Vogelsbergkreis

Bürgerschloss oder Judenhaus

Wer Lotto spielt, der hofft auf den Hauptgewinn. Alle anderen können sich trösten: Mit ihrem Spieleinsatz helfen sie alte Gebäude zu erhalten. Im Kreis gibt es zwei Kandidaten.
11. Mai 2017, 05:00 Uhr
Kerstin Schneider
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Mitglieder der Jury für den Denkmalschutzpreis mit Vertreten der Schlosspatrioten im Garten. Rechts Hessens oberster Denkmalpfleger Dr. Markus Harzenetter. (Foto: ks)

Etwas verspätet kam die Jury aus Vertretern der Denkmalbehörden, des Handwerks und von Lotto Hessen am Mittwochnachmittag in Homberg an. Dort warteten zahlreiche Vertreter der Schlosspatrioten im idyllischen Garten der frühmittelalterlichen Höhenburg. Vorsitzender Markus Haumann erläuterte kurz die Vorgeschichte des seit Jahren laufenden Projektes von Bürgern für Bürger. »Bis 2012 war das Schloss aus dem Bewusstsein der meisten verschwunden, ganze Generationen hatten keinen Zutritt zum Gelände.« Das änderte sich, als die Stadt die Anlage kaufte.

Dieser Verein engagiert sich seitdem auf vielfältige Weise, um ein neues Nutzungskonzept zu entwickeln und das »Bürgerschloss« dauerhaft für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In den vergangenen Jahren wurden so schon fast 300 000 Euro in den Erhalt investiert. Ab nächster Woche wird eine neue Heizungsanlage eingebaut, kündigten Haumann und die 2. Vorsitzende Alexandra Glatthaar an: »Dann müssen wir nicht mehr so viel Holz hacken.« Denn beispielsweise im gemütlichen Cafe kehren nicht nur Hochzeitspaare gern ein.

Burganlage aus 13. Jahrhundert

Die ältesten Teile der Burganlage datieren in das 13. Jahrhundert, 1646 wurden die Befestigungsanlagen geschleift und der Bergfried gesprengt. Daran erinnern die Schlosspatrioten immer bei ihrem Fest, das dieses Jahr vom 7. bis 9. Juli stattfindet. Inzwischen gibt es sieben Arbeitskreise, die sich um unterschiedlichen Aspekte der Vereinsarbeit kümmern, so ist der Arbeitskreis »Schlosswerkstatt« für die Instandhaltungsarbeiten zuständig.

Weil die Schlosspatrioten den Gedanken des Denkmalschutzes in breite Kreise der Bevölkerung tragen, schlug Bezirkskonservator Ansgar Brockmann ihr Projekt vor. Denn neben dem Denkmalschutzpreis mit 25 000 Euro wird noch der Ehrenamtspreis mit 5000 Euro vergeben. Nach einer Kaffee- und Kuchenpause mit Theatereinlage zeigte sich Dr. Markus Harzenetter, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege, im Namen der ganzen Jury sehr beeindruckt. Viola Euler hat die Jurymitglieder als »Babett« mit kleinen historischen Einlagen versorgt. Als Magd verkleidet berichtete sie unter anderem vom Wüten im 30-jährigen Krieg.

Asylbewerber packen mit an

Vorher hatte die Gruppe das Haus Speier in Alsfeld-Angenrod besucht. Es war seit 1840 Heimat für die gleichnamige Familie. Das Fachwerkhaus gilt als eines der letzten Relikte der einst großen jüdischen Gemeinde im Ort. Nach langem Leerstand nahm sich 2014 der Verein Gedenkstätte Speier Angenrod des baufälligen Gebäudes an. Inzwischen ist das Dach mit alten Ziegeln neu aufgesetzt, drei Fassaden sind hergestellt. Beim Rundgang zeigten sich die Mitglieder der Kommission beeindruckt vom Engagement des Vereins, ohne den einer der letzten Zeugen des Judentums im Vogelsberg zusammengefallen wäre.

Viel Arbeit leisten Asylbewerber über 80-Cent-Jobs unter fachlicher Anleitung. Eine Besonderheit ist das Baukonzept, wonach eine Haushälfte ohne Zwischenböden gestaltet wird. Der Blick auf die freiliegenden Grundmauern soll zeigen, dass in der Gedenkstätte die Mitte fehlt.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/vogelsbergkreis/art74,252961

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