtisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, nicht ohne Grund gibt es das Lesbentelefon. Doch: »Es hat sich viel getan in der Gesellschaft«, sind sich Elke Saller und Susanne Göbel, die jetzt Susanne Göbel-Saller heißt, einig.

Seit 17 Jahren sind sie zusammen, die Wogen, auch innerhalb der Familie, haben sich längst geglättet. Direkte Anfeindungen erleben sie längst nicht mehr, es gibt keine offenen Vorbehalte mehr, nur schief angesehen werde man manchmal schon.

Und nicht nur das: Auch die Kommentare in einigen Zeitungen, die nun zum Thema »Ehe für alle« geäußert werden, sind mitunter schwer erträglich.

»Wenn dann jemand schreibt, mit der Ehe für alle ‘kann Frauchen endlich ihren Hund heiraten’, dann fällt mir einfach nichts mehr ein«, führen die beiden Frauen ins Feld, für die es keinen einzigen Grund gibt, homosexuelle Paare anders zu behandeln als andere. Zumal sie wie alle zusammenlebenden Paare ohnehin schon alle gesetzlichen Pflichten einer Partnerschaft erfüllen und Verantwortung füreinander übernehmen. Und mit dieser Ansicht sind sie nun ja auch in großer und bester Gesellschaft.

Warum aber ist es so wichtig für die beiden, »richtig zu heiraten«? »Wir haben uns das wirklich lange überlegt«, lachen die beiden. Mal wollte die Eine, dann wieder wollte die Andere nicht. Eine homosexuelle Beziehung ist immer irgendwie auch eine politische Beziehung: Ein gleichgeschlechtliches Paar war bisher davon abhängig, was der Gesetzgeber ihm zugesteht.

Ist die Ehe noch zeitgemäß?

Will man dieses System unterstützen? Ist das System Ehe eigentlich wirklich so toll und heute noch zeitgemäß? Oder ist sie vielleicht doch ein Relikt aus patriarchalischen Zeiten, das man doch eigentlich hinter sich lassen will? Fragen über Fragen, und dazwischen die Liebe, die Romantik und der Wunsch, vor allen Menschen zu zeigen, dass man sich gefunden hat. Dass man wie heterosexuell Liebende auch zusammenstehen will in den vielzitierten »guten wie in schlechten Tagen«. Dass man Verantwortung füreinander übernehmen will – warum auch nicht?



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