16. Februar 2017, 10:15 Uhr

Vogelgrippe

Endlich wieder Freiheit für das Rassegeflügel

Die Rassegeflügelzüchter sind froh: Mit dem Aufheben der Stallpflicht mit Ausnahme eines Sperrbezirkes im Raum Antrifttal/Alsfeld können die Tiere endlich wieder ins Freie.
16. Februar 2017, 10:15 Uhr
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Von Rolf Schwickert
Die Züchter sind heilfroh, dass sie ihre Tiere endlich wieder ins Freie lasen können. (Foto: rs)

Aber rund die Hälfte der Tiere erlebt das nicht: Sie sind aus Platzmangel getötet worden. Das hätte nicht sein müssen, meinen die Züchter in Nieder-Ohmen. Sie wollen die Aufsichtsbehörden für künftige Fälle zu einem besseren Austausch anregen.

Vor Ort: Ein Hahn versteckt sich in einer Mulde zwischen Hecke und Zaun, zwei Hühner scharren im Gras, umgeben von Artgenossen, die die wärmenden Strahlen der Wintersonne zu genießen scheinen: »Das haben die Tiere seit Ende November nicht mehr gehabt«, sagt Norbert Becker angesichts des Geflügel-Idylls in der weitläufigen Anlage in Mücke. Der Vorsitzende des Geflügelzuchtvereines Nieder-Ohmen und Umgebung sowie die anderen 94 Vereinsmitglieder atmen mit dem Aufheben der Aufstallungspflicht wegen der Gefahr des Infizierens mit dem Vogelgrippevirus vom Typ H5N8 auf.

Die Brutsaison kann beginnen, und so scheint einem Beschicken von Ausstellungen ab Saisonbeginn Anfang September nichts im Weg zu stehen, wenn in den kommenden Wochen auch diese noch bestehende Beschränkung aufgehoben werden sollte.

Allerdings haben die Rassegeflügelzüchter nach Verhängen der Sperre Ende November rund die Hälfte ihrer Tiere töten müssen, der Wiederaufbau des Zuchtbestandes wird nicht leicht sein. 2006 hatte es schon mal wegen eines Virus Beschränkungen gegeben, aber damals waren immerhin Ausstellungen möglich gewesen – eine wesentliche Einnahmequelle der Vereine. Um in Zukunft bei Infektionsgefahr besser im Interesse von Züchtern und Tieren agieren zu können, streben die Züchter einen Dialog mit Behördenvertretern (Landratsamt und Kreisveterinäramt) an, denn sie haben den Eindruck, dass es Spielräume gibt. Diesen Schluss legt zumindest die sehr unterschiedliche Verfahrensweise in den Landkreisen nahe.

Neben Vorsitzendem Becker erläutern auch Ehrenvorsitzender Ewald Reichel sowie Gerätewart Wolfram Nöldner und Züchter Herbert Matthias die Lage der Rassegeflügelzüchter. Ihr Bestreben, alte Haustierrassen zu erhalten, ist auf eine breite Population angewiesen. Diese ist mit dem Zwang zur Tötung nach dem Aufstallerlass deutlich geschmälert worden, denn die rund 1000 Tiere des Vereines untergliedern sich in immerhin 15 Rassen.

Dabei sind unterschiedliche Ausprägungen, etwa farblicher Art, noch gar nicht berücksichtigt. Viele dieser Tiere stehen auf der Roten Liste für bedrohte Nutztierrassen. Für die Rassegeflügelzüchter ist die artgerechte Freilandhaltung sowie die Produktion von Fleisch und Eiern (Zweinutzungsrassen) für den Eigenbedarf die einzige Haltungsform. Weil die alten Geflügelrassen den Wildformen sehr nahe stehen, sind bei ihnen zum Beispiel Rangkämpfe ausgeprägt und sie haben einen intensiven Bewegungsdrang.

Dem kann auch bei einem verringerten Bestand im Stall nicht Rechnung getragen werden. Ein Ergebnis: Jetzt kommen Hähne mit den von Artgenossen abgehackten Kämmen in den Freilauf. Die Tiere konnten sich auf engstem Raum nicht ausweichen.

Die Begleitumstände beim Aufheben der Aufstallpflicht im Vogelsbergkreis geben den Mücker Rassegeflügelzüchtern zu denken: Denn Landrat Manfred Görig habe im Vorfeld geäußert, wenn der am Antriftstausee tot gefundene Schwan mit dem H5N8-Erreger infiziert sei, könne die Sperre nicht aufgehoben werden. Jetzt habe sich der Schwan als infiziert herausgestellt. Gleichwohl sei die flächendeckende Sperre aufgehoben und nur auf Ortsteile von Antrifttal und Alsfeld beschränkt worden.

Das hätte man gleich machen können, meinen die Züchter. Und Becker sowie seine Mitstreiter weisen darauf hin, dass sich an der Risikoeinschätzung des federführenden Friedrich-Löffler-Institutes (Bundesforschungsanstalt für Tiergesundheit in Greifswald) nichts geändert hat.

Die einschlägigen Passagen vom 25. November 2016 und vom 13. Februar 2017 sind deckungsgleich.

Geändert hat sich allerdings seit Wochenanfang der Umfang der Beschränkungen. Diese hätte man aus Sicht der Rassegeflügelzüchter früher haben können, wenn sich Politiker und Behörden mit den Züchtervertretern ausgetauscht hätten. So habe der Landesverband im Januar Anfragen an die im Wiesbadener Landtag vertretenen Fraktionen gerichtet. Man habe sich mit SPD, CDU sowie Fachministerin Priska Hinz (Grüne) und dem Tierseuchenbeauftragten ausgetauscht. Anfang Februar habe es dann eine Anhörung gegeben, und daraus sei der Erlass zum Lockern der Aufstallpflicht gefolgert.

Vorsitzender Becker weist zudem auf einige Vorkommnisse hin, die die Wirkweise beziehungsweise die Intensität des H5N-Erregers infrage stellen. So sei im Opel-Zoo ein Pelikan infiziert gewesen und verendet.

Die anderen Tiere aus dem Gehege seien gesund geblieben. In Rheinland-Pfalz sei ein Bestand mit 600 Tieren von der Aufstallpflicht ausgenommen worden. Proben im Umfeld hätten nach einigen Wochen bei einem Bestand mit sechs Tieren eine Infektion mit H5N5 ergeben. Eine Keulungsverfügung für den großen Bestand habe ein Gericht aufgehoben, die sechs betroffenen Tiere seien in Quarantäne gekommen. Danach sei keines der Tiere verendet, der Virus habe sich nicht mehr nachweisen lassen.

Daraus könne man ableiten, dass die Immunabwehr der erkrankten Tiere intakt gewesen sei. Wirtschaftsgeflügel sei hingegen wohl nicht so widerstandsfähig. Und die Mücker Züchter weisen noch auf einen anderen Umstand hin: Sie sehen nicht nur die natürlichen Vogelfluglinien als Weg der Übertragung. Denn schließlich würden beispielsweise viele Lastwagen aus den Niederlanden mit Tausenden Eintagsküken zum Flughafen Frankfurt fahren, die Tiere werden nach China exportiert. Von dort komme dann Vogelmist, der auf deutschen Äckern landet.

So zufrieden, wie man im Vogelsbergkreis sein kann, ist man in Züchterkreisen im Raum Gießen nicht: Denn dort wurde nach dem Fund eines infizierten Vogels in Linden die flächendeckende Sperre nicht aufgehoben. Eine erneute Überprüfung ist immerhin für Montag vorgesehen.



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