13. Juni 2017, 20:13 Uhr

Vielleicht doch schon älter?

13. Juni 2017, 20:13 Uhr
Die Ehrengäste überreichen jedem der Autoren einen frisch gedruckten Band der Dorfchronik, v. l. Stadtverordnetenvorsteher Armin Klein, Ortvorsteher Willi Österreich, Bürgermeisterin Claudia Blum, Heinrich und Heidi Seim, Dr. Wolfgang Seim, Erika Müller, Bärbel Österreich, Angelika Hahner, Kreistagsvorsitzender Hans Heuser und nicht im Bild, aber Mitautor ist auch Ewald Witt.

Im Dorfgemeinschaftshaus wurden vorsorglich alle verfügbaren Stühle aufgestellt. Weit über 100 Gäste füllten zur Zufriedenheit der Organisatoren den Saal und mit Spannung wurde die Vorstellung der neuen Dorfchronik erwartet. Eine Reihe von prominenten Besucher garnierten den zentralen Vortrag von Dr. Wolfgang Seim mit zusätzlichen humoristischen, aber auch kritischen Beiträgen zu der Frage nach dem tatsächlichen Alter von Erbenhausen. Musikalisch umrahmt wurde der Abend vom evangelisch-gemischten Chor mit drei Liedvorträgen.

Die Stadt unterstützt die Aktivitäten rund um die 800-Jahr-Feier nicht nur finanziell, sondern auch mit Kräften durch Bauhof und die Verwaltung. »Das Ehrenamt muss unterstützt werden. Aber man lernt auch durch die Auseinandersetzung mit der Geschichte. So konnte ich dieser Tage in einer Unterhaltung mit meinem neu erworbenen Wissen glänzen, da ich den Begriff des Schinnrasen (früher eine Beerdigungsstelle für das verendete Vieh) in Erbenhausen gelernt habe.« Das sagte Bürgermeisterin Claudia Blum in ihrem Grußwort.

Auch Pfarrer Christoph Schulze-Gockel freut sich über die Bereicherung, die durch die Chronik für Erbenhausen entstanden ist. Neben dem Sippenbuch, das 2014 veröffentlicht wurde, »wird das Bild für die Erbenhäuser Geschichte wieder ein Stück weit vollständiger«. Die Arbeit habe auch das Zusammenleben im Dorf positiv verändert. Es wurde viel gesprochen und sich untereinander ausgetauscht, um die Inhalte für die Chronik zu sammeln.

Dr. Hans Heuser, Kreistagsvorsitzender begrüßte die Besucher, überbrachte die Grüße des Landkreises und würdigte kurzweilig und humoristisch die Leistung der Organisatoren. Von den Ehrengästen verzichtete der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung, Armin Klein, auf eine eigene Rede und ließ Bürgermeisterin Blum die guten Wünsche überbringen. Als Ehrengast war auch Alt- und Ehrenbürgermeister Walter Seitz anwesend.

Der Historiker Ferdinand Stein hatte unabhängig von Erika Müller an den Erbenhäuser Wüstungen selbst bereits früher Scherben aus der Karolingerzeit (751 bis 911) gefunden, berichtete er. Er mahnte nicht ganz ohne Schalk an, bei den Recherchen auch das »Kleingedruckte« beziehungsweise die nachträglichen Korrekturen zu berücksichtigen. »Gelegentlich berichtet ein Historiker zu einem Ort und die nachfolgenden schreiben es ab«, erläuterte Stein. Dabei habe vielleicht der erste die Quellen nicht sorgfältig studiert und den Nachfolgern unterliegen dann die gleichen Fehler. In Erbenhausen scheine auch ein solcher Fall vorzuliegen, stellt Stein fest, und überreichte die Ablichtung einer historischen »Korrektur einer Quelle«. Stein ermuntert die Erbenhäuser, weiter am Thema der Erforschung des Ursprungs zu bleiben. Zum Beispiel seien unter der aktuellen Kirche weitere aufschlussreiche Funde durchaus denkbar.

Die »Jubiläumskiller«

Dr. Wolfhard Vahl, Archivoberrat des Staatsarchivs Marburg, erklärte den Hintergrund zur Entstehungsgeschichte. »Es gibt viele Orte in meinem Einzugsbereich, die die gleiche Problematik einer lückenhaften Urkundenlage haben. Dem 30-jährigen Krieg sind viele Kirchenbücher und Dokumente zum Opfer gefallen. Im Falle von Erbenhausen, das zur Abtei Fulda gehörte, wurde das Archiv für einige Jahre des Krieges in die Schweiz gerettet.

Was dabei verschwunden ist, lässt sich allerdings auch nicht nachvollziehen. Anhand der Urkunden kann ich also offiziell nur bestätigen, dass Erbenhausen mindestens 800 Jahre alt ist«. Das habe aber nichts über das Alter der Siedlung zu sagen. Viele heutige Orte sind spontan aus kleinen Ansiedlungen entstanden. Es gibt also häufig keinen »Akt« der Gründung, der dann mit Urkunden belegt ist, erläuterte Vahl.

Er und seine Kollegen werden deshalb gerne auch als »Jubiläums-Killer« bezeichnet. Denn hin und wieder sind die Jubiläumsfeiern schon fest organisiert und die Experten können dann von offizieller Seite aus das Jubiläum nicht bestätigen oder sie erhalten vom Staatsarchiv kein positives Ersterwähnungsgutachten. »Da kommt keine Freude bei den Veranstaltern und zuständigen Politikern auf.« Für Erbenhausen machte er aber Mut, dass hier nicht nur eine 800-, sondern nach weiteren vertieften Recherchen doch auch noch eine 1100-Jahr-Feier angezeigt sein könnte, da die Angabe im Codex Eberhardi aus dem Kloster Fulda »sicher auf Erbenhausen bei Homberg und nicht auf Erbenhausen bei Marburg zu beziehen ist.«

Nun folgte der Höhepunkt, die Vorstellung der Chronik in einem Lichtbildvortrag. Dr. Wolfgang Seim erläuterte detailliert Aufbau und die Gestaltung des Buches. Der Vortrag überzeugte die Zuhörerschaft. So war die Schlange beim anschließenden Buchverkauf länger als am ebenfalls gereichten Imbiss. Seim zeigte eine Reihe von Bildern, die noch nie öffentlich zu sehen waren, da sie in mühseliger Kleinarbeit aus Privatbeständen freundlicherweise bereitgestellt wurden. Die Recherchen der Autoren brachten hochinteressante und auch überraschende Ergebnisse und Funde zutage.

Die Ortschronik kann im Rathaus Homberg bezogen werden.

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