21. Oktober 2008, 22:10 Uhr

Schlag mit Bierglas ins Gesicht schädigte Zähne

Alsfeld/Homberg (rs). Der Schlag mit dem Bierglas ins Gesicht riss einem Mann einen Zahn sofort aus dem Kiefer, drei weitere Zähne waren locker, ein fünfter brach ab.
21. Oktober 2008, 22:10 Uhr

Alsfeld/Homberg (rs). Der Schlag mit dem Bierglas ins Gesicht riss einem Mann einen Zahn sofort aus dem Kiefer, drei weitere Zähne waren locker, ein fünfter brach ab. Während Zeugen des Vorfalles im Januar an Fasching in der Homberger Stadthalle noch auf dem Boden nach dem ausgeschlagenen Zahn suchten und überlegten, wie sie das gefundene Objekt für eine Reimplantation retten könnten, verschwand der Schläger. Am Dienstag hatte sich der 23-Jährige vor dem Alsfelder Amtsgericht wegen gefährlicher Körperverletzung zu verantworten. Weil er geständig war, erstmals vor Gericht stand, eine gute Sozialprognose rechtfertigte und zivilrechtlich bereits die Wiedergutmachung eingeleitet hatte, wurde er nur zu sieben Monaten Haftstrafe, ausgesetzt zu zwei Jahren Bewährung, verurteilt. Die Richterin machte allerdings deutlich, dass der junge Homberger in Zukunft weniger dem Alkohol zusprechen sollte, denn der Vorfall habe gezeigt, dass er sich dann nicht unter Kontrolle habe. Zudem stellte sie ein Alkoholproblem fest und verhängte in diesem Sinne ein Bußgeld in Höhe von 800 Euro, das an den Förderverein der Jugend- und Drogenberatung im Vogelsbergkreis zu überweisen ist. Dort könne sich der junge Mann gegebenenfalls selbst Hilfe holen, regte die Richterin an.

In der Beweisaufnahme am Dienstag ließ sich der Angeklagte ein, er habe wegen des erheblichen Alkoholkonsums am Tatabend nur geringe Kenntnis über den Ablauf. Auslöser für die Verletzung des 32-jährigen anderen Mannes sei gewesen, dass dieser seine damalige Freundin umarmt und nach einer am Gardekostüm am Gesäß befestigten Papp-Sonne gegriffen habe. Bevor diese selbst darauf habe reagieren können, habe er, der Angeklagte, sich das Begrapschen verbeten, es sei in der Folge zu Geschubse und dann zu dem fatalen Schlag mit dem Bierglas gekommen. Ganz unschuldig wollte der 23-Jährige seinen verletzten Kontrahenten nicht davon kommen lassen, denn er führte eine Prellung am Kopf und eine Verletzung an den Lippen ins Feld, attestiert von einem Arzt am nächsten Tag. Diese Verletzungen hatten immerhin zwei Tage Arbeitsunfähigkeit begründet.

Dem Hinweis der Richterin, ein Abwarten, ob die damalige Freundin auch etwas gegen die Berührungen durch den 32-Jährigen gehabt habe, sei wohl besser gewesen, bestätigte der Angeklagte etwas zerknirscht. Außerdem bemängelte die Richterin, der Angeklagte könne sich offenbar an vieles erinnern, nur nicht an sein eigenes Tun. Schließlich sei der Schlag mit einem Bierglas in das Gesicht eines Kontrahenten so spektakulär, dass man das als Akteur mitbekommen haben sollte. Pro Jahr verhandele man im Vogelsbergkreis rund ein halbes Dutzend solcher Bierglas-Schläge, bei einem Verfahren in Lauterbach sei der Geschädigte auf beiden Augen erblindet. Das mache deutlich, wie knapp der Angeklagte an einem Verbrechens-Straftatbestand vorbeigeschrammt sei.

Als auffällig bewerteten sowohl die Richterin als auch der anklagende Oberamtsanwalt eine Begutachtung des Angeklagte durch einen Mediziner noch in der Tatnacht. Denn der junge Homberger war rund zwei Stunden nach dem Vorfall nach einer Blutentnahme auch untersucht worden. Der Arzt hatte den Gang des 23-Jährigen als sicher eingestuft, die Pupillen hätten sich normal dargestellt, die Fingerprobe sei sicher gewesen, und die Sprache deutlich. Dies alles habe der Mediziner attestiert, nachdem man einen Alkoholwert von knapp über zwei Promille festgestellt habe. Das lasse den Schluss zu, dass zum Zeitpunkt des Schlages ein Alkoholwert von zwischen 2,24 und 2,66 Promille bestanden habe. Weil aber der Test zwei Stunden später kaum Reaktions-Auffälligkeiten gezeigt habe, müsse man von einer Gewöhnung des Körpers an Alkohol ausgehen. Vor diesem Hintergrund könne sich der Angeklagte nicht rausreden, er habe Erinnerungslücken.

Der geschädigte 32-Jährige sagte aus, er habe die damalige Freundin des Angeklagten angesprochen und wohl auch angefasst, denn als federführender Angehöriger des damals ausrichtenden Vereines habe er die Gardetänzerin, die neu gewesen sei, bereits vorher mit Konfetti beworfen, das sei so eine Art Aufnahmeritual. Im Foyer, wo es zu den Schlägen gekommen war, hatte er dann die junge Frau angesprochen, ob das Konfetti denn noch jucke, das habe den 23-Jährigen wohl provoziert. Daraus habe sich dann zunächst eine Rempelei ergeben, man habe sich verbal Vorwürfe gemacht und dann sei es zu dem folgenschweren Schlag mit dem Glas gekommen. Der Geschädigte gab an, dass die Veranstalter den späteren Schläger bereits vom Abend vorher im Visier gehaben hätten, weil der unangenehm aufgefallen sei. Vor diesem Hintergrund habe er dem 23-Jährigen dann bei dem Wortwechsel auch bedeutet, er solle auf dem Teppich bleiben, oder er fliege raus.

Ein weiterer Zeuge hatte lediglich den Schlag mit dem Bierglas gesehen, nicht aber den Anlass. Seine Aussage enthielt aber auch zum Hintergrund die Mitteilung, dass er bereits vor Monaten in Hinblick auf die anstehende Verhandlung aus Sportlerkreisen (es fielen Namen) darauf angesprochen worden sei, warum er sich in diese Angelegenheit überhaupt einmische. Dies habe er, so der Zeuge, durchaus als Druck verstanden. Diese Art der versuchten Einflussnahme wertete die Richterin als »Schweinerei«, denn wenn Zeugen dem Folge leisteten, könnten Geschädigte mitunter auf den Folgen von Straftaten sitzen bleiben. Es bestehe die Pflicht auszusagen, gebenenfalls könne eine Beugehaft von bis zu sechs Monaten verhängt werden.

In seinem Plädoyer ging der Oberamtsanwalt davon aus, dass sich der Angeklagte provoziert gefühlt habe. Als Reaktion sei ein Wortwechsel denkbar, keinesfalls aber das, was dann gefolgt sei. Das sei wohl auch dem Alkoholkonsum geschuldet, der eher für zwei Erwachsene gereicht habe. Es sei auch nicht von einer Notwehraktion auszugehen, der Geschädigte sei jetzt ein Leben lang gezeichnet. Positiv sei zum Angeklagten zu werten, dass dieser weitgehend geständig gewesen sei und nicht vorbestraft. Eine achtmonatige Haftstrafe sei für drei Jahre zur Bewährung auszusetzen.

Eine Geldstrafe hielt unterdessen der Verteidiger wegen der gefährlichen Körperverletzung für angemessen. Allerdings sei die Kette der Handlungen durch die Provokation in Gang gesetzt worden, ohne damit die Schwere der Verletzungen entschuldigen zu wollen. Wegen des starken Alkoholkonsums müsse man von verminderter Schuldfähigkeit in einem minderschweren Fall ausgehen, 90 Tagessätze zu 20 Euro seien da angemessen.

In seinem letzten Wort bedauerte der Angeklagte sein Handeln und entschuldigte sich bei dem Geschädigten.

Das Urteil begründete die Richterin damit, dass man die Enthemmung unter Alkohol nicht ausschließen könne, strafmildernd dürfe der Umstand aber nicht gewertet werden. Denn der Geschädigte habe sich bislang 22 Zahnarztbehandlungen unterziehen müssen, ein Ende sei nicht abzusehen. Wegen der Schwere der Verletzungen könne von einem minderschweren Fall wohl nicht die Rede sein, und die Provokation könne man an der unteren Grenze ansiedeln. Sollte der Angeklagte in der Bewährungsfrist wieder straffällig werden, stehe eine Haftstrafe ohne Bewährung in Aussicht.

Das Urteil wurde noch im Gerichtssaal rechtskräftig.



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